Reaktor mit Rettungsring

10. Jänner 2007, 21:05
19 Postings

Im Dezember wird beim AKW Dukovany das zweite Lager für gebrauchte Brennstäbe in Betrieb genommen - Ein STANDARD-Lokalaugenschein

Dukovany – Ob hier immer so gut eingeheizt ist? Karel Foltyn lächelt milde. Die fast 60 Meter lange, 28 Meter breite und 20 Meter hohe Halle werde gar nicht extra beheizt, erklärt der graubärtige Ingenieur. Im Gegenteil, sie wird gut gelüftet. Trotzdem sorgen die in Reih und Glied stehenden Castoren, in denen die gebrauchten Brennstäbe des Atomkraftwerks Dukovany in Südmähren gelagert werden, für Raumtemperatur. Die Restenergie kann die Außenhaut eines knapp vier Meter großen Containers auf bis zu 70 Grad erhitzen.

Das wohlig warme Zwischenlager hat aber zumindest einen gravierenden Nachteil: Es ist voll. Deshalb hat die tschechische KKW-Betreibergesellschaft CEZ eine Zwillingshalle gebaut. Vor dem geplanten Probebetrieb Mitte Dezember wird die breite Öffentlichkeit informiert. Auch die Nachbarn aus dem atomkraftkritischen Österreich, Journalisten werden gleich durchs gesamte Kraftwerk geführt.

40 Jahre Lebensdauer

Die neue Lagerhalle ist blitzblank, ein erster Container der neuen, blauen Castor-Generation steht allein – und noch leer – auf weiter Flur. Insgesamt ist das Lager für eine Kapazität von 1340 Tonnen konzipiert. „Das ist genug für die geplante 40-jährige Lebensdauer unseres Kraftwerks“, meint Ingenieur Foltyn.

1978, also genau in dem Jahr, in dem sich die Österreicher gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf entschieden hatten, begannen im kleinen südmährischen Dorf Dukovany die Bauarbeiten. Sechs Jahre später ging, 35 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, der erste Druckwasserreaktor in Betrieb. Heute laufen vier Blöcke mit einer Leistung von jeweils 440 Megawatt. Laut AKW-Vizedirektor Jaroslav Vlcek erzeugen die Turbinen des Kraftwerks rund 13 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – genug, um den Verbrauch aller Haushalte in der Tschechischen Republik zu decken.

Rettungsring

In der riesigen Reaktorhalle ist es auffällig ruhig. Unter schweren silbernen Deckeln befinden sich Block 1 und Block 2, darunter, in 24 Meter Tiefe, wird Uran gespalten. Alles im grünen Bereich, zeigen die allgegenwärtigen Kontrolllampen. Das Geländer auf den Reaktorabdeckungen erinnert an eine Schiffsreling, sogar ein Rettungsring ist vorhanden. Ein Scherz des Reaktorpersonals? Keineswegs. Nicht nur der wassergefüllte Reaktor, auch die Kühlbecken daneben sind mehrere Meter tief. Erst vor zwei Monaten fiel ein Kommissar der in Wien ansässigen Atomenergiebehörde in ein geöffnetes Becken des Primärkreislaufes. „Glücklicherweise war das Wasser gerade frisch eingelassen, also sehr sauber, nur 300 Bequerel“, erzählt ein Arbeiter in gelber Schutzkleidung. Bequerel ist die Maßeinheit für Radioaktivität, sie gibt die Anzahl der Zerfälle radioaktiver Atomkerne pro Sekunde an. Zum Vergleich: Der Grenzwert für Milch liegt bei 1000 Bequerel pro Liter.

Insgesamt sind im KKW Dukowany rund 2000 Menschen beschäftigt. Bürgermeister Vitezslav Jonas, vor Kurzem auch in den tschechischen Senat gewählt, wünscht sich, dass die treibende Wirtschaftskraft in seiner Region möglichst lange erhalten bleibt. „Theoretisch können KKWs eine Lebensdauer bis zu 60 Jahren erreichen“, meint Vizedirektor Vlcek optimistisch. Auch Borivoj Zupa, Leiter der bürgerlichen Sicherheitskommission, ist von der Sicherheit des Kraftwerks in Dukovany überzeugt. Ob nicht auch Proteste gegen das neue Zwischenlager gegeben habe? Nein, heißt es.

Bedenken aus Österreich würden Ernst genommen, versichert KKW-Sprecher Peter Spilka. Er sei aber sicher, „dass niemand, der gut informiert ist, sich fürchtet“. In den vergangenen Jahren habe es zudem eine Reihe von Verbesserungsmaßnahmen gegeben. Tatsächlich sind die Störfälle seit Mitte der 90er-Jahre stark zurückgegangen. Davor hatte es bis zu sechs Reaktor-Schnellabschaltungen pro Jahr gegeben.

Weiter Aufregung um Temelín

Weiter Aufregung gibt es um die endgültige Kollaudierung des zweiten tschechischen AKWs in Temelín. Der Beauftragte des Landes Oberösterreich für grenznahe Atomanlagen Radko Pavlovec erklärte am Dienstag, nur sein Bundesland und das Burgenland hätten gegenüber Tschechien offiziell auf die Verletzung des Melk-Abkommens hingewiesen. „Die Bundesvertreter haben sich von der kritischen Stellungnahme distanziert“, so Pavlovec. Franz Pröll (VP) gab im Ministerrat bekannt, dass Österreich die Kollaudierungsunterlagen prüfen werde. Bis dahin behalte sich die Bundesregierung rechtliche Mittel vor. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 15.11.2006)

  • Blick auf den Block. Unter dem silbernen runden Deckel findet in 24 Meter Tiefe die Uranspaltung statt. Mit dem gelben Kran links werden die Brennstäbe geladen
    fotos: simoner

    Blick auf den Block. Unter dem silbernen runden Deckel findet in 24 Meter Tiefe die Uranspaltung statt. Mit dem gelben Kran links werden die Brennstäbe geladen

  • Der erste Castor im  neu errichteten  Zwischen-
lager. Ein Container fasst 84 gebrauchte Brennstäbe. Die Restenergie heizt den Castor auf bis zu 70 Grad auf

    Der erste Castor im neu errichteten Zwischen- lager. Ein Container fasst 84 gebrauchte Brennstäbe. Die Restenergie heizt den Castor auf bis zu 70 Grad auf

Share if you care.