Ermutigung zu riskanten Projekten

14. November 2006, 21:24
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MIT-Chemiker Jeffrey M. Karp im Standard-Interview über den Vorsprung in Forschung und Entwicklung

Wie hält das Massachusetts Institute of Technology seinen Vorsprung in Forschung und Entwicklung? Der Chemiker Jeffrey M. Karp referierte darüber in Wien. Mit Michael Freund sprach er über die Netzwerke und die zahlreichen helfenden Hände im MIT.


Standard: Mr. Karp, in welcher Eigenschaft präsentieren Sie die MIT-Sicht der Dinge vor der Wirtschaftskammer und dem WU-Zentrum für Entrepreneurship?
Karp: Ich komme von der Forschung her und arbeite eng mit dem Office for Sponsored Research zusammen, damit Unternehmen unsere Forschung am MIT unterstützen. Zurzeit leite ich fünf Projekte am Department of Chemical Engineering mit Professor Langer als Supervisor, alle im Bereich der Biomaterialien.

Standard: In welcher Weise sind Institute und Unternehmen am MIT-Modell der Kooperation von Uni und Wirtschaft interessiert?
Karp: Es gibt in den USA die unterschiedlichsten Modelle. MIT ist nur eine weitere, wenn auch besondere Variante. Die Leute dort sind sehr offen dafür. Immerhin ist dank Langers Arbeit unser Labor eines der größten seiner Art auf der ganzen Welt - mit mehr als 100 Mitarbeitern, 20 Unternehmen sind mittlerweile gegründet worden. Und Langer hat über 180 Patente an verschiedene Firmen lizenziert; auch das ist ein Maß für den Erfolg unserer Forschung. Kein Wunder, dass die Leute interessiert sind. Die Harvard Business School hat die sozialen Netzwerke in der Life-Sciences-Forschung errechnet. Unsere Labors stehen im Zentrum, mit den meisten Spin-offs um uns herum.

Standard: Inwieweit hilft Ihnen die Uni bei Ihrem Erfolg?
Karp: MIT hat ein sehr gutes Büro für Technologielizenzen (Technology Licensing Office), das mit den wichtigsten Patentbüros zusammenarbeitet. Es kümmert sich auch um technische Details, wenn Deals mit Unternehmen zustande kommen. Ferner haben wir ein Industrial Liaison Office, das die Unternehmen für Sponsoring-Aktivitäten zum Campus bringt. Das Office for Sponsored Research wiederum ist für die resultierenden Verträge zuständig. Unser Licensing Office hat nicht zuletzt das von der Stanford Universität ausgebildet, die jetzt ähnlich vorgeht wie wir.

Standard: Und im Ausland?
Karp: Nehmen wir Portugal. Dort wurde gerade eine Zusammenarbeit mit MIT in der Größenordnung von 80 Millionen Dollar beschlossen. Portugiesische Forscher aus verschiedensten Bereichen werden nach Cambridge, MA, gehen und danach Technologien sowie ihre Erfahrungen nach Hause bringen.

Standard: Wissen Sie über Ähnliches aus Österreich?
Karp: Es gibt eine Verbindung mit dem Institut für Molekulare Pathologie IMP. Tylor Jacks (vom Cardiovascular Research Center) ist im Vorstand des IMP. Und es gibt sicher weitere Verbindungen, über die ich aber nicht Bescheid weiß.

"Es scheint mir wichtig, neue Ideen so zu entwickeln, dass sie in der Welt draußen einen Unterschied bewirken."

Standard: Wie hilft MIT bei den doch recht teuren Patent-Anmeldungen?
Karp: Wenn ein Forscher bei MIT unterschreibt, dann auch die Passage, dass alle Patentrechte beim MIT liegen. Aber auf der Grundlage des Bayh-Dole Act von 1980 dürfen Universitäten Patentrechte auf Erfindungen oder Entwicklungen, die sie mithilfe von Regierungsgeldern gemacht haben, nur behalten, wenn sie unter anderem (1) der Regierung eine nicht-exklusive Lizenz zur Verwertung überlassen, (2) eine Transferfähigkeit der Technologie gezeigt haben und (3) die Gewinne aus den Patenten mit den Erfindern teilen. Die Patentanmeldungen sind seither enorm angestiegen. MIT zahlt ein Drittel der Gelder aus Patentverwertungen den Erfindern, ein Drittel dem Technology Licensing Office und eines dem jeweiligen Department. Das macht es möglich, dass ein Teil des Geldes in die Forschung zurückfließt. Und das Office, das den ganzen Prozess durchführt, kann auf dieser Basis gute Arbeit leisten.

Standard: Was bedeutet Innovation für Sie?
Karp: Zunächst einmal, etwas Neues zu schaffen. Aber es geht vor allem darum, etwas zu schaffen, das eine Wirkung auf die Gesellschaft und neuen Reichtum schafft. Es scheint mir wichtig, neue Ideen so zu entwickeln, dass sie in der Welt draußen einen Unterschied bewirken

Standard: Wie hat MIT in dieser Beziehung den Spitzenplatz halten können?
Karp: Das hat mit einer Kultur zu tun, die dazu ermutigt, riskante Projekte anzugehen, die bisher noch niemand geschafft hat. Das zu unterstützen, hat uns erfolgreich gemacht. Und das führt zu weiteren Erfolgen. Mit der Zeit ist der Name so groß geworden, dass die Leute auf uns zukommen. Dadurch kann man den Spitzenplatz leichter halten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.11. 2006)

ZUR PERSON

Jeffrey M. Karp (31) ist Senior Scientist am Institut für chemische Verfahrenstechnik des MIT. Er wurde in Ontario geboren und studierte an der McGill University und der University of Toronto, wo er sein Doktorat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Biomaterialien machte. Ab 2001 gewann Karp mehrere Preise für beste Arbeiten über Biomaterialien und Zellgewebe-Engineering, darunter auch den Hauptpreis beim MIT-Posterwettbewerb in chemischer Verfahrenstechnik 2005. (mf)
  • Jeffrey Karp arbeitet in einem Labor, aus dem bereits 20 Unternehmen hervorgegangen sind. Wirtschaftskammer und das WU-Institut für Entrepreneurship möchten solche Strukturen in Österreich sehen.
    foto: standard/cremer

    Jeffrey Karp arbeitet in einem Labor, aus dem bereits 20 Unternehmen hervorgegangen sind. Wirtschaftskammer und das WU-Institut für Entrepreneurship möchten solche Strukturen in Österreich sehen.

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