Investoren im Kaufrausch

5. Juli 2007, 13:53
10 Postings

"Darf's ein bisserl mehr sein?" Noch nie wurden so viele Einkaufszentren wie jetzt gebaut. Verlierer werden die Einkaufsstraßen sein

Investoren setzen auf den Standardsatz des guten alten Greißlers ums Eck: "Darf's ein bisserl mehr sein?" Noch nie wurden – auch in Westeuropa – so viele neue Einkaufszentren wie jetzt gebaut und von Investoren finanziert. Der Bedarf wäre aber schon lange gesättigt.

***

Ein Besuch auf der Mapic in Cannes, dem weltgrößten Marktplatz für Einkaufsimmobilien, ist jedes Jahr aufs Neue wie Monopoly-Spielen. Im Trubel des Feilschens und Handelns fühlt man sich unweigerlich an das bunte Spielbrett aus längst vergangener Kindheit erinnert. Ganze, oft hunderttausend Quadratmeter große Einkaufszentren werden an den Mann und an die Frau gebracht.

Bauen im Rekordtempo

Und der weltweite Shopping-Center-Hype hält weiter an: Nach wie vor wird in einem Rekordtempo gebaut, als ob es noch nicht genug Einkaufszentren gäbe, als ob die Zahl an Konsumenten und Konsumausgaben schier unbegrenzt wäre. Und das Verblüffende ist, dass praktisch alle realisierten Projekte Käufer finden.

Geldströme reißen nicht ab

Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden in Europa Shoppingcenter im Wert von nahezu 15 Milliarden Euro von Investoren gekauft. Das ist um 50 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und dreimal so viel wie 2004, rechnet Richard Bloxam vom internationalen Gewerbemakler Jones Lang LaSalle vor. "Vorerst reißen die Geldströme der Investoren nicht ab. Für 2007 werden noch weitere Steigerungen erwartet, wobei die Gelder dann vor allem in die Ukraine, nach Rumänien und die Türkei fließen werden", so Bloxam.

Appetit auf mehr

Diese nahezu unbeschränkten Investmentgelder machen auch den Immobilienentwicklern Appetit auf mehr. Nahezu 7,5 Millionen Quadratmeter neue Verkaufsflächen sind bis Ende Oktober dieses Jahres in Europa entstanden, davon 6,5 Millionen Quadratmeter in gänzlich neuen Einkaufszentren, der Rest durch Erweiterung bestehender Flächen.

Bauboom in Russland

Für 2007 lauten die Prognosen ähnlich, zumindest was die Repräsentanz neuer Shoppingcenter-Projekte auf der diesjährigen Mapic betrifft. Das größte Flächenwachstum des kommenden Jahres gibt es in Russland (plus 1,5 Millionen Quadratmeter), dicht gefolgt von Polen und Italien. Österreich liegt mit seinen vergleichsweise bescheidenen 250.000 Quadratmeter deutlich im Hinterland, aber immerhin noch vor der Schweiz, vor Tschechien und Ungarn.

Stagnierende Konsumausgaben in Österreich

Laut des Immobilien-Beraters Cushman & Wakefield ist dabei bemerkenswert, dass Österreich – umgelegt auf die kleine Einwohnerzahl – mit knapp 300 Quadratmetern pro 1000 Einwohner europaweit an vierter Stelle liegt. Das offenbar ungebremste Flächenwachstum in Österreich lässt angesichts stagnierender Konsumausgaben daher nur einen Schluss zu: Der Wettbewerb der Standorte untereinander wird noch härter werden als bisher.

Verlierer die Einkaufsstraßen

Bei den Expertengesprächen auf der Mapic war man sich einig: Der eine oder andere Standort wird langfristig gar nicht mehr zu halten sein. Und die wesentlichen Verlierer werden – das liegt international voll im Trend – wieder mal die Einkaufsstraßen sein. Lediglich große innerstädtische Einkaufszentren werden die Innenstädte wirtschaftlich am Leben erhalten können.

ÖBB als Betreiber

Den Vergleich mit globalen Entwicklern von Einkaufszentren brauchen neuerdings nicht einmal mehr die ÖBB zu scheuen. Neue Shoppingcenter mit insgesamt 100.000 Quadratmetern Einkaufsfläche sind in den heimischen Bahnhöfen derzeit in Entwicklung. Dabei können ÖBB-Holdingvorstand Martin Huber und dessen ÖBB-Immobilienmanagement-Geschäftsführerin Michaela Steinacker bei ihren Standorten mit zwei wichtigen Vorteilen aufwarten: Einerseits gibt es in den größeren Bahnhöfen naturgemäß eine hohe Frequenz an potenziellen Kunden, andererseits können die ÖBB mit der einzigartigen Möglichkeit extrem langer Öffnungszeiten punkten – auch am Sonntag.

Konsumtempel am Westbahnhof

Neben etlichen kleineren Projekten in St._Pölten und Salzburg stechen die geplanten Konsumtempel am Westbahnhof (20.000 Quadratmeter) und am neuen Zentralbahnhof (im Gespräch sind 20.000 bis 35.000 Quadratmeter) hervor. "Die Bewirtschaftung von Immobilien ist eine Kernkompetenz der ÖBB", erklärt Martin Huber. Den Immobilienbestand in einen eigenen Fonds einzubringen, sei daher vorerst nicht geplant.

ÖBB größte Liegenschaftseigentümer

Klar ist auch, dass es bei diesen mehr oder weniger konkreten Projekten allein nicht bleiben wird. Insgesamt sind die ÖBB mit 200 Millionen Quadratmeter Liegenschaften einer der drei größten Liegenschaftseigentümer der Republik. Ein Viertel davon ist nicht betriebsnotwendig. (Gerhard Rodler aus Cannes,DER STANDARD Printausgabe 18/19.11.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Alle klagen über aussterbende Innenstädte. Doch wer ist dann für den anhaltenden Boom der unzähligen Shoppingcenter verantwortlich?

Share if you care.