Boltz erwartet sinkende Strom- und Gaspreise

29. November 2006, 11:41
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Liberalisierung bei uns besser umgesetzt als in Deutschland - Ein Fünftel der europäischen Strompreise durch "Marktmacht" bedingt

Wien - In den kommenden Monaten dürften die Strom- und Gaspreise eher wieder etwas sinken, erwartet E-Control-Chef Walter Boltz. Derzeit bestehe noch eine Hochpreisphase bei Strom, doch seien beim Ölpreis bereits die Höchststände überwunden, und auch die Gas- und CO2-Preise würden wieder zurückkommen, meinte Boltz Montagabend vor Vertretern des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF).

In Österreich hätten seit Beginn der Strommarkt-Öffnung etwa 11 bis 12 Prozent der rund 400.000 Gewerbekunden ihren Elektrizitäts-Lieferanten gewechselt und weitere drei Mal so viele ihre Preise neu verhandelt. Der Wechsel sei auch für Haushaltskunden ganz einfach und funktioniere zu 99,99 Prozent. Jährlich würden nur rund 100 Fälle vor der Schlichtungsstelle der E-Control landen.

Liberalisierung gut umgesetzt

Österreich habe die Strom-Liberalisierung sehr gut umgesetzt, vor allem im Vergleich zu Deutschland. Netztarife und Energiepreis zusammen lägen heute ohne Steuern und Abgaben um fast 25 Prozent günstiger als in Deutschland, 1999 sei das Niveau noch ungefähr gleich gewesen. "Wir haben also einen Wettbewerbsvorteil erzielt."

Erst der Markteintritt des Verbund ins Endkunden-Segment habe in Österreich den Wettbewerb im Haushaltsbereich belebt. Eine marktgetriebene Motivation, ein echter Marketingdruck fehle aber immer noch: "Die gesamte E-Wirtschaft gibt in einem ganzen Jahr soviel für Werbung aus wie die Mobilfunker in einer Woche."

Den Stromunternehmen gehe es gut - in Deutschland noch mehr als in Österreich -, die Umsatzprofitabilität sei in den vergangenen Jahren konstant gestiegen. Von den aktuell 56 bis 58 Euro Strompreis pro Megawattstunde (MWh) im Großhandel in Europa seien schätzungsweise 10 bis 12 Euro/MWh allein auf den Faktor "Marktmacht" zurückzuführen.

CO2-Handelssystem nicht bewährt

Das CO2-Handelssystem habe sich auf Grund von Fehlern bei der Konzipierung nicht bewährt und sei gerade dabei zu "kollabieren", meinte der E-Control-Chef. Nachdem der Zertifikate-Handel lange Zeit zu teuer gewesen sei - und man dies wegen falscher Annahmen auch für die Zukunft erwartet habe -, seien die Kohlendioxid-Preise nun mit nur 9 Euro je Tonne "an der Grenze" angelangt, wenn CO2-minimierende Aktivitäten in China oder Afrika 7 Euro/t kosten würden.

Im Gas-Bereich fehle noch ein liquider Großhandel, und auch die langfristigen Gasverträge seien ein Hindernis für einen funktionierenden Wettbewerb. Die Marktkonzentration sei bei Gas mit über 90 Prozent durch die Top-3- bzw. Top-5- Unternehmen noch deutlich höher als bei Strom, wo sie zwischen über 60 und über 80 Prozent liege, betrachtet man Erzeugung, Sonder- und Tarifabnehmer.

Durch das Erschließen neuer Gasquellen - etwa durch die "Nabucco"-Leitung aus dem Mittleren Osten und Flüssiggas (LNG) über Mittelmeer-Häfen werde es in sechs bis sieben Jahren ein Gasüberangebot geben in Europa, "und ich hoffe, dass sich das dann in auch in niedrigeren Gaspreisen niederschlägt", so Boltz.

Grenzüberschreitende Entflechtung

Die Überlegungen auf EU-Ebene zugunsten eines liquiden Gasmarktes gingen in die Richtung One-Stop-Shop-Netzzugang sowie grenzüberschreitende Entflechtungsbedingungen. Auch müsse das Netzzugangs-Regime auf Transitleitungen verbessert werden.

Im Strombereich gehe es um eine Überarbeitung des CO2-Regimes - so hätten etwa Frankreich und Polen zusammen 100 Mio. t zuviel an Gratis-Zertifikaten ausgegeben -, sowie um eine hinreichende Transparenz, eine bessere Integration der Energiemärkte und ein echtes Unbundling.

Alle Regulatoren - außer in Deutschland - seien der Meinung, dass die Entflechtung zwischen Erzeugung, Verteilung bzw. Vertrieb auch eigentumsrechtlich erfolgen sollte, damit weitere Markthindernisse beseitigt werden können, sagte Boltz. (APA)

  • E-Control-Chef Walter Boltz
    foto: standard/urban

    E-Control-Chef Walter Boltz

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