Kommandotürme menschlicher Schande

12. November 2006, 11:57
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Literaturnobelpreisträger und Überlebender der Nazi-Vernichtungsmaschinerie Imre Kertész sitzt in "Dossier K." über sich selbst zu Gericht

Es waren mehr als nur unheimliche Zeiten für den kleinen Imre ("Emmerich") im Budapest der 1930er-Jahre: Als Sohn geschiedener jüdischer Eltern, als Scheidungskind mit der doppelten Annehmlichkeit zweier "Elternhäuser" versehen, wird Imre Kertész, Jahrgang 1929, als 14-jähriger Shell-Raffineriearbeiter der Vernichtungsmaschinerie der Nazis überantwortet. Kertész verdankt sein Überleben im KZ Buchenwald einer Reihe von Zufälligkeiten, die sich für den heutigen Literaturnobelpreisträger immer noch merkwürdig ausnehmen: Es stecke kein "Sinn" hinter der Tatsache des Davonkommens. Ein Gott, der hinter einer solchen "Vorsehung" wirksam wird, müsse hingegen radikal abgewirtschaftet haben.

Kertész setzt sich in Dossier K. ("einer Ermittlung") nicht als Dichter, sondern als Mensch in Szene: Er richtet einen ganzen Fragenkatalog an die eigene Person, und er sieht sich gezwungen, sein (Über-)Leben als Epilog zu inszenieren - als Nachspiel auf jenen Zivilisationsbruch, der die Epoche der Ideologien als fortgesetztes Grauen erwiesen hat.

Dem "Dossier", das vorgeblich im Plauderton daherkommt, liegt somit eine staunenswürdige Poetologie zugrunde: Kertész' Berufung zur Dichtung - und wer wollte dem erschütternden Roman eines Schicksallosen nicht den höchsten Rang zusprechen? - verfällt dem Verdikt, dass nach der Erfahrung von Auschwitz und "Endlösung" die essenzielle Beschäftigung mit Literatur einer Zufälligkeit, ja: geradezu einer Beliebigkeit entspringt. Imre Kertész markiert die Stationen seines Lebens mit der ernüchterten Inbrunst eines scheinbar Unbeteiligten: Er geißelt sich diverser Fahrlässigkeiten, er entwickelt im Umgang mit der eigenen Person die Distanziertheit eines zwar verständnisvollen, aber keineswegs nachgiebigen "Schöpfers". Kertész ist der Prosaist jener Ernüchterung, die von etwas nicht wieder Gutzumachenden handelt - vom hässlichen Fleck in der Mitte unserer Zivilisation, von einer Leere, der gerade die geläufigsten Sinngebungsstrategien (wie die des Kunst-"Machens") unrettbar unterliegen.

Es verwundert daher weniger, dass Kertész in der Rückschau den nach den schockierenden Erfahrungen von 1948 und 1956 abgemilderten "Gulasch"-Kommunismus als nicht satisfaktionsfähig erachtet. Die öffentliche Existenz eines Autors, der seinen Roman eines Schicksallosen ohne Rücksicht auf einen reglementierenden Literaturbetrieb "für sich" geschrieben hat, mit Blick auf eine Nach- oder Mitwelt, deren fragliches Zustandekommen der Abstrahierung durch den realen Sozialismus anheimfallen musste, sie entfällt - sieht man von jenen brotberuflichen Etüden ab, die sich der Lustspielautor Kertész im Nachhinein weniger verzeiht, als er sie ganz einfach achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

Der Befund ist freilich noch schmerzlicher: Gehört die Literatur der heroischen Sphäre der "Demonstration" an - worunter Kertész eine unauflösliche Verpflichtung gegenüber dem Wahrheitsbegriff versteht -, so fällt das "private" Leben noch dort, wo es Stoff abgibt für die zu verfassenden Romanwerke, einer schleichenden Auszehrung anheim. Der Weltautor belegt dergleichen Umtriebe mit dem schonungslosen Begriff der "Kollaboration": ein Sich-Abfinden mit der Abschaffung des Sinns durch die umgebende Lebenswelt.

