Urlaub mit Freunden: Nick Cave gastierte im Konzerthaus

15. November 2006, 12:01
34 Postings

Mit einer kleinen Version seiner Band The Bad Seeds war der Musiker in Wien zu Gast: Mit diesem Quartett veröffentlicht er im März ein Album – mit spürbarer Vorfreude

Wien – "What a fucking mess!", rief er aus und erhob den Stinkefinger Richtung Schlagzeuger. Der nahm’s gelassen, und ein gewisses Phlegma gehört wohl zur empfohlenen Grundausstattung eines Musikers an der Seite von Nick Cave. Ein Blick auf die anderen Akteure: Alle lachen. und auch Cave findet das durch ein nur beinahe gelungenes Song-Ende angerichtete Chaos breit grinsend amüsant.

Zwar gilt seine Stammband, The Bad Seeds, aus der sich hier ein schlanker Vierer als "Nick-Cave-Soloprogramm" gerade auf Europa-Tour befindet, ebenfalls als traditionell fahrlässig. "We don’t waste much time practicing" ist in diesem Zusammenhang ein oftmals vernommener Satz aus dem Mund des Australiers. Trotzdem verbreiteten die letzten Auftritte von Nick Cave And The Bad Seeds eine Abgeklärtheit, die der Kraft vieler Songs erheblich an Wirkung nahm, stattdessen ihr Heil in gemächlich abgehangenen Balladen im Midtempo suchte und leider auch fand. Am Montag im Wiener Konzerthaus war von dieser Routine kaum etwas zu spüren. Wohl vor dem Hintergrund, dass die hier auf der Bühne stehenden Herren Nick Cave, Warren Ellis, Martyn Casey und Jim Sclavunos eben unter dem Projektnamen Grinderman ein Album aufgenommen haben, das nächsten März erscheinen wird, schlug die Band einen deutlich schärferen Ton an als zuletzt.

"No Pussy Blues"

Das gleichnamige Album, aus dem auf der Homepage der Band die Blödheit No Pussy Blues zu hören ist, besinnt sich die Band auf Caves Wurzeln zur Zeit seiner zweiten Band, The Birthday Party, watet und taumelt also unentschlossen, aber bestechend zwischen Blues und dessen Reinkarnation als Punk.

Dazu verstärkte die Band im STANDARD-Interview den Eindruck, dass Grinderman ein Projekt von vier Jungs ist, die sich eine Auszeit von Heim, Familie und eben der Stammband gönnen, um wieder einmal ordentlich einen draufzumachen. Nick Cave: "Ich bin bald fucking 50 und habe das Gefühl, dass ich mehr zu sagen habe als das, was ich alle drei Jahre auf einem Bad-Seeds-Album unterbringe."

Dass er sich diese Freiheit nun genommen hat, wirkte sich auf das Konzert wahrlich positiv aus. Nicht nur, dass Cave nach wenigen Songs die Setlist entsorgte und ein über Publikumszurufe zusammengestelltes Wunschkonzert gab. Auch die Interpretationen überraschten noch die abgeklärtesten Nick-Cave-Konzert-Routiniers.

Sogar der üblicherweise als Problemkind einzustufende Warren Ellis verzichtete weit gehend auf sein schwer erträgliches Rumpelstilzchen-Ausdruckgehabe, sondern stärkte die Songs mit elektronischer Geige, deren Be- und Misshandlung mit Effektpedalen Atmosphäre generierte, die von gesetzter Behäbigkeit bis zu brachialem Lärm reichte.

Auch Cave, der dieser Tage vom Bart bis zur den kahlen Stellen seines Schädels an Mundl Sackbauer nach der Entdeckung des Farbtones "Black Death" im Angebot von Country Colors erinnert, hämmerte etwa ein wütendes Red Right Hand oder ein manisches Deanna aus seinem Flügel. Dass das Publikum derlei Ausbrüche wie schnöselige Jazzconnaisseure mit Zwischenapplaus bedachte, war wohl der Verdammnis geschuldet, derlei energetischen Darbietungen im Sitzen beiwohnen zu müssen.

Schließlich durfte sogar Cave aufstehen, um – ein Novum – zur Gitarre zu greifen und Tupelo mit zwei dröhnenden Akkorden zu bereichern oder bei Rock Of Gibraltar ein wenig neben den Noten zu lärmen. Immerhin hat ihm ja Ex-Bad-Seed Blixa Bargeld über viele Jahre hinweg gezeigt, wie man nicht Gitarre spielt.

Dass Cave im Balladenfach zu den Größten zählt, wurde durch Interpretationen des Weeping Song, God Is In The House oder Hallelujah nicht infrage gestellt. Im großzügig bemessenen Zugabenblock erhob sich der Saal schließlich aus den Sitzen und rückte angesichts der Darbietung mit vollem Herzen an den Bühnenrand vor.

Bereits vier Monate vor Erscheinen wirkte Grinderman also schon Wunder. Herrlich, so eine "fucking mess". (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2006)

  • "Hallelujah!": Nick Cave als wiedergeborener Blues-Berserker im Konzerthaus.
    foto: standard/urban

    "Hallelujah!": Nick Cave als wiedergeborener Blues-Berserker im Konzerthaus.

Share if you care.