Grolls Groll – und der Wunsch des Paten

20. November 2006, 23:56
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Erwin Riess schickt seinen Rollstuhl fahrenden Antihelden nach Palermo und ist selbst auf Lesereise

Wien – "Nie wieder wollte ich mit behinderten Menschen zu tun haben, nicht privat, und schon gar nicht im Auftrag Giordanos", bekennt der Erzähler in Erwin Riess’ neuem Roman. "Ich hasse die ewiggleichen Geschichten von beleidigten, verkrüppelten, diskriminierten und sterbenden Menschen, die in einer Endlosschleife ablaufen und nicht ein Fünkchen Geist versprühen."

Da trifft es sich gut, dass der gründliche Misanthrop Groll heißt. Groll darf solche Sachen sagen, weil er selber im Rollstuhl sitzt. Und weil sein Autor offenbar den Ehrgeiz hat, keine erbaulichen Kalendergeschichten über die Verwerflichkeit menschlicher Vorurteile zu verfassen, sondern Texte, die sehr wohl einige "Fünkchen Geist versprühen".

Vor sieben Jahren war der mieselsüchtige Held, der natürlich aus Wien kommt, schon im Roman-Einsatz: In Giordanos Auftrag hatte er einem auf Behinderte spezialisierten Pornoring in Ungarn auf die Schliche zu kommen – und scheiterte heroisch. Sein (auch journalistischer) Auftraggeber, der ebenfalls geh-unfähige Mr. Giordano, der Grolls Erzählung wenig freundlich kommentiert, gibt in New York den einschlägigen Manhattan Wheeling Courier heraus und hat enge Verbindungen nach Palermo.

Der letzte Wunsch des Don Pasquale beschert Groll nun eine abenteuerliche Fahrt durch Sizilien und das Umland von Triest: Der todkranke Mafioso begehrt seine autistische Enkelin noch einmal zu sehen, die von ihren kaltherzigen Eltern in einem Heim im Norden verwahrt wird. Groll erkennt bald, dass die Bitten eines Don Pasquale nicht zu jenen gehören, die man abschlagen kann. Und weil er, obzwar er politisch links steht, das Herz auf dem rechten Fleck hat, freundet er sich mit dem Mädchen an, rettet einen antifaschistischen Museumswärter vor dem Verbluten und beweist beträchtliche Leidensfähigkeit im Dienste des Don.

Sollten übrigens Sensible Bedenken hegen, ob denn ein Rollstuhlfahrer politisch irgendwo stehen kann – Groll hätte damit kein Problem. Er selbst pflegt sich "die Beine zu vertreten" und hasst es, "wenn mitleidsvolle Zeitgenossen an der Sprache herumzupfen wie an einem räudigen Balg", hat er doch die Erfahrung gemacht: "Sprachliche Heuchelei verträgt sich gut mit praktischer Borniertheit." Bei bausündhaften Barrieren, bei unnötigen Treppen und Engstellen versteht er nämlich überhaupt keinen Spaß, streckenweise liest sich der Roman wie ein italienischer Klosettführer für Behinderte.

Was für die literarische Qualität keine Rolle spielt, das Movens des Erzählens aber verständlich macht: Erwin Riess war, selbst seit 1983 querschnittgelähmt, lange Jahre Aktivist der Behindertenbewegung, auch als Referent im Wirtschaftsministerium. Er ist Mitglied der alternativen Ethikkommission und einer der letzten bekennenden KPÖ-Autoren. Literarisch profilierte er sich mit zahlreichen Groll-Geschichten in Zeitschriften, vor allem aber als überaus produktiver Dramatiker – zuletzt entrichtete er mit Der Don-Giovanni-Komplex (Musik: Olga Neuwirth) seinen Tribut zum Mozartjahr.

Mit dem grantigen Hedonisten Groll hat er ein Alter Ego mit echtem Eigenleben gefunden, eine Figur, die alle Klischees vom sinnentleert behinderten Leben Lügen straft: als Weintrinker und Liebhaber der Binnenschifffahrt, als Frauenheld und eigensinniger Ermittler und, auch das, als Loser. Die Realität, die Riess mit einigem Witz ausstellt, ist ebenso prall wie seine Hauptfigur, da gibt es Mafiakiller und vertierte Wurstesser, jede Menge Inzest, streikende Arbeiter und ihre ehestreikenden Frauen, Fischrestaurants und ein KZ-Museum, Wiener Neonazis und Triestiner "Kulturschwätzer", Tolstois Krieg und Frieden und eine böse Typologie der österreichischen Sozialdemokratie. Der letzte Wunsch des Don Pasquale ist ein Buch ohne "Moral", aber mit einer Botschaft. Etwas lernen soll der Leser schon, und sei es über den Kampf des Rollstuhlfahrers gegen die gemeine Hoteldusche. (Daniela Strigl/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2006)

  • Nach "Giordanos Auftrag" nun "Giordanos Bitte" – Erwin Riess’ grantelnder Hedonist Groll erneut im Einsatz.
    foto: alexander golser

    Nach "Giordanos Auftrag" nun "Giordanos Bitte" – Erwin Riess’ grantelnder Hedonist Groll erneut im Einsatz.

  • Erwin Riess: Der letzte Wunsch des Don Pasquale oder Giordanos Bitte. Otto Müller, Salzburg/Wien 2006, 392 S.

TippAm 17. 11., 15.15 Uhr, liest Erwin Riess im Rahmen der Österreichischen Buchwoche im Literaturcafé im Rathaus, Lichtenfelsg. 2, 1010 Wien.
    buchcover: otto müller verlag

    Erwin Riess:
    Der letzte Wunsch des Don Pasquale oder Giordanos Bitte.
    Otto Müller, Salzburg/Wien 2006, 392 S.

    Tipp
    Am 17. 11., 15.15 Uhr, liest Erwin Riess im Rahmen der Österreichischen Buchwoche im Literaturcafé im Rathaus, Lichtenfelsg. 2, 1010 Wien.

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