Die erste große Liebe

20. November 2006, 17:00
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Anhand dreier historischer Werbeplakate erzählt der Autor Martin Prinz eine Österreich-Bildgeschichte

Ich weiß nicht, wann es begonnen hat. Ich weiß aber, dass ich jedes Jahr wieder darauf warte. Spätestens im Herbst. Manchmal schon im Sommer. Und dass ich dabei alles andere als nur ein Wetter, eine Witterung im Sinn habe, wenn ich an den ersten Schneefall denke. Richtigen Schneefall, und nicht jene Schneeflocken, die sich aus irgendeinem Windrichtungs- oder Luftdruckzufall oft im Herbst schon ins Wetter verirren.

Worauf ich jedes Jahr wieder warte, ist etwas ganz anderes. Eine augenblickliche Veränderung der Welt. Eine am besten gleich morgens. Man wacht auf, liegt da, horcht, fragt sich, ist es so weit? Ist alles, die Straße, die Wiese, um jene Spur stiller als sonst? So still, wie es nur bei frisch gefallenem Schnee ist? Bis man zum Fenster hinausschaut.

Wann das zum ersten Mal so gewesen sein mag? Ob der Schnee zuerst da war oder die Vorfreude anhand irgendeiner vagen Erinnerung oder etwas von ihm Erzählten? Vermutlich war es der Schnee. Da man beim ersten Mal noch viel zu klein gewesen sein musste, um irgendwelchen Erzählungen oder gar Erklärungen zu folgen. Klein genug, um aber im Schauen noch ungestört zu sein und den Schnee auch erwarten zu können. Unschuldig, mit einem Wort. Schon beim zweiten Mal wird es längst anders gewesen sein, beim dritten Mal ohnedies.

Und so ist es vermutlich kein Zufall, dass der Schnee mit mir irgendwann eine groß angelegte, jedes Jahr aufs Neue erfolgreiche Serie von Täuschungsmanövern zu unternehmen begonnen hat. Beschlagene Scheiben hat er dafür genauso zu Hilfe genommen wie Raureif oder, bei noch größerer Kälte, Fensterblumen, so dass jene Morgen, an denen ich als fünf-, sechs- und mindestens auch noch als elfjähriger Bub beim ersten Blick aus dem Fenster hinaus glauben wollte, es hätte über Nacht geschneit, zahllos geworden sind. Bis heute hat das nicht aufgehört. Denn dass der erste Schnee einmal tatsächlich an dem Morgen draußen gelegen wäre, da ich schon nach dem Aufwachen an nichts anderes mehr hatte denken können, war höchstens ein-, zweimal so geschehen. An all den anderen Morgen war es draußen dann für einen weiteren Schultag nur so grau, windig und kalt wie an all den anderen Herbsttagen auch gewesen.

"Heut schneibalts scho den gaunzn Tog"

Wenn er dann jedoch, unvermutet, fast schon abgeschrieben, schließlich doch gekommen war, in der Früh, oder gar schon am Abend, so dass man - die Schneeflockentrichter und Schneeflockenkugeln rund um die Laternen und Straßenbeleuchtungen die halbe Nacht vor Augen - kaum hatte schlafen können, war selbst der bevorstehende Schultag nur mehr Luft. Tausend Überlegungen waren nun in Gang gesetzt. Und alle hingen davon ab, wie viel es etwa bis zum Nachmittag noch schneien würde, ob es danach auch in der Nacht weiterschneien würde, und um wie viel mehr Schnee es am Berg oben schon gab.

Die Lehrerin wusste sich unterdessen mit dem Schnee natürlich nichts Besseres anzufangen, als Lieder wie "Heut schneibalts scho den gaunzn Tog, i bleib heid ned im Haus ..." singen zu lassen. Doch während man singend nichtsdestotrotz ruhig wie immer im Klassenzimmer bleiben musste, waren die Stunden, die halben Stunden, meistens allein schon Viertelstunden Maß- und Vergleichseinheiten dafür geworden, wie lange es so, und ohne Pause, schneien müsste, dass die Ski dann, nach der Schule, tatsächlich aus dem Keller geholt werden könnten.

Im Endeffekt war aber nachmittags die tatsächliche Schneehöhe meist schon ganz egal geworden. Selbst Maulwurfshügel, die beim Treten der Piste erdig und böse aus der Schneedecke auftauchten, konnten nicht mehr beirren. Und irgendwie ging sich meistens sogar noch eine erste Schanze aus. Grund genug, um nach dem Finsterwerden auch gleich einen Kombinationswettbewerb aus Skispringen und Slalom zu planen, bei dem außer der eigenen Schwester und der Cousine vor allem der eigene Sieg eingeplant war. Wobei davor selbstverständlich noch handgeschriebene Zettel in die Briefkästen der ganzen Gasse gesteckt werden mussten, um auch den Nachbarn diese "Kolweißgassen-Weltmeisterschaften" anzukündigen.

Eine Kinderei, und was für eine, das ist der Schnee. Und doch, gerade als Kinderei, hinter seinem leichten Weiß, immer auch viel mehr. Spätestens mit dem Tag, an dem Föhn oder Regenfall binnen weniger Stunden modrige Grasflecken in den makellos weißen Wiesen aufplatzen lassen. Und die Luft, fast zum Ersticken feucht, schal und beinah süßlich riecht. Als läge irgendwo unter der immer schneller schmelzenden Schneedecke ein verendetes Tier. Kein Reh, auch kein Fuchs, sondern ein ganz anderes, unsichtbares. Die Sehnsucht, ein unauffindbares Tier, das nie verendet, sondern nur aufs nächste Mal wartet. Aufs nächste erste Mal.(Martin Prinz/Der Standard/Rondo/17/11/2006)

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