"Last-Minute-Mania ist passé"

24. November 2006, 14:58
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Der neue Chef von Österreichs größtem Reiseveranstalter Tui, Klaus Pümpel, ortet eine Trendumkehr: Statt in letzter Minute wird früher gebucht

STANDARD: Wie sehen die Trends im Winter aus?

Klaus Pümpel: Die Fernreisen ziehen stark an und wir merken eine Umkehr zum Last-Minute-Verhalten der vergangenen Jahre. Die Leute wollen ein bestimmtes Produkt haben und sich dieses zeitgerecht sichern. Bereits jetzt haben wir Anfragen, wann die Sommerkataloge herauskommen. Die Last-Minute-Mania ist passé. Im Winter sind die Malediven und Thailand sehr gut gebucht. In der Karibik könnte es besser gehen, da gibt es noch Kapazitäten.

STANDARD: Welche Auswirkungen haben die Probleme der AUA auf Sie?

Pümpel: Der Rückzug der AUA aus typischen Urlaubsdestinationen wie den Malediven, Phuket, Mauritius, aber auch Australien berührt uns insofern, als wir diese Strecken künftig mit nicht österreichischen Airlines fliegen müssen. Für die Kunden heißt das ein weiteres Mal umsteigen.

STANDARD: Statt eines Azorenhochs scheint sich ein Atlantiktief über der Tui-Gruppe festgesetzt zu haben. Wie dramatisch ist die Krise von Europas größtem Touristikunternehmen?

Pümpel: Mir steht es nicht zu, von Österreich aus die Entwicklung des Gesamtkonzerns zu kommentieren. Eines muss man aber sagen: Von einer riesigen Krise zu sprechen ist heftig überzogen. Was diskutiert wird ist die Frage, ob man mit einer Zweisäulenstrategie, wie sie der Tui-Konzern mit Touristik und Schifffahrt verfolgt, stabiler aufgestellt ist, oder ob der Wert pro Säule bei einer Trennung höher wäre. Das interessiert die Aktionäre, hat mit dem operativen Geschäft aber nichts zu tun.

STANDARD: Der Tourismus ist nicht in der Krise?

Pümpel: Nein. Der Tourismus ist ein Mega-Wachstumsfeld, das sich in den vergangenen Jahren mit Aufkommen von Internet und Billigfliegern allerdings extrem verändert hat. Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Gefragt sind Geschwindigkeit und Flexibilität. Dass das nicht ohne Knirschen geht, ist klar.

STANDARD: Schnell und flexibel, da denkt man an kleine, wendige Schiffe. Die Tui aber ist ein Riesentanker.

Pümpel: Wir haben im Konzern einen hohen Freiheitsgrad. Natürlich gibt es Dinge, die man nur über die Größe stemmen kann, etwa technische Sachen. Die kann man nur finanzieren, wenn viel Masse dahinter steht. Was für die Kunden relevant ist, Geschwindigkeit und Flexibilität, das muss täglich gelebt werden. Passiert das nicht, können wir die Schuld nicht dem Konzern geben.

STANDARD: In Österreich läuft auch nicht alles rund. Sie selbst sind mit Oktober an die Spitze von Tui Österreich gehoben worden, ihr Vorgänger, Franz Leitner, musste gehen. Was wollen Sie anders machen?

Pümpel: Mit der Veränderung in der Führung haben wir unser Aufgabengebiet neu definiert. Statt den Fokus auf die gesamte Region Zentral- und Osteuropa zu halten, konzentrieren wir uns nun auf Österreich und die unmittelbar angrenzenden Länder Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien. Zusätzlich betreuen wir den Norden Italiens bis Verona.

STANDARD: Tui hat ein engmaschiges Netz in Österreich. Trotzdem waren Sie zu weit weg vom Kunden?

Pümpel: Vor wenigen Jahren war die Welt der Touristik noch relativ einfach. Da gab es auf der einen Seite die Hotel- und Fluganbieter und auf der anderen Seite die Reiseveranstalter, die die Angebote gebündelt und über die Reisebüros verkauft haben. Dieses Modell ist aufgebrochen. Statt einen Weg gibt es nun viele Möglichkeiten, zum Urlaubsprodukt zu kommen. Weil wir wollen, dass uns die Kunden in allen Vertriebskanälen finden, müssen wir uns eben noch mehr anstrengen.

