Aus Mangel an Beweisen: "Affäre Dreyfus"

16. November 2006, 16:09
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Die Jüdische Filmwoche widmet dem unschuldig verurteilten jüdischen Offizier ein Spezialprogramm: Seine Rehabilitierung liegt heuer 100 Jahre zurück

Wien – Als "großen Spionagefilm" kündigt eine Texttafel zu Beginn reißerisch die Geschehnisse an. Richard Oswalds Dreyfus (1930), der die legendäre Affäre rund um den 1894 unschuldig verurteilten jüdischen Offizier im Dienste der französischen Armee aufarbeitet, versteht sich in der Folge hingegen eher als Untersuchung, welche die "wirklichen Tatsachen" des Justizskandals, die viele Jahre vertuscht worden waren, auch im Kino ans Licht der Öffentlichkeit bringen möchte.

Die Gründe für die Verurteilung Dreyfus’ rückt Oswald deutlich in den Vordergrund: Als der General die Liste der verdächtigten Offiziere durchsieht, prüft sein Blick stets zuerst deren Konfession, bis er beim einzigen mit jüdischem Glauben angelangt ist. In Zivil muss der Artilleriehauptmann schließlich zum Verhör erscheinen und wird, obwohl er seine Unschuld beteuert, mit gefälschten Beweisen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dreyfus, zu sehen im Rahmen eines Spezialprogramms der Jüdischen Filmwoche, ist ein Film im Dienste der Aufklärung gegen Antisemitismus, Rassismus und Korruption nicht nur im französischen Militärapparat. Er ist aber auch ein filmisches Dokument, dem vor allem Anfang der 30er-Jahre in Deutschland – mit Stars wie Fritz Kortner, Heinrich George und Albert Bassermann besetzt – eine besondere Rolle zufällt. Weniger die Affäre Dreyfus als die Situation der Weimarer Republik vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten vor Augen, erhebt Oswalds Film selbst Anklage und findet seine stärksten Momente denn auch in den flammenden Reden Heinrich Georges als Emile Zola für Grundrechte und Gerechtigkeit.

Wie sehr die Prozesse das Land in Aufregung versetzten, beweisen auch jene kurzen Stummfilme, die der Filmpionier Georges Méliès 1899, im Jahr des zweites Prozesses gegen Dreyfus, inszenierte: Méliès, von der Unschuld des Angeklagten überzeugt, übernahm selbst die Rolle eines der Verteidiger und inszenierte den ersten politisch zensurierten Film überhaupt. In der Folge sollte die Filmgeschichte die Affäre stets aufs Neue aufgreifen und ihre jeweiligen Lesarten und Verschiebungen einfließen lassen wie etwa jene von William Dieterle, der knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit The Life of Emile Zola den prominenten Fürsprecher Dreyfus’ in den Mittelpunkt rückt.

Die Rehabilitierung Dreyfus’ liegt heuer 100 Jahre zurück, doch weil die Affäre weit über einen Präzedenzfall hin-ausging, ist sie bis heute von Bedeutung: Demokratische Prinzipien dienen zum Schutz des Einzelnen und müssen gerade dann, wenn sie gefährdet sind, vom Einzelnen immer wieder verteidigt werden. (Michael Pekler/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2006)

  • Jüdische Filmwoche"Dreyfus" und "L’Affaire Dreyfus" (Foto) sind am 19. 11. um 10 Uhr im Wiener Filmhaus Kino zu sehen. Der Historiker Frank Stern hält eine Einführung.
    foto: jüdische filmwoche/ "l’affaire dreyfus"

    Jüdische Filmwoche

    "Dreyfus" und "L’Affaire Dreyfus" (Foto) sind am 19. 11. um 10 Uhr im Wiener Filmhaus Kino zu sehen. Der Historiker Frank Stern hält eine Einführung.

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