Das Herz - eine rostige Dose

14. November 2006, 11:50
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Heute startet im Rathaus zum fünften Mal die Aktion "Eine Stadt. Ein Buch": 100.000 Exemplare von Toni Morrisons Roman "Sehr blaue Augen" werden gratis verteilt

Wien - "Die 124 war böse. So tückisch wie ein Kleinkind. Die Frauen im Haus wussten das, und die Kinder auch" - so hebt Toni Morrisons fünfter und bis heute, nicht zuletzt durch Jonathan Demmes Verfilmung, wohl bekanntester Roman Menschenkind (Beloved) an. Die 124 meint ein Haus. Das Haus in Cincinatti, in dem die freigekaufte Sklavin Baby Suggs lebte, "die, da das Sklavenleben ihr 'Beine, Rücken, Kopf, Augen, Hände, Nieren, Schoß und Zunge kaputtgemacht hatte', beschloss, dass ihr nun nichts mehr geblieben war, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnte, außer ihrem Herzen": Baby Suggs, die große Liebende, deren eigene Kinder, durch Vergewaltigungen gezeugt, im Sklavenhandel verkauft, verschollen sind, lebt dort mit ihrer Schwiegertochter Sethe. Mit deren Tochter Denver und dem Geist einer zweiten, von Sethe getöteten Tochter. Dieser ist es, der im Haus rumort.

Häuser, Frauen, die schmerzensreiche Geschichte der Schwarzen in Amerika, die als Untote die Lebenden begleitet: Welch ein Gegensatz zur dreimal wiederholten, sterilen Lesebuch-Idylle, die Toni Morrison als eine Art Prolog ihrem ersten, 1970 erschienen Roman Sehr blaue Augen (The bluest eye) voranstellt. "Das ist das Haus. Es ist grün und weiß. Es hat eine rote Tür. Es ist sehr hübsch. Das ist die Familie. Mutter, Vater, Dick und Jane wohnen in dem grün-weißen Haus. Sie sind sehr glücklich."

Gar nicht idyllisch nämlich bleibt auch dort die Kindheit der schwarzen Protagonistin, der elfjährigen Pecola Breed-love: von der Mutter vergessen, vom Vater geschwängert, von den Nachbarn verachtet, wünscht sie sich Augen, so blitzblau wie die des Kinder-Stars Shirley Temple, um teilzuhaben am gebügelten Glück der Lesebuch-Sauberwelt.

Der Selbsthass der Benachteiligten, ihr selbstzerstörerisches Klammern an die machtvoll erzeugten Bilder vom "richtigen Leben", von Schönheit und vom Glück im grün-weißen Haus: Toni Morrisons bildstarke Parabel hat auch im europäischen Wien der Gegenwart Gültigkeit.

In Kaffeehäusern

Dort jedenfalls wird das Buch von heute an gratis verteilt: 100.000 Exemplare, in der fünften Auflage der Aktion Eine Stadt. Ein Buch zum Auftakt der Buchwoche im Rathaus. Solange der Vorrat reicht, liegen die Bände in Buchhandlungen, Büchereien, im Rathaus und in diversen Kaffeehäusern auf.

Fast unbemerkt entledigt sich die Stadt ihrer selbst auferlegten Verpflichtung, ausschließlich Bücher mit Wien-Bezug auszuwählen. Und besinnt sich darauf, dass die Sprache der Dichtung ihre Bezüge in weniger direkter Weise herzustellen vermag.

Toni Morrison, 1931 als Kind einer schwarzen Arbeiterfamilie in Lorain, Ohio in den USA geboren, wo auch Sehr blaue Augen spielt, hat in Interviews stets betont, dass sie die Welt aus der Perspektive einer doppelten Unterdrückung erschreibt: Als Schwarze in einer Welt der Weißen, als Frau in einer Männerwelt.

Kraftvoller Gesang

Ihre Bücher, für die sie 1993 als erste Afroamerikanerin mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde - Solomons Lied, Jazz, Paradies - beschreiben einen Kosmos, in dem Leid, Qual und Schmerz einen großen Raum einnehmen. Leid, das aus konkret benennbaren Machtverhältnissen erwächst, die dem Verlierer kaum Chancen lassen.

Dass ihre Romane sich dennoch als kraftvolle Gesänge lesen, tief verwurzelt in der Tradition der mündlichen Erzählung, liegt an der Menschlichkeit ihrer Protagonisten, die Toni Morrison den Verhältnissen entgegenstellt. Eine Kraft der Liebe, durch das Leben mitunter verkrüppelt - wie eine rostige Dose, heißt es in Menschenkind, hatte der Sklave Paul D. sein Herz verschlossen. Hatte Gefühle nur noch in kleinster Dosierung zugelassen, um nicht an ihnen zu krepieren. Auch Paul D. wird stranden in der 124, im Haus von Baby Suggs. In dem Haus, in dem der ruhelose Geist gemordeten Lebens die Menschen zwingt, ihrer Gegenwart bewusst zu sein. Mit den Verletzungen, die in ihnen wohnen. Trotz der Verletzungen. In Liebe, trotz allem. (Cornelia Niedermeier/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2006)

>>>Buchwoche im Rathaus Buchwoche im Rathaus

Bereits am Montagabend wurde der Berliner Verleger Klaus Wagenbach mit dem jährlich verliehenen Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet. Von heute, Dienstag, an ist die größte österreichische Bücherschau im Rathaus auch für das Publikum geöffnet. 149 Verlage stellen aus, rund 114 Veranstaltungen, Lesungen, Gespräche mit Autoren werden angeboten. 13 Buchhandlungen stellen zudem alle ausgestellten Bücher zum Verkauf. Heute Mittag um 12 Uhr eröffnet Bürgermeister Michael Häupl den "Bücherturm" im Literaturcafé, bestehend aus Exemplaren von Toni Morrisons Roman Sehr blaue Augen, der von diesem Moment an gratis verteilt wird. Die Autorin selbst wird am 19.11. in Wien zu Gast sein. (cia/DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2006)

Österreichische Buchwoche im Wiener Rathaus
14. bis 19. November 2006
täglich von 10 bis 19 Uhr, Eintritt frei
Wiener Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse
Festhalle mit Leseforum, Literaturcafé, Kindersaal und Steinsaal - 1. Stock.
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    Frau und Schwarze im weißen, männlichen Amerika: Toni Morrison erschreibt USGeschichte aus der Perspektive der Unterdrückung.

  • Link: Eine Stadt. Ein Buch
    foto: eine stadt. ein buch
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