Bunt blühende Hoffnung: Komponist John Adams im STANDARD-Interview

12. November 2006, 19:45
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Zum Auftakt von Peter Sellars' Mozartjahr-Festival "New Crowned Hope"wird am Dienstag die Oper "A Flowering Tree" von John Adams uraufgeführt

STANDARD: Herr Adams, mit der Oper "A Flowering Tree" setzen Sie Ihre langjährige Zusammenarbeit mit Peter Sellars fort. Welche künstlerischen Überzeugungen teilen Sie mit ihm?

Adams: Das Spannendste bei der Arbeit mit Peter ist, dass er wirklich an die Oper als wichtige Kunstform glaubt, er ist ein bemerkenswert scharfsinniger Hörer, und man kann mit ihm absolut tief gehende Gespräche über moderne Kunst und das moderne Leben führen. Und wir sind beide überzeugt, etwas zu schaffen, das eine Bedeutung für unsere Gesellschaft hat.

STANDARD: Nach eminent politischen Opern wie "Nixon in China", "Doctor Atomic" oder einem den Opfern von 9/11 gewidmeten Orchesterwerk beruht Ihr neues Musiktheater auf einem altindischen Märchen, und es wendet sich zu Beginn ausdrücklich an Kinder. Kündigt sich hier ein abgeklärtes Alterswerk an, das wieder so etwas kindliche Unschuld sucht?

Adams: Das kann ich nicht so generell beantworten, weil ich nie weiß, was ich als nächstes machen werde. Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich überhaupt noch eine Oper schreiben würde. Vor ein paar Jahren kam es aber dann zu Doctor Atomic, weil ich die Thematik der atomaren Bedrohung ideal für eine amerikanische Oper fand; und jetzt kam die wunderbare Idee, etwas im Zusammenhang zur Zauberflöte zu schreiben.

Ich denke, wir sollten uns auf solche Ideale besinnen, wie sie den Freimaurern zu Mozarts Zeit vorschwebten. Ideen der Aufklärung sind Visionen einer weltumspannenden Verständigung, und besonders als Amerikaner in der Ära Bush haben wir unter einem schrecklich aggressiven Klima zu leiden.

STANDARD: Ihre musikalische Sprache weckt zahlreiche Assoziationen zu älterer Musik und wirkt zeitweise, als hätten sich Bernstein und Orff an Puccinis Pathos versucht. Manches klingt ein bisschen nach Strawinsky, und der Chor, der bei "A Flowering Tree" in die Rollen verschiedener Personen schlüpft, erinnert an dessen Frühwerk - ein Vorbild?

Adams: Strawinsky ist für das 20. Jahrhundert das, was Shakespeare für das 17. war. Es gab für mich keinen Weg, ihm zu entkommen, vor allem die Klarheit seiner Rhythmen, die pulsierende Kraft war wichtig für mich. Aber auch Jazz und Rock sind bedeutende Inspirationsquellen für mich gewesen. In den Vereinigten Staaten sind wir viel weniger auf stilistische Reinheit bedacht. Die Reinheit von Webern ist ein sehr wichtiger Stil, aber mich interessiert das nicht, weil ich aus einem völlig anderen musikalischen Klima komme.

STANDARD: Warum, glauben Sie, dass es für das europäische Publikum schwierig ist, amerikanische Kunst wie die Ihre zu verstehen? Die Entwicklung verlief ja besonders nach dem 2. Weltkrieg sehr unterschiedlich &

Adams: Ja, obwohl ich auch in England viel Publikum habe. Auf dem Festland ist das anders, obwohl man in kein Restaurant gehen kann, ohne amerikanische Popularmusik wie Frank Sinatra oder Johnny Cash zu hören. Aber auf klassischem Gebiet kann das europäische Publikum mit amerikanischen Komponisten weniger anfangen, weil es entweder daran gewöhnt ist, Schubert und Mahler zu hören, oder sperrige Modernismen. Diese Trennung hat ja mit Schönberg begonnen, hier in Wien.

Als ich studierte, gab es das in Amerika auch, aber ich bin mehr mit Jimi Hendrix und Miles Davis aufgewachsen, und ich dachte, man kann mehr Publikum erreichten mit einer Musik, die sowohl neu als auch kommunikativ und offen ist. Und die Minimalisten haben wirklich ein riesiges Publikum für sich gewonnen, und so jemand wie Steve Reich ist ein wichtiger Komponist.

STANDARD: Sie arbeiten derzeit an einem Buch über das amerikanische Musikleben &

Adams: … über mein Leben - es ist eine Mischung aus persönlichen Erinnerungen und meinen Gedanken über die Situation der zeitgenössischen Musik, ich spreche aber auch über Akustik und Elektronik, über die Mischung von Pop und Jazz, über Schönberg: Manches ist sehr lustig. Und ich spreche über Musikpolitik. Amerika ist ein schwieriges Land, weil der Pop so viel Prestige hat: Was hier Schubert und Mozart sind, sind dort Elvis oder Billy Holiday.

Klassische Musik ist absolut unwichtig, Bob Dylan ist aber so eine Ikone wie Beethoven in Europa. In Amerika gibt es ein anti-intellektuelles Klima, und jemand wie ich ist im Vergleich zu einem Pop-Komponisten in der Kulturlandschaft fast unsichtbar. So bin ich eine marginale Existenz, aber mit einem intelligenten Publikum, das sich auf neue Stücke freut. Und das genügt, um weiterzumachen. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2006)

Zur Person:
John Adams, geboren 1947 in Worcester (Massachusetts), studierte in Harvard u. a. beim Schönbergschüler Leon Kirchner. Als Klarinettist spielte er in Blaskapellen und Orchestern, als Komponist wurde er unter anderem wesentlich von John Cage und der Minimal Music beeinflusst. Seit der Oper "Nixon in China" (1987) ist John Adams einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Komponisten.

Link
"New Crowned Hope"

Earbox [John Adams]
  • "Die Ideen der Aufklärung sind Visionen einer weltumspannenden Verständigung": Der amerikanische Komponist John Adams über Komponieren im Geist Mozarts.
    foto: standard/robert newald

    "Die Ideen der Aufklärung sind Visionen einer weltumspannenden Verständigung": Der amerikanische Komponist John Adams über Komponieren im Geist Mozarts.

  • Bühnenbildmodell zu "A Flowering Tree"
    foto: "new crowned hope"

    Bühnenbildmodell zu "A Flowering Tree"

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