First Lady der Pressefotografie im Wien Museum

15. November 2006, 14:07
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Erste Gesamtretro­spektive mit rund 300 Fotografien von Barbara Pflaum - Politiker- und Künstler-Fotos der 50er, 60er und 70er Jahre

Wien - Das Wort "Bildchronistin" wird Barbara Pflaum nicht gerecht. Zwar hat die langjährige Grande Dame der "Wochenpresse" den Bildjournalismus im Nachkriegs-Österreich geprägt und eine fast lückenlose Chronik von Politik, Kultur und Gesellschaft der 50er, 60er und 70er Jahre hinterlassen. Aber die Fotografin war viel mehr, wie die neue Ausstellung "Photo: Barbara Pflaum" im Wien Museum am Karlsplatz ab 16. November zeigt. "Sie war die 'First Lady' der Pressefotografie", sagte Direktor Wolfgang Kos heute, Mittwoch, "eine Autorenfotografin, die in Mikrosituationen Zeitrelevantes spürte."

Es regnete überhaupt viele Superlative bei der Pressekonferenz in einem der vier großen Räume, in denen Pflaums Werk erstmals in einer Gesamtretrospektive ausgestellt wird. Kos wies darauf hin, dass gerade bei zeitgeschichtlich relevanten Themen immer wieder Bilder von der Fotografin zu sehen seien, so etwa auch bei den derzeit laufenden Ausstellungen "Großer Bahnhof" und "Ungarn 1956" im Wien Museum selbst. Eine solch umfangreiche Würdigung hat die 2002 nach langer Krankheit 91-jährige Verstorbene bisher aber noch nicht erfahren.

Autodidaktin

Pflaum war Autodidaktin, bekam 1952 ihre erste eigene Kamera geschenkt und fotografierte fortan stets mit der altmodischen Rolleiflex, einem Apparat mit nur einem Objektiv und nur einer Brennweite, den man umgehängt vor dem Bauch trägt und in den man von oben hineinschaut. So entstanden alle ihre Bilder, von denen laut Kos "viele heute ikonische Kraft" haben. Sie arbeitete ab 1955 im Rahmen des journalistischen Terminkalenders und hat in den folgenden Jahren nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem aufgeweicht wurde und das öffentliche Bild von Politikern sich gewandelt hat.

"Ihre große Stärke war das Porträt", sagte Susanne Winkler, die gemeinsam mit Gerald Piffl 150.000 Negative und 15.000 Prints aus dem Nachlass durchforstete und die Ausstellung kuratierte. Und tatsächlich finden sich faszinierende und immer wieder auch amüsante Fotos von Politikern und Künstlern, in deren Kreisen sie anerkannt war und sich üblicherweise auch aufhielt. Ein Porträt von Bundespräsident Heinz Fischer, der am Abend die Schau offiziell eröffnen wird, aus dem Jahr 1974 hängt dabei neben einem Bild des ehemaligen Bundespräsidenten und damaligen Außenministers Kurt Waldheim (1968). Daneben Helmut Zilk in jungen Jahren, Bruno Kreisky, Leopold Figl, Julius Raab, dazwischen Hans Moser, Thomas Bernhard, Herbert von Karajan, Andre Heller.

"Die Seele eingefangen"

Die Schauspielerin Louise Martini sagte einst, Pflaum habe es immer verstanden, "die Seele einzufangen". Deutlich wird das bei Bildern von Oskar Werner oder Helmut Qualtinger - legendär bis heute das "Herr Karl"-Foto - ebenso wie bei der Bildserie vom Maler Oskar Kokoschka oder dem Bild von Maria Callas im Hotel Sacher. Das berühmteste Titelblatt der "Wochenpresse" zeigte jedoch einen Politiker - und zwar den umstrittenen SPÖ-Innenminister Franz Olah, der in diabolischer "Inszenierung" mit der Headline "Schatten über Österreich" kombiniert wurde.

Die Essenz aus Pflaums Werk - rund 300 Fotografien - ergibt eine bewegende Bildchronik der Zweiten Republik. Sie, die eine der ersten Frauen ("First Lady") im Bildjournalismus war, fing dazu auch immer wieder Impressionen aus Wien ein, der Stadt, die ihr stets als Kulisse für ihre Arbeit diente. Mit diesen Bildern wurden einige Bücher publiziert, die ebenfalls im Wien Museum zu sehen sind. Das Museum veranstaltet zudem an einigen Sonntagen Kuratoren-Gespräche mit Fotografen sowie am 25. Jänner die Podiumsdiskussion "Meuchelfotos und Medienmacht: Politiker im Visier der Bildjournalisten". (APA)

"Photo: Barbara Pflaum"
Wien Museum Karlsplatz
1040 Wien

16.11.2006 bis 18.2.2007
jeweils Di-So 9-18 Uhr

Tel. 01/5058747-0
www.wienmuseum.at
  • Von Barbara Pflaum stammt unter anderem das berühmte Foto, das Helmut Qualtinger 1962 als Herr Karl im Kleinen Theater im Konzerthaus zeigt.
    foto: imagno/barbara pflaum

    Von Barbara Pflaum stammt unter anderem das berühmte Foto, das Helmut Qualtinger 1962 als Herr Karl im Kleinen Theater im Konzerthaus zeigt.

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