Zwei Urstrumpftanten auf Zukunftsmission: "Der dritte Sektor" in der Drachengasse

17. November 2006, 18:59
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Regisseur Anselm Lipgens hat die Erstaufführung von Dea Lohers Stück als Off-Theater-Schmonzette leider verschenkt

Wien – Es liegt einiges Tröstliche in jener ungelösten Zukunft, die Dea Loher, eine der großen deutschsprachigen Dramatikerinnen der Gegenwart, aus dem Gefrierfach einer Tiefkühltruhe schöpft ("Das Stück Der dritte Sektor spielt in den letzten Jahren der Gegenwart"). Eine weibliche Herrschaftsperson taut auf gefrorenem Grund dem jüngsten Gericht entgegen: ein menschliches Phantom, das in einem an Drähten schwebenden Haushaltsmöbel der postindustriellen Menschheitsdämmerung still entgegenfault.

Doch vier Domestiken – eine verwitwete Schneiderin, eine hüftkranke Köchin, eine Putzfrau, ein Chauffeur mit Hundeschlappohren – haben ihre Chance auf das Umstürzen der Verhältnisse mutmaßlich verpasst. Sie sind gezwungen, ihr eigenes Überleben als Nachspielzeit abzusitzen. Sie verbringen ihre Ewigkeitsmuße mit Erinnerungsritualen, mit Aggressionsabbaumaßnahmen: Notfallschwestern eines im Vergessen versunkenen Dienstleistungssektors, der seine Angestellten in den Trübsinn eines unklaren "Danach" entlässt.

So sitzen sie und fabulieren sie, diese entzückend schäbigen Kellerasseln im schwarz-weiß gefliesten Keller des Theaters Drachengasse (Ausstattung: Anna Katharina Strobl), wo Regisseur Anselm Lipgens die Erstaufführung von Dea Lohers Der dritte Sektor als Off-Theater-Schmonzette leider verschenkt hat: Zwei strohige Elendsschwestern (Ursula Strauß, Gabriele Welker) der Schwab-Präsidentinnen mimen ein paar schlecht angelernte Herrschaftsallüren. An Genet angelehnte Trümmerfrauen einer entstofflichten Zukunft, die Lohers ineinandergeschraubte Erinnerungsfetzen wie geschäftige Prekariatswachteln herunterschnattern.

Leben aus dem Katalog

Das sein Geheimnis in keinem Augenblick preisgebende Stück wäre wohl als Endspiel gedacht gewesen: Haushälterinnen besetzen eine vorgeblich "herrschaftsfreie" Zone mit dem Erinnerungsmüll ihrer Lebenschancen. Die patentere der beiden (Gabriele Welker als "Martha") bezieht ihr Sehnsuchtsmaterial aus dem Quellekatalog. Die deutlich abgelebtere, verkniffenere (Ursula Strauß als "Anna") sitzt Aug’ in Auge mit dem Konterfei ihres toten Sohns. Ein hündischer Autostrotter (Giuseppe Rizzo), der in einem gehälftelten Wrack haust, macht sich als Fußtreter an der Kühltruhe zu schaffen.

Was hat Anselm Lipgens eigentlich erzählen wollen? Es muss ihm im Chaos der Stimmen und Existenzverstimmungen glatt entfallen sein. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2006)

  • Artikelbild
    foto: drachengasse/ a. friess
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