Libysche Kleingärten

18. November 2006, 17:00
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Um alle Oasen der Libyschen Wüste in Ägypten zu sehen, müsste man ein Scarabaeus mit Flügeln sein

Längst sind die Pyramiden von Gizeh versunken: zuerst im Rückspiegel des gerammelt vollen Reisebusses, dann im Staub der dahinjagenden Fahrzeuge. Allmählich sind die Mäuler trocken, die Zungen zu klebrig geworden, und nun drohen auch die Mitreisenden unter der dichten Staubglocke zu verschwinden: irgendwohin ins Innere des ruckelnden Busses und ins Niemandsland von Ägyptens Libyscher Wüste. Schuld daran ist der verdammte Sand. Durch die geöffneten Fensterritzen zieht er seit der Abfahrt von Gizeh herein. Verstaubt Sonnenbrillen, kitzelt beharrlich in den Nasenlöchern, subtiler noch als die allmorgendliche Fliegenplage. Das Licht ist allmählich weicher geworden, und die dunkelgraue Tristesse der einzigen ägyptischen Eisenerzmine von Managum ebenso fatamorganisch wieder verschwunden, wie sie zuvor aus dem Gerölle aufgetaucht war. Endlich kündigen nun aber auch dürres Gestrüpp und hieroglyphisch in den Himmel gezeichnete Stromleitungen nach 400 Kilometern die erwartete Oase an: Bahariya.

Grandioses Gartentor

Bawitis Gärten heißt das grandiose Entree der knapp hundert Kilometer von Norden nach Süden gestreckten Bahariya-Senke, die zu Ägyptens schönsten Oasen zählt. Wanderdünen und weiche sandige Dauerwellen fehlen an den Rändern dieser pittoresken Insel. Vielmehr begleitet hier eine schroffe, felsige Umgebung, die parallel zum Niltal verlaufende, und insgesamt fünf Oasen bewässernde Depression. Rot leuchtende Granatäpfel, winzige Äpfel und Datteln, Orangen, Oliven addieren sich nun rund um die Quelle Ayn Bishmu, dem Zentrum der Bawitis Gärten, zu einem biblischen Panorama. Über zweihundert Mineral- und Schwefelquellen speisen in der umliegenden Gegend von Aprikosenbäumen überschattete Freiluftbecken. Dazwischen: Ochsenkarren, so alt, als seien es Fossilien, die die Archäologen übersehen haben, und ächzende Saqijas-Wasserräder. Nur selten werden die von Ochsen angetriebenen Palmholzräder durch industrielle ersetzt.

Die Riz-Dynastien

Bahariyas Hauptort Al-Bawiti hat sich samt seinen verträumten Gässchen und nur 23.000 Einwohnern auf eine kleine, felsige Anhöhe im Zentrum der Senke zurückgezogen. Ringsum verstreuen sich Ausgrabungsstätten, die die wenigstens 7000 Jahre zurückreichende Besiedelungsgeschichte der Bahariya-Oase dokumentieren: Grabmäler aus der 18. und der 26. Dynastie, Ausgrabungen aus der Römerzeit, und im benachbarten Örtchen Ain Riz die frühchristliche Georgskirche.

Bahariya ist freilich bloß der Beginn des historischen, westägyptischen Oasen-Bogens. Unter den Pharaonen bildeten die zum Nil gerichteten Oasen – Bahariya, Farafra, Dakhla und Kharga – eine wichtige Verteidigungslinie gegen libysche Stämme. Aufwändig waren späterhin die Bemühungen der Ptolemäer. Sie trieben die Kultivierung des Bodens in zäher Kleinarbeit voran, gruben hunderte Brunnen, dehnten die Grenzen der Oasen zentimeterweise wüstenwärts aus und legten das bis heute verwendete Kanalsystem an.

Wüste schwarz-weiß

Zwischen Bahariya und der 180 Kilometer weiter südlich gelegenen Nachbaroase Farafra liegt Ägyptens interessanteste Wüste, zugleich eine der spektakulärsten Gegenden der gesamten Sahara. Auf engem Raum durchquert man hier atemberaubende Landschaftstypen: schwarze Tafelberge wechseln mit hell gleißenden Kalksteindomen und mächtigen Sanddünen, die weiter östlich – und weit bis nach Libyen hinein – in die tödliche Weite des Großen Sandmeeres übergehen. Vor allem aber hat der heulende Wind zwischen Bahariya und Farafra die bizarren Kalksteinskulpturen der „Weißen Wüste“ geschaffen, und er fräst, schmirgelt, glättet auch weiterhin. Lebhafter erwarten die weiter südlich liegenden Oasen ihre Besucher. Bei Farafra krönen eine verfallene Lehmburg und daran angeschmiegte, farbenprächtig bemalte Häuser den zentralen Wohnhügel Al-Qasr. Noch leuchten die goldenen Nasenringe und rot bestickten Gewänder der Frauen hier auch außerhalb des lokalen „Fine Art Museums“ in der Sonne. Durchaus wohltuend verflüchtigen sich die Knirpse angesichts herantrabender Fremder lautstark kreischend in die Röcke ihre jungen Mütter. Keinerlei Bakschisch-Gezetere übertönt das Gurren der omnipräsenten Taubenhäuser, und hinter dem Hügel bewässert Al-Qasrs Quelle Ain Balad einen fächerförmig ausgebreiteten Garten. Ganz Ägypten liebt ihn für seine betörenden Äpfel. Auch das weiter südlich anschließende Dakhla kommt westlichen Vorstellungen von der Bilderbuch-Oase ein gutes Stück entgegen. Schattige Baumalleen säumen hier die Straßen zwischen den zehn Dakhla-Dörfern. Und nur einen Steinwurf entfernt liegen Felsengräber aus dem 1. und 2. Jahrhundert. Wie Postkartengrüße aus einer längst wieder vergessenen, mischkulturellen Zeit, kleben hier farbenprächtige ägyptisch-hellenistische Malereien an der Wand.

Karge Sarkophage

In der Oase Kharga endete einst die berüchtigte Sklavenroute der schwarzafrikanischen „Vierzig-Tage-Straße“. Statt der antiken Menschenhändler landen nun die fliegenden Sarkophage der innerägyptischen Fluglinie aus Kairo in der 100 km langen Kharga-Senke. Ägyptens einziger persischer Tempelbau, der Hibis-Tempel bei Al-Kharga, frühchristliche Relikte und koptische Nekropolen locken die Fremden hierher und bescheren Kharga das größte touristische Aufkommen.

Unbemerkt bröckelt währenddessen eine moderne Ruine vor sich hin: die vom Architekten Hassan Fathy entworfenen Wohnsiedlungen im traditionellen nubischen Stil blieben nämlich unbewohnt. Zu furchterregend empfanden die Einwohner Khargas deren Ähnlichkeit mit Ägyptens traditionellen, überkuppelten Totenhäusern.(Hannes Meier/Der Standard/Printausgabe/ 11./12.11.2006)

Link: egypt.travel
Unterkunft: Oberoi Hotels & Resorts
Archäologie: Informationen zur Archäologie von Dr. Zahi A. Hawass auf egyptvoyager.com (Englisch)
Reiseverantstalter: Botros Tours
  • Auf den Scarabaeus wird man überall dort treffen, wo sich gleich neben den schönsten Gärten in der Sahara auch die interessantesten Ausgrabungen finden.
    foto: egypt.travel.com/arnaud chicurel/hernis.fr

    Auf den Scarabaeus wird man überall dort treffen, wo sich gleich neben den schönsten Gärten in der Sahara auch die interessantesten Ausgrabungen finden.

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