Augen auf, Kinnlade runter!

17. November 2006, 19:11
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Eine hochprofessionelle, mitreißende Zirkusshow in einem etwas pathetisch alle PR-Möglichkeiten aus­schöpfenden Rahmen: "Afrika! Afrika!" - Dazu: Interview mit UN-Sonderbeauftragten für Rassismus

Der jüngsten Event-Kreation von André Heller, dürfte auch in Wien ein durchschlagender Erfolg beschieden sein.


Wien – Irgendwo hat André Heller einmal unvergleichlich seufzend gesagt: "Ich stehe mir oft selbst im Weg." Will heißen: So professionell, so einfallsreich und (in der Tat) wie kein heimischer Künstler oder Kunsthandwerker alle internationalen Optionen ausschöpfend kann er gar nicht agieren, dass nicht irgendwo wieder Gevatter Neid und Großmutter Provinzialität sich aus dem gemeinsamen Lager erheben und "Ja, aber!" oder "Nicht schon wieder!" zetern.

Heller, der auf diese Weise schon vieles einstecken musste (aber in Relation zu dem, was er mit seinen Projekten eingenommen hat) – er hat sich daher mittlerweile die Haltung eines immer aufs Neue erstaunten Toren zugelegt, der es sich geradezu ostentativ leistet, die Schuld, wenn schon nicht bei sich selbst zu suchen, so doch nur bedingt wahrzunehmen.

Immerhin: "Wenn der heutige Abend schief geht", sagte Heller kurz vor der Wiener Premiere von Afrika! Afrika! zum Standard, "dann ist das bitt’ schön alles nur meine Schuld. Diese Menschen hier" – wir befanden uns gerade backstage beim Aufwärmtraining unfassbar athletischer, konzentrierter, schon hinter der Bühne erstaunlicher Artisten – "die können gar nichts mehr falsch machen." Er, so Heller, sei ja gerade "doch nervös". Die Jongleure, Musiker, Tänzer, Verzauberer rund um den Choreographen Georges Momboye hingegen: "Die sagen: Warum nervös sein? Wir können nur die eine Sache. Aber wir haben lange genug geübt. Jetzt müssen die Leute Freude daran haben."

Dass das keine rhetorische Heller-Finte ist, sondern die korrekte Wiedergabe eines Arbeits- und Performance-Ethos: Davon konnte man sich wenige Minuten später überzeugen. Spätestens, wenn nach einem wahren Hexenkessel an tänzerischem Prolog Schwertjongleure aus Ägypten jede Vernunft im Umgang mit Hieb- und Stoßwaffen lachend zu leugnen scheinen, ist im gut 2000 Sitze umfassenden Auditorium die Hölle los. Und in weiterer Folge wird von fassungslosem "Augen auf! Kinnlade runter!" bis zu seliger Heiterkeit so ziemlich alles auf der nach oben offenen Freude-Skala durchgespielt.

Neue Toleranz

Akrobaten wandern Stangen hoch, als wären sie Leitern; ein Clown (der "Waterman") spuckt meterweit Wasser aus dem Nirgendwo; auf Einrädern kann man noch lustiger Basketball spielen und seilspringen; schwere Amphoren und große Tische werden jongliert (mit den Beinen!), als wären sie kleine Bälle; und und und: Gleichzeitig hat die zweieinhalbstündige Show (inklusive Pause) ein Tempo, das schnell vergessen macht, dass es immer noch billige Zirkus-Sperrsitze sind, auf denen man da sitzt und staunt und sogar mittelprächtige Videoprojektionen toleriert. Weil damit kann man ja leben im Zirkus, dass manches ein bisschen schäbig oder bestenfalls charmanter Flitter ist.

Müsste man also nach diesem begeisternden Programm Heller noch an irgendetwas "die Schuld geben" wollen? Man muss nicht, abgesehen davon, dass Eintrittspreise von 30 bis 99 Euro jede Durchschnittsfamilie leicht überfordern dürften. Und, na ja, die "Rahmeninszenierung" in den Vor- und Nebenzelten, in denen man Afrika-Dinners buchen und die CDs und Bücher kaufen kann: Etwas weniger Dschungeltöne aus dem Off wären kein Schaden.

Überhaupt bewegt sich das Ambiente als Ensemble zwischen Bambuskasse und Plastikflaschen-Recycling-Luster hart am Rande zum US-Vergnügungspark Marke Disneyworld. Die Frage, inwiefern uns dies alles nach "Afrika!" entführen soll, beantwortet sich da fast von selbst. Diese Show entführt viel eher – und das ist nicht einmal das Schlechteste – in eine Welt spektakelhafter Effekte, in der manche Tricks vielleicht trashig sein mögen, aber: Sie funktionieren. Die "fremde Welt", in die uns auch dieser Zirkus hineinzieht, in ihr erfüllen wir uns die eigenen Wünsche.

Das ist manchmal geschmacklos, hochstaplerisch, derb. Aber es erzählt, wie seit jeher im Zirkus, eine tiefere Wahrheit – über den Tand, aus dem Illusionen gemacht sind. (Claus Philipp, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.11.2006)

>>>STANDARD-Interview mit UN-Sonderbeauftragten für Rassismus Doudou Diène

"Afrika! Afrika!"
Von 16. November 2006 bis 13. Jänner 2007 in Wien, 2., Rotundenplatz, Messegelände. Dienstag bis Freitag um 20 Uhr, Samstag um 15 und 20 Uhr, Sonntag um 14.30 und 19 Uhr
  • Backstage bei "Afrika! Afrika!" Letzte beredte Momente vor dem Schminkspiegel, bevor André Hellers neueste große Zirkusshow beginnt.
    foto: standard/christian fischer

    Backstage bei "Afrika! Afrika!" Letzte beredte Momente vor dem Schminkspiegel, bevor André Hellers neueste große Zirkusshow beginnt.

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    foto: standard/christian fischer
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