Ein Knäuel Fragen - Von Poster Peter Eisendraht

17. November 2006, 16:39
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Habt Ihr eigentlich kein Problem damit, was wir wirklich so tun? Konzernen dabei helfen, ihre Produkte, die wirklich kein Schwein braucht, an den Mann zu bringen?

Ich möchte nicht wie einige vor mir hier unverrückbare Wahrheiten von mir geben. Ich möchte nicht sagen "Das ist so!". Die allumfassende Wahrheit gibt's, meiner Erfahrung nach, nicht. Vielleicht bei den Sonnentemplern.

Wenn ich diese Gelegenheit bekomme, dann will ich sie ganz Einzelkind-egomanic-like auch für mich nützen.

Weil mir mein Job nicht wurscht ist, ich viel Zeit mit ihm verbringe, möchte ich Fragen stellen. Fragen die ich mir schon lange und immer häufiger stelle. Über Dinge dich mich wundern, ärgern oder deprimieren. In besonders verworrenen Fällen auch alles zusammen. Idealerweise erhalte ich Antworten.

Habt Ihr eigentlich kein Problem damit, was wir wirklich so tun? Im Kern: Konzernen dabei helfen, ihre Produkte, die zum Großteil wirklich kein Schwein braucht, an den Mann zu bringen?

Ist das nicht ein bisschen dünn? Auf Dauer unbefriedigend?

Ein Arzt kann nach getaner Arbeit immerhin sagen: "Ich habe ein Menschenleben gerettet!" Oder von mir aus weniger drastisch: "Ich habe einer Frau Körbchengröße D geschenkt!"

Was können wir sagen?

Immerhin: Schafft es dein Spot nach internen und externen Diskussionen, Änderungen und "Optimierungen" endlich in die Werbeunterbrechung, zeigt sich die werte Zielgruppe dennoch nicht begeistert. Mitnichten, die geht einfach Lulu!

Fürs Gewissen-Waschen und Sinnhaftigkeits-Boosting hält sich dann jede Agentur ein bis vier Social-Kunden.

Apropos Preisegeilheit: Was soll man vom Werber-Parallel-Universum "Awards" halten? Inklusive lässig-schlampig (aber möglicherweise vielleicht doch sauteuer) gekleideter Kreative. Obwohl auf der Einladung klein aber doch "Abendgarderobe" gestanden ist!

Preise für Spots die einmal auf 9Live! (toller Sender - tolle Ratespiel-Moderatorinnen, keine Frage) um 23:57:30 bis 23:58:00 gelaufen sind. Preise für Werbung für Kunden, die nie einen Euro dafür bezahlt haben. Würstelstände und Frisöre können sich halt, so in echt, keine Werbekampagnen leisten. Tja. Preise für Spots und Sujets die nur zu einem Zweck gemacht wurden. Nämlich um Preise zu gewinnen.

Ist das nicht ein klein wenig verlogen?

Und was soll bitte das Credo "Sei nie zufrieden!" Mit Dir? Mit deiner Idee? Mit dem was du tust? Es geht immer noch besser!!!

Die perfekte Anleitung zum unglücklich sein? Ich will aber zufrieden sein! Verdammt! Und sogar - oh Schock! - war sogar einmal die erste Idee mit Abstand die Beste. Oh Graus! Sollten sich nicht die selbst ernannten Werbergurus ihre deprimierenden Ratschläge lieber an den Hut stecken?

Und dann diese Werbeblase. Die Freundin ist im Kontakt. Der Bruder Web-Designer, Robert hat ein Tonstudio. Michele ist im Marketing. Ein guter Freund seit kurzem Creativ-Direktor. Noch einen Aperol-Spritz'? Ja, her damit! Abstruser Höhepunkt des Ausbruchs aus dem reduziert möblierten Werber-Elfenbeinturm, war das Modell eines österreichischen Durchschnittswohnzimmers in einer Werbeagentur.

Geschmacklosigkeits-Unterschicht-Kevinismus zum anfassen. Quasi.

Abgesehen davon, das es sich hierbei nur um einen ausgefuchsten Marketing-Gag der betreffenden Agentur handelt, frage ich mich schon: wie degeneriert, abgehoben und arrogant eine Branche sein muss, um so etwas lustig und oder sinnvoll zu finden? Nicht auszucken, 38er im Ladl liegen lassen. Ist ja nur eine Frage.

Wenn der kühl, ernste Bildungsbürgerbobo schon unbedingt dem Volk aufs Maul schauen will: Ein bisserl U6 fahren. Und geht scho!

Was mich zur letzte Frage bringt: Glaubt ihr nicht das, dass was wir so fabrizieren absolut trefflich mit dem Begriff "Perlen vor die Säue" zu benamsen wäre? Vielleicht nicht. Nach einer Kampagne von uns hat Heftl X plötzlich 130.000 Exemplare mehr verkauft. Macht mich das aber froh? Eher nicht. Oder schon? Siehe erste Frage.

Zur Person
Peter Eisendraht. Ist gar kein Kuschelbärli. 30. Wiener. Lebt in Wien. Seit knapp 10 Jahren in der Werbung. Er hat viele Haare am Körper. Einen Blog hat er jetzt auch: petereisendraht.blogspot.com

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  • Artikelbild
    foto: peter eisendraht
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