Deine blauen Augen machen mich so sentimental

12. November 2006, 21:00
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Oliver Maria Schmitts brüllend komischer Punkroman für die besseren Kreise - und für die älteren Leute: "Anarchoshnitzel schrieen sie"

Eine Weisheit aus längst vergangenen Tagen lautet nicht nur, dass Punk letztlich dicken Arsch mache. Ein zentraler Begriff aus der Hochzeit des Punk Ende der 70er-Jahre ist auch das von Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren geprägte Bonmot des "magnificent failure": Lieber großartig scheitern als bescheiden erfolgreich sein! Oliver Maria Schmitt, hat nun also mit Anarchoshnitzel schrieen sie für eine Generation von heute 40-Jährigen einen lange ersehnten, literarischen wie kleinkriminell bürgerlichen Schabernack nachgelegt. Nichts weniger als einen Punkroman für die besseren Kreise bringt der heute 40-jährige ehemalige Chefredakteur der deutschen Satirezeitschrift Titanic und ehemalige Kopf der unbeachteten Punkband Tiefschlag aus Heilbronn am Neckar derart zustande - und dies teilweise brüllend komisch im bewusst hoppertatschigen Stil eines Bildungsromans für die Generation Schwarzwaldklinik.

Zum einen wird im Rückblick die glücklose Geschichte einer völlig unbegabten Punkband namens Gruppe Senf, später Anarchoshnitzel, aus der schwäbischen Provinzvorhölle Hellingen Anfang der 80er-Jahre erzählt. Von wegen: "Scheißbullen, Scheißstaat" und anderer nachpubertärer künstlerischer Errungenschaften wie Hierarchie- und Vernunftverweigerung. Ein lakonisches Zitat des im Roman als Verbeugung vor dem Sänger der damals wichtigen Fehlfarben ("Monarchie und Alltag") benamsten Romanprotagonisten Peter Hein: "Zu den hektischen Rhythmen von Punk habe ich die wichtigsten Erfahrungen meines Lebens absolviert: den ersten Geschlechtsverkehr, den ersten Autounfall, den ersten Kreuzbandriss und den zweiten Autounfall. Das kann mir keiner nehmen."

Einer sowohl untalentierten wie ironiefreien wie in jeder Hinsicht zu spät gekommenen Combo, die es Jahre nach dem eigentlichen Urknall dieses wichtigsten kulturellen Ereignisses des vergangenen Vierteljahrhunderts ohne Not noch einmal in Originalbesetzung wegen eines Auftritts in einer musikalischen Nostalgieshow eines deutschen TV-Privatsenders wissen will, werden auch zwei andere nicht unwesentliche Nebenstränge angedichtet. Zum einen wird hier das Elend so genannt bürgerlich gewordener, aber eigentlich sozialtechnisch wie hygienisch gescheiterter Dilettanten erzählt, die heute in mediokren Berufen wie Call-Center-Unternehmer, Immobilien-Hai, Werbe-Jingle-Musiker oder Tonanlagenverleiher noch immer peinlich darum bemüht sind, ihr Scheitern als selbstbestimmten Sieg zu verkaufen. Zum anderen geht es bei dieser Reise auf der Suche nach den alten Band-Mitgliedern beim immer noch in den Köpfen der älteren Leute existierenden Übertritt vom "Westen" in die "neuen Bundesländer" auch um ebenso drastische wie lachhafte Vermittlung kultureller innerdeutscher Unterschiede.

Schwule, mehr kommunitaristisch als nazistisch im wilden Osten geerdete Skinheads tauchen in Anarchoshnitzel ebenso auf wie windige Ex-Manager, die noch immer versuchen, mit unbegabten, aber umso eingebildeteren Viertelmusikern Geschäfte im Stile Malcolm McLarens oder Colonel Tom Parkers zu machen. Am Ende werden sie, Herr Schmitt scheut vor dem Klotzen nicht zurück, auch noch von der Russenmafia gejagt. Wirklich schlimmbös allerdings wird es, wenn Schmitt die für jüngere Leser heute teilweise unverständlichen Kalauer auspackt, als Beschreiber innerer Gemütslagen auf die schiefe Bahn der unscharfen Bilder gerät und ihn die Zitierwut alter musikalischer Heuler packt: "Ihre blauen Augen machten mich so sentimental." Oder auch: "Über der Stadt lag ein Grauschleier, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hatte."

Am Ende packt alle Beteiligten dieser verschworenen Gemeinschaft von beherzten Verlierern die Wehmut der für's Leben restlos Unbegabten. Auch dank einer nie körperlich exekutierten Liebe zwischen Protagonist Peter Hein und Sängerin Itty Lunatic: "Ach Itty, das waren wir! Was hatten wir nicht alles vor! Junge Punxs waren wir und wollten aussteigen aus dem ,Scheißsystem', wie Du es so treffend genannt hast. Wir wollten es zu etwas bringen, wollten echte Saufpunks werden und ein Leben in freier Selbstbestimmung in der Fußgängerzone von Hellingen führen. Heute muß ich leider sagen: Es ist ein Traum geblieben." Erhabener Blödsinn! (Christian Schachinger/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.11.2006)

  • Oliver Maria Schmitt:  "Anarchoshnitzel schrieen sie. Ein Punkroman für die besseren Kreise". 20,50/352 Seiten. Rowohlt Berlin, Berlin 2006.
    buchcover: rowohlt

    Oliver Maria Schmitt:
    "Anarchoshnitzel schrieen sie. Ein Punkroman für die besseren Kreise".
    20,50/352 Seiten. Rowohlt Berlin, Berlin 2006.

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