Österreich im Tabakstreit

16. November 2006, 13:56
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Auch heimische Topmediziner fordern strengere Gesetze - Lungenexperte Norbert Vetter ist heute von 12 bis 13 Uhr Gast im Chat

Wien – Die österreichische Politik hinkt bei konsequenten Schritten gegen das Rauchen im EU-Maßstab hinten nach, kritisieren Patientenorganisationen und Experten. Anlässlich des "Internationalen COPD-Tages" macht jetzt die "Österreichische Lungenunion (ÖLU)" gemeinsam mit Spitzenvertretern der Pulmologie, der Krebsmedizin, der Herzmedizin und der Sozialmedizin mobil. Von der nächsten Bundesregierung wird nachdrücklich die konsequente Umsetzung eines Maßnahmenkataloges gegen den Tabakmissbrauch gefordert.

"Rauchen ist ein legales Massenvernichtungsmittel", sagt Michael Kunze, Leiter des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. "Rauchen tötet: In Österreich sterben an den Folgen des Tabakkonsums jährlich rund 14.000 Menschen." Aber auch wer nicht selbst raucht, lebt gefährlich: "Rauchen ist keine Privatsache", stellt Norbert Vetter (Leiter der 2. Internen Lungenabteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner Spital mit Pflegezentrum) klar. "Jeden Tag sterben bis zu drei Österreicher an Folgen des Passivrauchens."

Nichtraucherschutz ist Menschenrecht

"Beim Schutz von Nichtrauchern geht es um ein Menschenrecht, zum Beispiel um das Recht auf körperliche Unversehrtheit", ist Georg Danzer, Liederschreiber und Sänger, überzeugt. "Ich war zwei Jahre Vorsitzender von SOS-Mitmensch, und auch dort ging es um den Schutz der Rechte von Schwachen. Und im Zusammenhang mit dem Rauchen sind die Schwachen die Nichtraucher, deren Rechte beschnitten werden und deren Gesundheit durch Raucher gefährdet wird.

Forderungspaket: Rauchverbote, hohe Preise, Unterstützung bei der Entwöhnung

"Als Patientenvertreter und Mediziner, die täglich mit den dramatischen krankmachenden Folgen des Tabakkonsums konfrontiert sind, müssen wir mit Besorgnis zur Kenntnis nehmen, dass der österreichische Gesetzgeber als einer der letzten in Europa die Bevölkerung nicht konsequent vor den Gefahren des aktiven und passiven Rauchens schützt", heißt es in der aktuellen Petition. Die Unterzeichner appellieren daher an die Abgeordneten zum Nationalrat und an die künftige österreichische Bundesregierung, die folgenden Maßnahmen zu verwirklichen:

  • Rauchverbot in Gastronomiebetrieben: Freiwillige Vereinbarungen reichen hier ebenso wenig aus wie die Einrichtung von Nichtraucherzonen. Bleiben allfällige Raucherbereiche nicht räumlich abgeschlossen, bleibt die Gesundheitsgefährdung durch Passivrauch für Gäste und Gastronomiemitarbeiter bestehen.

  • Sanktionen: Einführung von Sanktionen für die derzeit mit völlig unzureichenden Strafandrohungen ausgestatteten Rauchverbote im Tabakgesetz ("lex imperfecta"). Das Fehlen von Sanktionen führt dazu, wie die tägliche Praxis zeigt, dass die vorgesehenen Rauchverbote häufig nicht eingehalten werden.

  • Erhöhung der Zigarettenpreise: Die Preise von Rauchwaren gehören zu den entscheidenden Regulativen für das Ausmaß des Tabakkonsums in der Bevölkerung. Das gilt in besonderem Maß für junge Menschen. Wir treten daher für Mindestpreise pro Zigarettenpackung von 5 bis 6 Euro ein, die rechtlich ausreichend abzusichern sind.

  • Tabakwerbeverbot: Ausweitung der bestehenden Werbeverbote im Tabakgesetz auf Plakatwerbung und Kinowerbung.

  • Unterstützung beim Nikotinentzug: Ein effektives Gesamtkonzept umfasst nicht nur ein umfassendes Rauchverbot, sondern auch Unterstützung für jene Raucher, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Wir fordern daher die Zweckwidmung der Einnahmen aus der Tabaksteuer für Rauch-Prävention und wirksame Entwöhnungsprogramme sowie eine allgemeine Kostenerstattung für die Entwöhnungstherapie.

Was meinen Sie? Der Lungenexperte Norbert Vetter wird ab 12 Uhr im derStandard.at/Gesundheits-Chat alle Fragen diskutieren.

Wer keine Zeit hat live mitzuchatten kann seine Fragen vorab schicken: Fragen an Norbert Vetter

Siehe
Chronologie der Verbote - Österreich im Tabakstreit
  • Primarius Norbert Vetter leitet die 2. Interne Lungenabteilung des Sozialmedizinischen Zentrums auf der Baumgartner Höhe in Wien
    foto: vetter

    Primarius Norbert Vetter leitet die 2. Interne Lungenabteilung des Sozialmedizinischen Zentrums auf der Baumgartner Höhe in Wien

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