Landleben mit Groupies

21. November 2006, 17:00
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Helmut Lang ist zurück - zumindest in den Modemagazinen: Mit der Kollektion, die seinen Namen trägt und im Frühjahr auf den Markt kommt, hat der Modemacher aber nichts zu tun

Er spricht über die Kirschbäume, die auf seinem Anwesen auf Long Island wachsen, er beschreibt den verwilderten Kräutergarten und erzählt, wie viele Eier seine Hühner tagtäglich legen. Über Mode sagt Helmut Lang dagegen nichts - zumindest nicht im Interview, das er dem holländischen Schwulenmagazin Butt gegeben hat. Auch in dessen Schwesterprodukt Fantastic Man, einem Journal für den modebewussten Jung-Gentleman, zeigt sich der wichtigste Modemacher der 1990er-Jahre lieber zwischen Hunden und Hühnern als mit Nadel und Zwirn.

Immerhin: Lange war von Lang weder etwas zu hören noch zu sehen. Nach der Trennung vom Prada-Konzern, der das Label Helmut Lang gekauft und schließlich eingestellt hatte, zog sich der Österreicher im Jänner 2004 auf sein Anwesen in East Hampton zurück. Interviews gab er keine.

Jetzt ist Helmut Lang wieder da. Braun gebrannt, erholt und mit einem Huhn auf dem Arm. Mit zwei Projekten, ist zu lesen, beschäftige er sich derzeit. Den "Long Island Diaries", visuellen Tagebüchern von seinem beschaulichen Ostküstenlandleben (erste Einblicke kriegt man im französischen Magazin Self Service), und den "Selective Memory Series", einer Sammlung von Briefen, Fotos und Artikeln (auszugsweise abgedruckt im kürzlich veröffentlichten "Modebuch" von Unit F). Modeprojekte stehen dagegen keine an, zumindest keine, über die sich Lang äußern möchte.

Eigentlich eine "mission impossible"

Auch über die Kollektion, die seinen Namen trägt und im Frühjahr in die Geschäfte kommen wird, schweigt sich Lang aus. Genauso wie Jil Sander oder Joop hat er nichts mehr mit der Mode zu tun, die seinen Namen trägt. Um kolportierte 20 Millionen Dollar verkaufte der Prada-Konzern diesen März die Marke an die in Tokio sitzende Link Theory Holding. Diese bot Lang an, als Designer zurückzukehren. Das lehnte er aber ab.

Wer in Zukunft Helmut Lang kauft, kriegt dagegen Mode von Nicole und Michael Colovos (36 und 35), jenen zwei Designern, denen Andrew Rosen von Link Theory das Label schließlich anvertraute. Die gebürtige Neuseeländerin und der Amerikaner waren in den vergangenen Jahren mit Habitual Jeans erfolgreich - mussten das Unternehmen allerdings gegen ihren Willen verlassen. Ihr jetziger Job ist der derzeit wohl schwierigste des Modebusiness: der Kultmarke Helmut Lang neues Leben einzuhauchen, sprich, die alten Fans zufrieden zu stellen und doch einen eigenen Weg zu beschreiten. Eigentlich eine "mission impossible".

Wohl auch deswegen geizt man im Büro der Colovos in West Chelsea derzeit mit Infos. Eine "echte" New Yorker Atmosphäre herrscht hier, weiße Ziegelwände, Neonröhren und kalter Steinfußboden. Helmut Lang würde sich hier wohl fühlen, allzu viel reden über ihn will man aber nicht. "Wir sind nicht er, also werden wir auch nicht versuchen, ihn zu kopieren", sagt Nicole, und Michael sekundiert: "Als er seinen Namen verkauft hat, hat er sich entschieden zu gehen. Das war wichtig für unsere Entscheidung. Hätten wir das Gefühl gehabt, dass es Unstimmigkeiten oder gar Feindseligkeiten gegeben hätte, hätten wir es nicht gemacht."

Das unglaubliche Erbe von Helmut Lang

Fotos gibt man derzeit nur zögerlich an die Presse, genauso wie das kürzlich fertig gestellte Lookbook. Nur wenige "bevorzugte" Redakteure dürfen einen Blick auf die Kollektion werfen und wie die US Vogue und die New York Times einige Bilder schießen. Die Website ist derzeit noch unter Verschluss. So viel lässt sich aber bereits sagen: Es ist ein vergleichsweise informeller Stil, den das Designerduo pflegt, genauso minimalistisch wie der ihres Vorgängers, aber nicht so streng. "Wir machen einfach Sachen, die wir selbst gerne tragen", erklärt Michael gegenüber dem RONDO. Im Lang-Archiv haben sich die beiden nur oberflächlich umgesehen, "um erst gar nicht in Versuchung zu geraten." Gegenüber der Vergangenheit wird es allerdings eine deutliche Preisreduktion geben. Auch die Shops, in denen die Kollektion zu bekommen sein wird, ändern sich: Es sind dies keine reinen Designerläden mehr. (In den USA etwa Scoop New York oder Barneys Coop.)

Ein Neubeginn also, auch wenn die Ehrfurcht vor dem großen Vorgänger groß ist: "Das Schöne an Helmut Lang ist", sagte Link-Theory-Chef Andrew Rosen gegenüber der New York Times, "dass man zwar ein unglaubliches Erbe und eine gewisse Altlast hat, aber sonst nichts. Keine Möbel, keine Läden. Man kann das Ganze komplett neu formen." Und weiter: "Helmut Lang hat die Sandkiste gemacht, in der wir jetzt spielen."

Ein Kinderspiel wird das Ganze aber mit Sicherheit nicht. Dafür sorgt schon allein die Verehrung, die Helmut-Lang-Käufer ihrem Idol entgegenbringen. Sie sind Gläubige, und eine Religion wechselt man nun einmal nicht wie eine Handtasche. Carine Roitfeld, mächtige Chefredakteurin der französischen Vogue und ausgemachter Lang-Groupie, antwortete kürzlich auf die Frage, wo sie in New York shoppen gehe: "Ich habe keine Shopping-Rituale mehr, seit es Helmut Lang nicht mehr gibt." Ob sich das so schnell ändern wird, ist fraglich. (Stephan Hilpold, Tina Preschitz/Der Standard/Rondo/17/11/2006)

  • Nicole und Michael Colovos sind die Designer, die jetzt hinter dem Label Helmut Lang stehen
    foto: der standard

    Nicole und Michael Colovos sind die Designer, die jetzt hinter dem Label Helmut Lang stehen

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