Man kann dieser Tage wenig Erschütternderes lesen als Kertész Selbstbezichtigung, 2000 - sozusagen unerzwungen - an einer Krakau-Reise der Deutschen Akademie teilgenommen zu haben. Die gelehrte Butterfahrt gipfelte in einem Besuch von Auschwitz-Birkenau. Kertész fragt: "Auf welche Herausforderung habe ich mich eingelassen? Woher rührt die eitle Genugtuung, der ich mich dort ausgesetzt sah?" Der Folgesatz ist schlechthin atemabschnürend: "Ich stieg auf den Kommandoturm." Gedrängter, gleichsam angeekelter Nachsatz: "Der - wie soll ich sagen - Stil des Ortes hat mich überwältigt und niedergeschmettert."

Doch damit nicht genug: "Es war ein Triumphzug, wie immer ich es auch betrachte. Ich habe den Geist der Toten schwer verletzt. War ich mir dessen bewusst?" Zwischen den Ruinen des Krematoriums sei ihm ein "Akademiekollege - ein etwa fünzigjähriger, ein wenig auffällig gekleideter Herr aus Deutschland - mit Tränen in die Arme" gesunken. Und er, Kertész, habe dem solcherart Überwältigten die "Absolution" erteilt. Schande, Schmach, lässliche Schwachheit: Der ungarische Autor ist der denkbar ungerührteste Richter über jene Gedankenlosigkeit, die das gesellschaftliche Wesen namens Mensch von der rigorosen Verfemung der eigenen (vermeintlich) schlechtesten Anteile abhält. Nicht weniger illusionslos auch Kertész' Einführung in die Welt der Literatur. Er habe durch Zufall eine Novelle von Thomas Mann gelesen. Er sei eher unerwartet, aber desto faszinierter auf Albert Camus' Der Fremde gestoßen. Ihm sei der Zugang zu Franz Kafka nicht eigentlich verwehrt, aber durch die Hemmnisse des totalitären Alltags doch reichlich verleidet worden. Verspätungen und Ernüchterungen, wohin das Auge schweift: Über der ersten Ehe des Autors habe eine unnennbare Drohung geschwebt, und auch der Aufbruch des postkommunistischen Ungarn in die beruhigteren Gefilde der Demokratie habe Inhumanes, Verblendetes, Desillusionierendes zutage gefördert - nicht zuletzt die Wendehälsigkeit eines als "gemütlich" verschrieenen Volks.

Imre Kertész' Wiederaufnahme der platonischen Dialogform handelt von der notwendigen Präzisierung einer im Grunde unteilbaren Erfahrung: Wer klaren, unkorrumpierten Sinnes die jüngere Vergangenheit betrachtet, müsste über der zugrunde liegenden "Ordnung der Dinge" freilich irre werden. Kertész plädiert ausdrücklich für die Schärfung der moralischen Wahrnehmungsfähigkeit - doch mit derselben Ungerührtheit verwirft dieser Jahrhundertautor auch jede Gerinnung von Einsichten in die Formen handhabbarer Ideologien. Es gehört schon zu den Pointen dieses gar nicht zu überschätzenden Buchs, dass sich Kertész halb brummelnd mit dem Epitheton des "Konservativismus" zufrieden gibt. Was hätte ein solcher Begriff im Angesicht der Sinnlosigkeitserfahrung auch anderes zu bedeuten als die (rhetorische) Ehrenrettung von Eigenschaften wie "Courage", "Mut" oder "Unangepasstheit"?

Imre Kertész, der die Bücher seines einstigen Vorbildes Thomas Bernhard "rascher weglegt" als ehedem, hat den Dialogroman seines Lebens geschrieben. Unter Nützlichkeitsaspekten betrachtet, muss das Dossier K. als notwendiger Schlankmacher betrachtet werden: Wer derart präzise über das schlechthin Überwältigende handelt, den ficht jede Form von Geschwätzigkeit nicht mehr an. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.11.2006)

  • Imre Kertész: "Dossier K. Eine Ermittlung." