Zetteltsunamireaktion

23. November 2006, 19:03
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Sch. hat geschrieben, weil ihn die Sache mit den Werbefoldern halt auch beschäftigt - und er sich das eine oder andere Szenario überlegt hat

Es war vorgestern. Da hat. Sch. dann geschrieben. Weil ihn die Sache mit den Werbefoldern halt auch beschäftigt. Und weil er sich dazu das ein oder andere Szenario überlegt hat. Aber lassen wir Sch lieber selbst erzählen.

Hallo Herr R.,

zu Ihren beiden Stadtgeschichten "Verzichtsaufkleber" und "Zettelproblem" noch das folgende - zur beliebigen Verwendung:

Bei all der Papierflut, die ein Haus mit 20 Parteien im Laufe eines Tages erhält, kommt am Abend ein beachtlicher Papierstapel auf dem Briefkasten zu liegen. Dieser wird immer größer und instabiler bis irgendjemand (auch ich so 1-2x) sich erbarmt und das ganze zum Papiercontainer bringt (eigentlich für sich betrachtet schon eine unglaubliche Absurdität:

Unmengen an Geld und Zeit wird in die Produktion dieser Papierflut investiert, das einzige Ziel des Kunden ist das Produkt mit möglichst wenig Aufwand zu vernichten, ohne es jemals zu benutzen)...

Ärger

Nun gibt es Menschen, die sich darüber sehr, sehr ärgern. Nein, nicht über die Werbung an sich, sondern dass diese auf dem Briefkasten abgelegt wird und alles versauen. Das ist ja auch verständlich - es mag ja für den einen oder anderen wirklich störend sein. Dieser wird wahrscheinlich dann auch öfter den Weg zum Papiercontainer suchen müssen als wir anderen.

Die folgenden Ereignisse habe ich bereits in 2 Zinshäusern erlebt - eine für mich immer verstörende Phase des Zusammenlebens. Ich nenne diesen Prozess innerlich "Postkastenkrieg":

Phase 1

Zuerst wird eine anonyme Notiz mit GROSSEN LETTERN angebracht, in der unmissverständlich auf die überaus schädliche Auswirkungen dieses Verhaltens hingewiesen wird. Dabei fallen dann Wörter wie "Haus-" und "-Unordnung", "Verschandelung"...

In diesem Stadium ertappe ich mich regelmäßig dabei, dass ich mich vor meinem Beitrag zum Stapel auf dem Briefkasten kurz vergewissere, ob mich niemand dabei sehen kann.

Diese erste Notiz wird natürlich ignoriert und irgendwann einfach mitentsorgt.

Kurz darauf Phase 2:

Ein größeres Blatt mit verschärftem Ton und besser befestigt; es fallen Phrasen wie ?Verfall und Verruf des Hauses?, ?Dummheit? im Allgemeinen und ?Schweinestall? im Besonderen.

Der Papierstoß verteilt sich bereits etwas großzügiger auf und im Umkreis des Briefkastens - offensichtlich versuchen die Bewohner mit 2 Einkaufstaschen in der Hand die zusätzliche Last zu bewältigen und scheitern daran (ich z.B.).

Schließlich wird diese 2. Phase analog zur ersten beendet - ich fühle mich immer unwohler und sehe mich bereits intensiv nach Spionen um. Ich beobachte auch andere genau wie sie mit Ihrer Post umgehen.

Phase 3 - der Höhepunkt:

Ein extrem fester Karton in der Form des Innsbrucker Goldenen Dachls wird am Briefkasten mit sehr viel Liebe zum Detail angebracht (Panzerband, doppelt und dreifach gesicherte Falze, selbst an der Wand wird heftig befestigt).

Die immer noch anonyme Aufschrift weist unmissverständlich auf die Endgültigkeit der Lösung hin und rechtfertigt deren Notwendigkeit insbesondere auf Grund der asozialen Elemente in diesem Haus (ich selbst? - Nein, sicherlich sind einfach nur alle Ausländer gemeint).

Nachdem nun die einfach zu erreichende Ablagemöglichkeit entfernt wurde, verteilt sich der Dreck recht gleichmäßig auf den Boden rund um den Briefkasten, auf dem Weg zum Altpapiercontainer, auf den Fensterbrettern usw.

Ich trage meinen Teil dazu bei (teils aus Rebellion und Freiheitsdrang, hauptsächlich aber aus Faulheit).

Panzerband

Diese Phase findet ein schleichendes Ende: Das Dach wird nach und nach löchrig und wieder ausgebessert, das Panzerband wird mitsamt dem Mauerputz nach und nach abgelöst - jeder Versuch der Ausbesserung scheitert, und eines Tages endet das Werk ebenfalls im Papiercontainer.

Mein Verhalten und das meiner Mitbewohner hat sich in kürzester Zeit wieder normalisiert, von der Zeit des Papierkrieges bleibt nur ein bis heute unausgebessertes Stück Mauerwerk und ein bedauernswerter Mitbewohner übrig. Dessen Versuche der Umerziehung sind kläglich gescheitert.

Und ich hab mich endlich dazu durchgerungen, die Werbeflut abzubestellen, Anleitung unter tinyurl.com/yz8foe.

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