Wenn der Teekessel singt

13. November 2006, 17:18
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28 Jahre nach seinem Rückzug aus der Popwelt als Cat Stevens kehrt Yusuf Islam mit dem überkonfessio­nellen, sanftmütigen und spirituellen Album "An Other Cup" zurück

Wien – Normalerweise spricht man im Pop von einem Comeback, wenn sich ein Künstler zwischendurch einmal wegen Burn-out-Syndrom, Entzug, Familiengründung, Scheidung oder Töpferkursen in den umbrischen Outbacks für drei bis zehn Jahre von der Welt zurückzieht. Danach kann zum Beispiel das Kind im Manne zwar noch immer mit seinem Nachwuchs herzhaft kindisch daheim spielen. Künstlerisch gesehen ist man aber in der Auszeit soweit gereift, dass man die Hitparaden künftig nicht mehr mit protzigem Lalelu, sondern als weise und liebevoll über die Zeitläufte nörgelnder Alter vom Lagerfeuer aus bereichern will. Man nennt das wohl "Erwachsenenpop".

Anders, und für das Genre noch immer relativ neu, verhält sich die Sache natürlich bei Erweckungserlebnissen. Immerhin hatte sich nach einer schweren Tuberkulose-Erkrankung 1969 und einem abermaligen Nahtod-Erlebnis 1977 beim Schwimmen im Pazifik der damalige britische Pop-Superstar Stephen Demetre Georgiou alias Cat Stevens mit dem Hilferuf an einen überkonfessionellen Gott gewandt, ihn doch vor dem Tod zu bewahren. Dafür wollte er sein Leben radikal ändern und fortan nur mehr sein Lob singen. Der so gerettete, 1948 als Sohn von Besitzern eines griechischen Restaurants im Londoner Stadtteil Soho geborene Sänger, mit 40 Millionen verkauften Alben und Welthits wie Morning Has Broken, Moonshadow, Wild World oder dem im deutschen Sprachraum vor allem als "Teekessel-Song" bekannten Father & Son im Gepäck, hielt sich an seinen Schwur. Nachdem Cat Stevens also die großen und auch die kleineren Weltreligionen studiert und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen hatte, wandte er sich dem Koran zu und von der westlichen Welt konsequent ab.

Er nannte sich fortan Yusuf Islam und wurde Prediger. Zwischen London und Dubai als verheirateter Vater von fünf Kindern pendelnd, gründete er eine mittlerweile mit Filialen in ganz Großbritannien erfolgreiche Koran-Schule für Kinder (Islamia School) und verkauft heute als Besitzer der Medienfirma Mountain Of Light weltweit der Verbreitung des islamischen Glaubens verpflichtete Bücher, CDs und Videos. CDs übrigens, auf denen er selbst durchaus weiterhin als religiöser Sänger zu hören war und in der muslimischen Welt zum "Star" wurde. Zum Beispiel mit dem 1995 erschienenen Nummer-eins-Hit in der Türkei, dem Doppelalbum The Life Of The Last Prophet. Soviel zur "westlichen" Wahrnehmung – und Ignoranz.

In den letzten Jahren machte sich Yusuf Islam, der in den 90er-Jahren wegen eines falsch interpretierten Interviews ins Gerede kam, in dem er eben nicht die damalige Fatwa gegen Salman Rushdie guthieß, neben diversen anderen Hilfsprojekten vor allem auch mit seiner eigenen Organisation Small Kindness einen Namen. Mit dieser betreut er Waisenheime im Kosovo, in der Türkei und im Iran.

Singend predigen

Warum also nun 28 Jahre nach dem letzten Popalbum (Back To Earth) die Rückkehr eines viel beschäftigten Mannes in die Musikszene des Westens? Als Auslöser diente sicherlich auch Ende 2003 das von Peter Gabriel zu Ehren von Nelson Mandela in Johannesburg gegebene Aidshilfe-Konzert, das Yusuf Islam das erste Mal seit seinem Abschiedskonzert 1979 zurück auf die Bühne brachte. Damit einher ging wohl auch die Erkenntnis, dass es klüger und für seine karitative Arbeit einträglicher ist, nicht immer bloß den Bekehrten zu predigen.


Kostprobe aus dem neuen Album: "Heaven / Where True Love Goes"

Musikalisch wie inhaltlich hat sich bei Yusuf Islam/Cat Stevens jetzt auf dem Album An Other Cup über all die Jahre rein gar nichts verändert. Nach wie vor singt hier ein freundlich und friedlich brummender Mann auf Basis einer Lagerfeuergitarre von der Schönheit einer von Gott grundsätzlich gut eingerichteten, aber auch spirituell verzauberten Welt, in der es sich zur Not auch ohne muslimischen Glauben jeden einzelnen Tag zu leben lohnt. Der Teekessel singt, die Geigen herzen, das Klavier pumpert an die Himmelstür. I Think I Can See The Light jubiliert es aus den Boxen. Dazu raunen Whispers From A Spiritual Garden. Ganz gleich, was andere denken und vor allem glauben mögen: ein kleines Hippie-Revival wäre für den Weltfrieden nicht das Schlechteste. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2006)

  • Yusuf Islam hat mit Cat Stevens endlich seinen Frieden gemacht. Nach 28 Jahren Pause singt er wieder von der Schönheit der Welt im Angesicht Gottes.
    foto: universal

    Yusuf Islam hat mit Cat Stevens endlich seinen Frieden gemacht. Nach 28 Jahren Pause singt er wieder von der Schönheit der Welt im Angesicht Gottes.

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    albumcover: universal
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