Die Tante Derwisch

14. November 2006, 19:46
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Der Derwisch erzählte. So, als hätten wir das Zuhören nie verlernt

Es war vorher. Beim Schmutzwäscheindiemaschineschmeissen. Und weil ich weiß, dass ich ein unverbesserlicher Papiertaschentücherimwaschgutvergesser bin, habe ich bei allen Hosen noch einmal die Taschen durchgegraben. Als ich die Murmel dann in der Hand hielt, habe ich mich gefreut. So wie es der Derwisch vorhergesagt hatte.

Obwohl: Eigentlich habe ich mich auch geärgert. Weil ich zuerst „Murmel“ und dann erst „Glaskugerl“ gedacht habe. Und weil ich ein bisserl brauchte, um mich daran zu erinnern, dass wir damals eben keinen eigenen Begriff für Glaskugeln hatten. Aber halt trotzdem nicht Murmeln gesagt haben: Murmeln war leises reden, aber ganz bestimmt nicht Kugerlscheiben.

Kindervokabel

Egal. Der Derwisch konnte das ja nicht wissen. Weil er nicht von hier ist. Also nicht so von hier, wie ich von hier bin. Obwohl das auch wurscht ist – aber Kugerlscheiben hat der Derwisch halt nicht in Wien, sondern irgendwo anders gelernt. Als Kind. Wenn überhaupt. Entweder in Deutschland. Oder in der Türkei. Oder im arabischen Raum. Und dass er dann, jetzt, hier, von Murmeln sprach, ist so gesehen eh ok.

Die Glaskugel, hat der Derwisch gesagt, würde mich, sobald sie mir in die Finger käme, erinnern. Daran, dass nichts so ernst und wichtig ist, dass man nicht ständig versuchen sollte, sich daran zu erinnern, wie es war, als man noch ein Kind war. Und mit offenen Augen, offen Ohren und offenem Herzen durch die Welt ging. Und bereit war Zeit zu haben, zuzuhören und Wunder einfach zu akzeptieren. Und dann begann der Derwisch zu erzählen.

Kein Tschinbumm

Wir waren – A. hatte das einfach so beschlossen und hatte gleich ein paar Freunde mitverpflichtet – am Boden gesessen. In einem kleinen Theater. Der Derwisch war auf die Bühne gekommen und hatte das unspektakulärste vom Unspektakulären zu tun begonnen: Er erzählte Geschichten. Ohne Brimborium, Effekte und sonstigen Tschinbumm

Sicher: da war seine Pluderhose und sein Mantel. Teppiche und Pölster. Eine Dame ging herum und servierte Tee. Und ein bisserl Ethnokitsch (wir saßen mit ausgezogenen Schuhen am Boden und meine Beine schliefen ein. Weil ich das nicht gewohnt bin und Jeans nicht zum stundenlangen kauern, knien und hocken geschneidert werden.) gab es auch – aber eigentlich war das egal. Denn der Derwisch erzählte – und wir, also das ganze kleine Theater, hörten zu. Einfach nur zu. So, als hätten wir das nie verlernt.

Fabeln

Derwisch erzählte Geschichten. Geschichten von kleinen und großen Menschen. Geschichten vom Alltag. Geschichten von bekannten und unbekannten Geschichtenerfindern. Geschichten mit und ohne Moral. Geschichten aus Damaskus, Istanbul und der ganzen Welt, die da dazwischen liegt. Irgendwann kam mir eine Geschichte bekannt vor. Es war eine Fabel, in der es um Engstirnigkeit und Selbstherrlichkeit ging. Mit kleinen Abweichungen hatte ich genau diese Fabel schon anderswo gehört. Oder gelesen. Aber das machte nichts. Im Gegenteil: Dass ich das in einem Buch mit skandinavischen Märchen vor Ewigkeiten schon einmal gelesen hatte, machte die Erzählung des Derwischs nur noch schöner. Weil es zeigte, dass Menschen überall gleich sind. Gleich klug, gleich dumm oder gleich borniert.

Aber das ging mir erst auf, als P. nachher, am Heimweg, meinte, dass er bei ein paar anderen Geschichten das Gefühl gehabt hätte, unveröffentlichte Kapitel aus der Tante Jolesch vorgelesen zu bekommen. Er habe dann irgendwann die Augen geschlossen und versucht Orts- und Personennamen keinen Kulturkreis zuzuordnen. Das habe, sagte P., natürlich nicht wirklich funktioniert, aber vom Prinzip her sei das doch eigentlich eine feine Sache. Und deshalb eine echt nette Übung – schon alleine, weil der Derwisch uns so gar nicht belehrend gegenübergetreten war. Weil er keine Sekunde lang den Pädagogen, den Missionar oder gar den guten Menschen raushängen lassen hatte: Der Derwisch hatte einfach nur Geschichten erzählt. Und uns vorher Glaskugeln in die Hand gedrückt.

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