Der Zonenrandexperte: Schauspielhaus-Intendant Airan Berg

24. November 2006, 12:10
1 Posting

Als Koproduktion mit Antwerpen hat "Quartett" am Donnerstag in Wien Premiere: Ein Kosmopolit zieht die Bilanz einer Ära

Wien - Die Hearings zur Kür einer neuen Wiener Schauspielhaus-Leitung gehen dieser Tage hinter verschlossenen Polstertüren im Kulturamt vor sich. Airan Berg, nach dem Weggang von Barrie Kosky allein verantwortlicher Leiter der Traditions-Offbühne in der Wiener Porzellangasse, glaubt nicht, dass der oder die frisch Gesalbte einem "Leitbild" entsprechen müsse: "Die große Qualität des Schauspielhauses, eines Hauses ohne festes Ensemble, wird von der Leitungspersönlichkeit festgelegt."

Berg fügt hinzu: "Das Haus war unter Hans Gratzer etwas anderes als unter George Tabori, und es war wiederum etwas anderes, als Hans Gratzer nach Wien zurückkehrte. Dieses Haus ist ein 'lebender' Organismus - es wird durch keine festen Mauern eingeengt, sondern es passt sich seinerseits den Künstlern an. Es gibt hier keine 'Strukturen', die eine schädliche Dominanz über das künstlerisch Intendierte ausüben." Berg hat seit 2001 Leitung wie Geschäftsführung der auch baulich herausgeputzten Souterrainburg inne. Er absolviert ohne großes Getöse seine Abschiedssaison, und diese ist wie gewohnt "multikulturell".

Berg, nicht erst seit Puppenspielertagen ein Reisender zwischen Zeitzonen und kontinental verschobenen Theatertraditionsblöcken, kredenzt am Donnerstag Abend (20 Uhr) als Hausvater ein belgisches Heiner-Müller-Experiment: Das tödliche Geschlechterduell Quartett wird von Peter Missotten (Toneelhuis Antwerpen) in Szene gesetzt. Man begegnete in den verwichenen Spielzeiten in der Porzellangasse höflichen Künstlern aus Singapur, aus Israel, aus China. Man hörte, wie der grenzgeniale Kompagnon Kosky diffizile jüdische Selbstbefragungen am Pianino in ein schrilles Vaudeville hinüberdrosch (Kosky ist heute erfolgreicher Opernregisseur). Man kannte sich oft nicht recht aus mit dem videoprojizierten Pixelflirren aus den New-Economy-Zonen der Tigerstaaten. Teilchen wurden beschleunigt, Sprachen importiert. Man durfte aber immer annehmen, an einem weltkulturellen Zusammenhang irgendwie aufklärerisch teilzuhaben.

Oder, wie Berg lächelnd, aber ungerührt sagt: "Dank unserer Arbeit ist der Wähleranteil der FPÖ in dieser Stadt zwischenzeitlich in den Keller gerasselt!" Besäße Berg, der seine eigenen Inszenierungsgelüste über die Jahre immer stärker hintan gestellt hat, nicht so ein ungerührtes Pokerface, man müsste über eine solche Bemerkung wirklich schallend lachen.

Mit Blick auf die Welt

Aber der in Tel Aviv geborene Airan Berg, der seine 45 Lebensjahre künstlerisch zunächst mit Assistenzdiensten bei Zadek oder Peymann verbrachte, ehe er als Hausregisseur am verblichenen Schillertheater werkelte, um dann doch in die ungesicherten Gefilde des indonesischen Maskentanzes hinüberzuwechseln, ist kein ironischer Mensch. Er arbeitete heimlich, still und leise an der Vervollkommnung seiner Marktkompetenz: Wer heute mit einem israelischen Bühnenkünstler wie David Mayaan zusammenarbeiten will, wendet sich der Einfachheit halber an Berg. Wer, wie der Linzer Kulturhauptstadt-Beauftragte Martin Heller, nach einem Transmissionsbeauftragten sucht, der der altehrwürdigen Stahlstadt 2009 möglichst international schillernde Theaterglanzlichter aufzusetzen in der Lage ist, der bucht Berg. Berg übersiedelt mit 1. Juli 2007 nach Linz.

Er saugt derweil das Aroma der Stadt in langen Busfahrten auf ("bis an die Ränder") und gesteht, bei ersten Themenbesprechungen mit den Theaterschaffenden vor Ort "mit einem leeren Zettel" aufzukreuzen: Wer den Sound von Singapur in den Ohren klingeln hört, der wird auch für das Knirschen der Schrottzerkleinerungsanlagen aufnahmebereit sein. Die Linzer lassen sich die Selbstdarstellung 60 Millionen Euro kosten.

Berg liest die Ausweispapiere seiner Schauspielhaus-Intendanz als einzige Erfolgsgeschichte: Über Auslastungszahlen ("über 80 Prozent") will er schon deshalb nicht ernsthaft reden, weil man gerade in der Porzellangasse die Anzahl der Sessel beliebig variieren kann. 1,5 Millionen Euro sind ein Etat gewesen, um zu zeigen, "dass es modernes Theater auch außerhalb von Wien gibt. Der Begriff der Klassik ist eben nicht europäisch konnotiert, sondern umfasst eine ,indische Klassik' und anderes - viel, viel Älteres, als wir uns das träumen lassen." Er werde seine Kreise in Linz "wiederum erweitern: "Um starke Behauptungen zu setzen: Einschreibungen in das Bild einer Stadt." Alles andere? "Wäre Wiederholung", sagt Berg. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11.2006)

  • Schauspielhaus-Intendant Airan Berg eröffnete den theatralischen Blick auf die Globalkultur: spielerische Dialog-Angebote an das hiesige Gemeinwesen.
    foto: mangafas

    Schauspielhaus-Intendant Airan Berg eröffnete den theatralischen Blick auf die Globalkultur: spielerische Dialog-Angebote an das hiesige Gemeinwesen.

Share if you care.