Tom Waits: Ein wilder Hund wird wieder jung

17. November 2006, 12:59
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Der große Bänkelsänger beweist auf einer neuen Dreifach-CD "Orphans - Brawlers, Bawlers & Bastards"

Dass es nämlich für eine glückliche Jugend als Bewahrer wie Zerstörer nie zu spät sein kann. Ein später Meister!

Gewöhnlich werden die Leute im Alter etwas ruhiger und verbindlicher. Bei Tom Waits verhält es sich entschieden anders. Spätestens nach einer mehrjährigen Kreativpause und seinem Wechsel von der Industrie zum kleinen Label Anti- für das Album Mule Variations 1999 hat sich der US-Songwriter vom zuvor etwas gar berechenbaren Posieren als kaputter Pianoballadeur verabschiedet und erlebt seitdem gemeinsam mit Ehefrau und Texterin Kathleen Brennan eine zweite Jugend als erträumter und souverän inszenierter wilder, unbelehrbarer Hund zwischen alten Blueskaschemmen in Mississippi und windschief-idyllischen und zerschossenen Bildern von den Hinterhöfen des amerikanischen Traums im Großen und Ganzen hemmungslos und ohne Genierer. Weises Alterswerk? Aber nein!

Nach der opulenten und qualitativ etwas durchwirkten Doppelveröffentlichung Alice und Blood Money aus dem Jahr 2002 und seiner mitunter etwas gezwungenen Annäherung an das Schaffen von Brecht/Weill befindet sich Tom Waits seit 2004 mit dem meisterlichen Real Gone in der Form seines Lebens. Er destilliert die besten und ungezügeltsten Karrieremomente zwischen dem dreckigen Rhythm'n'Blues von Heartattack And Wine, Swordfishtrombones, Rain Dogs und Bone Machine weniger als Pianist, sondern mehr als destruktiver Amokläufer an der Gitarre zu aus der Zeit fallenden Klassikern der Moderne. Das mag mitunter etwas geschmäcklerisch wirken. In all seiner selbstverständlich der Übertreibung verpflichteten Darstellungskunst eines drittklassigen Musikers mit Erfahrung als Unbehauster wie auch Teilzeitobdachloser und Trunkenbold erreicht Tom Waits aber mittlerweile ein Spielniveau (mit der Betonung auf "Spiel"), hinsichtlich dessen ihm im Gewerbe kaum jemand das Wasser reichen kann. Dies bestätigte auch ein überwältigender Live-Eindruck in einem alten Theatersaal in Amsterdam im Rahmen seiner letzten Europatournee vor zwei Jahren.

Groß, tragisch und mit heiligem Zorn wirft Tom Waits nun auch die Dreifach-CD Orphans – Brawlers, Bawlers & Bastards auf den Markt. Von 56 darauf präsentierten Arbeiten sind allein 30 neu oder bisher unveröffentlicht. Der Rest besteht aus diversen Arbeiten für Film oder Tributalben, darunter zwei Coverversioen der von ihm verehrten Punk-Gründerväter Ramones oder der aus der Feder des herzzerreißenden, verrückten Daniel Johnston stammende Song King Kong.

Aber auch Spoken-Word-Stücke und ein Gedicht vom "wesensverwandten", nun ja, "Gossenpoeten" Charles Bukowski stehen 2006 auf dem Spielplan. Daneben aber erlebt man Tom Waits, der seine Platten heute am liebsten daheim auf seiner Farm nahe San Francisco in einem alten Hühnerstall auf Trümmerinstrumentarium aufnimmt, vor allem als großen Interpreten eines wüsten, punkbeeinflussten Turbo-Blues in der Schule von Howlin' Wolf oder Muddy Waters und als beseelten Röchler hymnischer, vom Gospel inspirierter Stücke wie der Jahrhundertnummer Road To Peace.

"Growling an warbling, barking and screeching" nennt Tom Waits seinen Gesangsstil im opulenten 94-seitigen Begleitbuch. Und ähnlich wie bei Bob Dylan steht im Zentrum des Schaffens heute eindeutig diese nur scheinbar vom Leben zerstörte, steinalte Stimme, mit der er einen innigen und trotz aller Wüstheit liebevollen Umgang pflegt. Ein Meisterwerk! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2006)

  • "Orphans - Brawlers, Bawlers & Bastards"
    foto: anti / spv

    "Orphans - Brawlers, Bawlers & Bastards"

  • Tom Waits
    foto: edel musica / corbijn

    Tom Waits

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