STANDARD: Magic Life ist ein Problemkind der Gruppe. Man hört, die Klubs seien abgewohnt, lange Zeit sei nichts investiert worden ...

Pümpel: Das ist Geschichte.

STANDARD: Aber dieses negative Image schwingt noch mit. Wie wollen Sie dagegen ankämpfen?.

Pümpel: Tatsache ist, dass Magic Life schon bessere Zeiten gesehen hat, die Türkei-Krise hat uns getroffen. Wir haben in den vergangenen Jahren ordentlich investiert und viel von dem, was an negativen Rückmeldungen gekommen ist, beseitigt. Nun wollen wir das Standortnetz erweitern.

STANDARD: An welche neuen Ziele denken Sie?

Pümpel: Neben der Türkei, Tunesien, Ägypten und Griechenland, wo wir Magic-Life-Clubs haben, wäre es super, in Spanien ein geeignetes Objekt zu finden. Auch Italien sehen wir als sehr interessanten Standort an - relativ weit im Süden, damit man lange Saisonzeiten hat. Dasselbe gilt für Kroatien.

STANDARD: Der oberste Steuermann von Tui, Michael Frenzel, hat angekündigt, bis 2008 insgesamt 210 Millionen Euro nachhaltig einsparen zu wollen. Wie hoch ist der Österreich-Beitrag?

Pümpel: Wir haben keine Einsparvorgaben, wir haben Ergebnisziele. Wir werden mit Sicherheit an allen Schrauben drehen, nicht weil der Konzern ein Kosteneinsparungsziel vorgibt, sondern weil das ganz einfach Aufgabe jedes Unternehmens ist.

STANDARD: Für Tui Österreich arbeiten derzeit rund 4600 Mitarbeiter, der überwiegende Teil in den Urlaubsdestinationen, etwa 750 in Österreich. Von wie vielen werden Sie sich trennen?

Pümpel: Es gibt kein Projekt, eine bestimmte Anzahl von Köpfen freizusetzen. Deshalb habe ich auch keine Veranlassung, über Personalreduktionen intensiver nachzudenken. Entscheiden für uns ist der Erfolg am Markt, und da werden wir ordentlich Gas geben.

STANDARD: In Deutschland gibt es sehr wohl ein Köpferollen, 400 von 2000 Stellen werden gestrichen.

Pümpel: Wenn man die Strukturen vergleicht, sieht man, dass Österreich schon immer schlank aufgestellt war.

STANDARD: Wie entwickeln sich heuer Umsatz und Passagierzahlen?

Pümpel: Mit den Marken Gulet, 1-2-Fly und Terra Reisen werden wir umsatzmäßig an das Vorjahr anschließen, im Gästebereich die Vorjahreszahlen aber voraussichtlich nicht ganz erreichen. In der Türkei hatten wir einen Rückgang im deutlich zweistelligen Prozentbereich.

ZUR PERSON:

Klaus Pümpel (49) ist seit Oktober Vorstandsvorsitzender der Tui Austria Holding AG.

Der in Bregenz geborene Jurist hat den Großteil seiner Karriere in Tirol verbracht: Dort absolvierte er das Gerichtsjahr und arbeitete in der Hypo Bank sowie den Tiroler Röhren- und Metallwerken. Bei Tui ist Pümpel seit 1997, seit 2001 mit Vorstandsfunktion. Nun leitet er ein Unternehmen, das im Vorjahr mit 4500 Mitarbeitern und 750.000 Passagieren rund 850 Mio. Euro umgesetzt hat. Pümpel lebt in einer Lebensgemeinschaft und hat einen Sohn. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2006)

  • Drängt in alle Vertriebskanäle: der neue Chef von Tui Österreich, Klaus Pümpel.
    foto: standard/urban

    Drängt in alle Vertriebskanäle: der neue Chef von Tui Österreich, Klaus Pümpel.

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