Opern, Orchideen und ein ohnmächtiger Rächer

16. November 2006, 17:37
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In der großartigen Filmreihe des "New Crowned Hope"-Festivals übertragen Autoren des Weltkinos Mozarts Ideen eher assoziativ auf postkoloniale Verhältnisse

Wien – Die Beziehung von Mozart zum thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul ist vielleicht ein wenig vage: "Ich bin kein Mozart-Fan", sagt der Regisseur, "aber wenn ich seine Musik höre, höre ich ihre fließende, wasserartige Qualität. Ich höre, wie die Musik in ihrer Vorwärtsbewegung verscheidene Formen anzunehmen scheint."

Nun hat Weerasethakul für das von Peter Sellars konzipierte Festival "New Crowned Hope" einen Film realisiert. Er heißt "Sang Sattwat" ("Syndromes and a Century"), und wie schon die früheren Arbeiten des Regisseurs, mit denen er sich in der internationalen Filmwelt als einer der wesentlichen Autoren etablieren konnte, hat er ein zweiteilige Struktur.

Die erste Hälfte spielt in einem Krankenhaus im Dschungel, die zweite in der Großstadt. Die Szenen – etwa ein Gespräch zwischen einem Mediziner und einem Mönch – spiegeln sich, wobei die Kameraperspektive verkehrt wird. Formen, Motive, Blicke lösen sich ab, eine Liebesgeschichte wiederholt sich, scheitert aber beide Male an Hindernissen.

Vage oder nicht, man muss in diesem visuell betörenden Film nicht unbedingt Mozart aufspüren, um seine mehr an der Idee der Reinkarnation geschulte Abfolge der Zeiten schätzen zu können. Weerasethakul geht es um Transformationen – man mag dabei an die "Zauberflöte" denken –, er bildet keinen linearen Prozess ab, sondern untersucht ein Wechselspiel der Formen, in dem sich schon einmal eine Orchidee in den Windungen eines futuristischen Rohrs wiederfinden lässt. Der ganze Film gleicht einer Versuchsanordnung, in der Technologie und Natur, Wissenschaft und spirituelle Verfahren keinen Gegensatz bilden, sondern von derselben Sehnsucht des Menschen nach Heilung erzählen.

Lokal, universell

"Sang Sattawat" ist einer von sieben Filmen, die Sellars gemeinsam mit Simon Fields, dem ehemaligen Direktor des Filmfestivals Rotterdam, in Auftrag gegeben hat. Die Beziehung zu Mozart ist in allen Arbeiten assoziativ, die Auswahl der Autoren – der Kurde Bahman Ghobadi, Paz Encina aus Paraguay, Mahmat-Saleh Haroun aus dem Tschad, der Malaie Tsai Ming-Liang, der Südafrikaner Teboho Mahlatsi sowie der Indonesier Garin Nugroho – auf minoritäre Positionen ausgerichtet, wobei jeder Film von einem lokalen Kontext ausgeht und in seiner Problematik gleichwohl universelle Gültigkeit anstrebt.

Das einzige dezidiert musikalische Werk ist "Opera Jawa" von Garin Nugroho, ein Film, der auf vergleichbare Weise wie Weerasethakul traditionelle und gegenwärtige Verfahren ineinander verschränkt. Elemente der Gamelan-Oper, javanische Gesänge und Tänze und Rauminstallationen bildender Künstler bilden die heterogenen Bestandteile, die Nugroho zu einem Gesamtkunstwerk verdichtet, das in dieser Form wohl noch nie zu sehen war. Der gänzlich gesungene Film bedient sich einer Episode des Ramayana-Epos – die Frau Siti steht zwischen zwei Männern –, aber der Film knüpft dieses Melodram an eine politische Geschichte seines Landes an, wenn Missernten und politische Willkür wiederholt Thema sind.

Die Verschränkung von Tradition und (Post-)Moderne, konkreter: kolonialer Ausbeutung und postkolonialer Identitätssuche, ist vielleicht das bestimmende Motiv aller Filme von "New Crowned Hope". Mahmet-Saleh Harouns Daratt ("Dry Season"), der auf dem Filmfestival von Venedig bereits den Spezialpreis der Jury erhielt, macht dies besonders deutlich: Zu Beginn des Films wird aus dem Radio verlautbart, dass die Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission eine Generalamnestie beschlossen hat. Ein junger Mann zieht nunmehr mit einer Pistole los, um den Mord an seinem Vater während des Bürgerkriegs im Tschad zu rächen. Haroun beschreibt die Annäherung an den Täter in statischen Bildern, die viel Raum für die körperliche Anspannung der Beteiligten lassen. Der Racheakt wird durch den Umstand erschwert, dass der Täter, ein Bäcker, den jungen Mann wie seinen Sohn behandelt. Versöhnung wie in Mozarts Oper "La clemenza di Tito" ist hier das Grundthema, das Haroun insofern variiert, als er Schuld nicht einfach aufhebt, sondern in einem großartigen Schlussbild mit einer allegorischen Geste tilgt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2006)

Von 17. 11. bis 22. 11. im Wiener Gartenbau-Kino
Wiederholungen 27. bis 30. 11. im Österreichischen Filmmuseum

Link: newcrownedhope.org

  • Sinnesrausch: Garin Nugrohos "Gamelan"-Musical "Opera Jawa" kombiniert traditionelle Tanz- und Gesangsformen mit Werken bildender Künstler
    foto: new crowned hope

    Sinnesrausch: Garin Nugrohos "Gamelan"-Musical "Opera Jawa" kombiniert traditionelle Tanz- und Gesangsformen mit Werken bildender Künstler

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