Musikrundschau: Mit Haaren auf dem Rücken in die Disco

16. November 2006, 17:15
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Neue Alben von Blowoff, Califone, The Sisters Love und Ben Folds

BLOWOFF
Same
(Full Frequency Music)
Blow-off nennt sich ein erfolgreiches Schwulen-Clubbing in Washington D.C., betrieben von dem Produzenten und Remixer Richard Morel, bekannt für Arbeiten für New Order, Depeche Mode, Pet Shop Boys ..., und Bob Mould, seines Zeichens einer der Elder Statesmen des US-Alternative-Rock. In den 1980ern mit Hüs-ker Dü, später mit Sugar und als Solokünstler. Als gleichnamiges Bandprojekt verschmelzen die beiden genau diese Ausgangspunkte zu einer clubtauglichen Pop-musik, in der Moulds treibende Gitarrenriffs ebenso den Ton angeben wie Morels House-Beats. Die Ergebnisse sind ein Track-Song-Modell. Nicht zwanghaft experimentell, sondern pragmatisch auf den Zweck hin produziert, also den Dancefloor am Kochen zu halten, und darin ziemlich überzeugend. Außer für jene Hardliner, die Moulds letztes und sehr supriges Soloalbum The Body Of Song wegen einiger Disco-Anleihen schon total "shocking" fanden. Das hier ist Dancefloor mit Muckis und Haaren auf den Ärmeln - und wohl auch auf dem Rücken. flu

CALIFONE
Roots & Crowns
(Thrill Jockey/Trost)
Califone gelingt es hier nach eher nicht so überzeugenden Vorgängeralben bis hin zur Perfektion, eine urbane Folk-Musik zu erschaffen, die die Tradition des ruralen US-amerikanischen Folk bei seiner Transformation in die Großstadt mit ihrem industrialisierten Lärm beibehält und aus der so entstehenden, sanften Kollision einen originären, patinierten Groove generiert, in den sich Blasinstrumente ebenso organisch einfügen wie Stromgitarre und Noise-Samples. Atmosphärisch auf Dämmerung gestimmt, klingt das Ganze wie die Musik eines noch unentdeckten Stammes, dessen Musik aus den U-Bahn-Schächten Chicagos an die Oberfläche dringt. Schleichend, zwingend. flu

THE SISTERS LOVE
Give Me Your Love
(SoulJazz/Soul Seduction)
Danke, danke, danke für dieses überfällige Album! Nur auf raren Singles, auf diversen Sub-Labels von Motown veröffentlicht, versammelt diese CD erstmals das Gesamtwerk von The Sisters Love. Vier Sängerinnen, die in den frühen 1970ern mit der Intensität des Gospel einen schweißtreibenden Soul-Funk spielten, der hier gar nicht beschrieben werden kann: Unpackbar! Man muss nur die Titelnummer hören, in der die Sisters mit heiserer Stimme Curtis Mayfield interpretieren, und schon ist es um einen geschehen: ein absoluter Killer! An den kommt der Rest des Albums zwar nicht ran - das geht gar nicht -, aber auch ohne diese Latte noch einmal zu nehmen, bestechen die Sisters mit Stücken, die mit ihrem verführerischen (Rare-)Groove schlicht umwerfend sind. Für uns Freaks auch als Doppel-LP erhältlich! Auch dafür: Danke, danke, danke!

BEN FOLDS
Supersunnyspeedygraphic, The LP
(Sony)
Ben Folds, eine Art Elton John der Postpunk-Ära, kompiliert hier bislang nur im Netz, auf längst vergriffenen Singles oder EPs veröffentlichte Songs und Coverversionen, die allesamt den schon etwas angestaubten Esprit des "klassischen" College-Rock und -Pop verströmen, also entsprechend eingängig, aber eben kurzweilig sind. Der definitive Höhepunkt in dieser Sammlung ist neben einer forcierten Version von In Between Days von The Cure eine Deutung des Dr.-Dre-Tracks Bitches Ain't Shit. Diese aus dem HipHop überführte Nummer, von deren explizit sexistischem Inhalt wir uns deutlich distanzieren - pfui! - führt Ben Folds hier als nachdenkliche Piano-Ballade auf. Krank, super! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2006)

  • Artikelbild
    fotos: full frequency music - souljazz/soul seduction
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