Im entscheidenden Augenblick

5. Juli 2000, 21:51

Fotos von Lisette Model in der Kunsthalle im Museumsquartier

Wien - Noch rechtzeitig, nämlich 1938, ist Lisette Model nach New York ausgewandert und wurde - typisch für die Ignoranz der 2. Republik - bis zu ihrem Tod 1983 nie in ihre ehemalige Heimat eingeladen. Die gebürtige Wienerin, Jahrgang 1901, stammt aus bürgerlich-jüdischem Elternhaus und studiert bei Arnold Schönberg Musik, bevor sie 1926 nach Frankreich geht.

Dort zählt sie zu den jungen, besser gestellten Frauen, wie etwa Germaine Krull oder Florence Henri, die das relativ junge Medium Fotografie für sich entdecken. An der Côte d'Azur entwickelt sie in den frühen 30er-Jahren bereits ihre Arbeitsmethode, die sie in der Folgezeit beibehält. Unberührt von den besonderen technischen Qualitäten des Mediums geht sie mit der Rolleiflex auf Menschen zu, versucht das Besondere ihrer Physignomie und Gestik in knapp gehaltenen Bildausschnitten im entscheidenden Augenblick festzuhalten.

Model zählt schon bald zu jenem frühen Typus der Fotografen, die ihre Arbeit mit einem kritischen Humanismus legitimieren, wie er heute noch als inflationäres Alibi der weltweit operierenden Bildreporter dient. Das Medium vermittelt dabei Botschaften, welche von Zeitschriften und Zeitungen aufgegriffen werden.

Fließende Grenzen

Da sitzt etwa ein gelangweilter Herr 1934 an der Promenade des Anglais in Nizza und findet sich schon bald als illustratives Beispiel der parasitären Gesellschaftskreise in der sozialkritischen Zeitschrift Regards wieder. Lisette Model agiert also in einem Bereich der Fotografie, wo die Grenzen zwischen moralischem Impetus, Karikatur und Voyeurismus fließend sind. Sie macht auf die flüchtigen Phänomene des städtischen Lebens aufmerksam, verdichtet Banales zu dynamisch-komplexen Szenen. Die vielleicht besten Arbeiten entstehen in den 40er-Jahren auf ihren Streifzügen durch die New Yorker Straßen.

Atmosphärische des alltäglichen Lebens

Ihre Serien Schaufensterspiegelungen und Laufende Beine geben das Atmosphärische des alltäglichen Lebens wieder, sie verlassen den oft allzu engen Rahmen der Modelschen Blickweise, den die Fotografin mit ihren Aufnahmen in Bars, Jazzlokalen und anderen Vergnügungsetablissements wieder einhält.

Die Spannweite ihrer bildnerischen Botschaften bleibt dennoch vielschichtig. Im besten Fall sind sie Momentaufnahmen, die gesellschaftliche Befindlichkeiten wieder erkennbar machen, im weniger günstigen Fall Karikaturen von Personen, die sich gegen das Blitzlicht nicht wehren können.

Die starke Expression der Bilder von Lisette Model fordert jedenfalls zur Stellungnahme auf. Es war daher höchste Zeit, dass ihre Fotografien in Österreich gezeigt werden. Zum ersten Mal übrigens. Bis 15. 10. (Gert Walden)

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