"Können nicht vom Jodeln leben"

13. November 2006, 19:33
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Maximal 16 Millionen Euro will die Voest ab 2008 jährlich für CO2-Zertifikate ausgeben. Sonst müsse man Ausbau-Investitionen in Linz überdenken, warnt Voest-Chef Wolfgang Eder

Wien - Mit einem Rekordhalbjahr hinter sich und einem rekordverdächtigen Gesamtergebnis (31. März 2007) vor sich hat Voest-Chef Wolfgang Eder am Montag die Rute ins Fenster gestellt: Er pocht auf die Einhaltung des im Juli zwischen Industrie, Energieversorgern und Umweltministerium vereinbarten Nationalen Allokationsplans (NAP) für CO2-Emissionen.

"Der NAP tut Voestalpine weh", sagte Eder bei Vorlage der Rekordhalbjahreszahlen und rechnete vor, dass der NAP 2008 bis 2012 auf Basis des derzeitigen Preises pro Tonne CO2 pro Jahr 16 Millionen Euro kosten würde. "Wenn diese Einigung nicht gilt, stehen allfällige Erweiterungen am Standort Linz infrage." Konkret geht es um die fernere Zukunft ab 2015, wo Kokerei und kleinere Hochöfen am Ende ihres Lebenszyklus' ankommen werden. Infrage gestellt wären dann Flüssigphase (Eisen- und Roheisenerzeugung etc.), Grobblechfertigung und der neue Kraftwerksblock in Linz.

40 Prozent

Eng würde es konkret für rund 40 Prozent der derzeit insgesamt 4,2 Millionen Tonnen Roheisenproduktion, die nicht aus dem neuen Hochofen kommt. Allein der Erzberg zeichne für eine Millionen Tonnen CO2-Ausstoß verantwortlich. Für sie müsste sich die Voest einen neuen Standort in den EU-Erweiterungsländern oder noch weiter im Osten suchen. "Wir können nicht vom Jodeln oder den Lipizzanern leben. Der Wohlstand kommt von der Industrie, die mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beisteuert", warnte Eder die künftige Regierung, die tunlichst eine stabile sein sollte, vor dem Aufschnüren des Kioto-Plans.

Ein Blick in die jüngste Erhebung von Joanneum zeigt, dass es nicht in erster Linie die Industrie ist, die Österreich an den eigenen Kioto-Zielen meilenweit vorbeiführt. Denn die Energieintensität der Wirtschaft ist zwar leicht steigend, weist im EU-Vergleich nach Dänemark aber - dank Strom aus Wasserkraft - immer noch den zweitniedrigsten Wert auf. Da die Energieintensität (Verhältnis zwischen Bruttoinlandsverbrauch von Kohle, Elektrizität, Öl, Erdgas, erneuerbarer Energie und BIP) nur leicht steigt, ist klar, dass Verkehr und Hausbrand die Treibhausgasemissionen treiben.

Keine Sorgen machen Eder hingegen die Zahlen des Stahl- und Verarbeitungskonzerns: Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr von 3,26 auf 3,52 Milliarden Euro, der Betriebserfolg (Ebit) auf 455 Mio. Euro gegenüber 372 im Vorjahreszeitraum. Der Periodenüberschuss erhöhte sich um 26,2 Prozent auf 329 Mio. Euro.

Bahn überholt Stahl

Verbessern konnten sich laut Unternehmensangaben alle Divisionen, zu Geschäftsjahresende (31. März 2006) sollte der operative Gewinn (Ebit) dank anhaltend starker Nachfrage erstmals die 800-Mio.-Euro-Schwelle übersteigen. Da "die Bäume nicht in den Himmel wachsen", wie Eder mit Blick auf die lang anhaltende Stahlhausse meinte, will die Voest das Verarbeitungsgeschäft weiter ausbauen. Heuer werde der Umsatz der Sparten Bahnsysteme, Automotive und Profilform erstmals jenen der Division Stahl übertreffen; Bahnsysteme habe Stahl jetzt schon überholt.

Nicht gewöhnen sollten sich die Voest-Aktionäre an 17- bis 18-prozentige Ebitda-Margen und 13-prozentige Ebit-Margen, die seien nicht nachhaltig. Freuen dürfen vierprozentige Dividendenrenditen allerdings schon. Niedriger als beim abgeschlossenen Investitionsprogramm "Linz 2010", aber immer noch hoch bleiben die Investitionen: 258 Mio. Euro gehen unter anderem in einen neuen Kraftwerksblock in Donawitz plus neuer Wasserwirtschaft und in weitere Automobil-Zukäufe. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2006)

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