Der Vorhang fällt in Donna Leons "Venezianisches Finale"

16. November 2006, 15:57
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Leons Krimi-Debüt mit dem unorthodoxen, lebenslustigen Ermittler Brunetti ist alles andere als kühl berechnete Literatur

Im berühmten venezianischen Opernhaus "La Fenice" herrscht angespannte Stille. Der Pausengong ist verklungen, die Lichter sind gelöscht. Alles ist bereit für den dritten Akt von Verdis "La Traviata". Es ist der Moment vor dem ersten Ton, der Moment, in dem das Publikum den Atem anhält, in dem sein Herzschlag vor Anspannung einen Moment auszusetzen scheint. Doch wo sonst die ersten Takte erklingen, da setzt ein Herzschlag aus. Denn als schließlich die sich unerträglich lang ausdehnende Stille einem verwunderten Tuscheln weicht und endlich der Intendant vor den Vorhang tritt, um dem unruhig gewordenen Publikum mitzuteilen, dass der Meisterdirigent Wellauer für den Rest der Vorstellung von einem Kollegen vertreten werde, da weiß er bereits, dass Wellauer tot in seiner Garderobe liegt.

Noch während die Vorstellung unter dem Ersatzdirigenten läuft, stellen eine Ärztin und der hinzugerufene Kommissar Brunetti fest, dass Wellauer offensichtlich mit Zyankali vergiftet worden ist. In Donna Leons erstem Krimi geht es um große Kunst, Eifersucht, versteckte Liebschaften und düstere Geheimnisse aus der Vergangenheit. Das Opernhaus, die vielgesichtige Stadt Venedig als Schauplatz eines Mords. Alles ist hier große Bühne, großes Gefühl. Schnell wird dem Leser klar, dass es hier um mehr geht als nur einen bestimmten Mordfall. Es geht hier nicht allein um den Dirigenten, der vergiftet worden ist. Es geht um einen der wohl größten deutschen Künstler, dessen maskenhaftes Leben wie einst das von Thomas Manns Novellenfigur Aschenbach sein Ende ausgerechnet in der Stadt der Verkleidungen findet. Je länger man dem sympathischen Kommissar Brunetti auf seiner Suche nach Verdächtigen folgt - könnte die Ehefrau ein Motiv haben, die gekränkte Sängerin, die ehemalige Geliebte? -, desto deutlicher spürt man, dass Leon hier zwei unterschiedliche Lebensentwürfe gegenüberstellt. Der Perfektionist Wellauer lebt allein für seine Kunst, ist so sehr vergeistigt, dass er kaum noch Mensch ist. Brunetti dagegen steht mit beiden Beinen in seinem chaotischen Leben voller Kindergenörgel und Ehekrisen.

Es mag kein Zufall sein, dass in Leons Krimi der kühle Künstler ausgerechnet Deutscher ist und der unorthodoxe, lebenslustige Ermittler Italiener - mit diesen beiden unterschiedlichen Charakteren stellt sie auch unterschiedliche Typen gegenüber. Dieser Tod in Venedig ist ein symbolischer: Er ist das Scheitern des perfektionistischen Künstlers angesichts des chaotischen Lebens. Ein Künstler, der seine Kunst kontrolliert , der muss schließlich scheitern. Leon scheint diese Weisheit in ihrem Debüt selbst zu berücksichtigen. Ihr Krimi ist alles andere als kühl berechnete Literatur: Er führt manch überflüssiges Detail ein und schreckt auch nicht vor Klischees zurück. Zugleich aber präsentiert er keine Typen, sondern Menschen, die bei aller symbolischen Bedeutung aus Fleisch und Blut sind, die uns nahe gehen, abstoßen, anrühren und eine literarische Welt bevölkern, die pathetisch, emotional und manchmal einfach chaotisch ist wie eine Oper - oder das Leben selbst. (Hannelore Elsner /DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2006)

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    foto: süddeutsche kriminalbibliothek
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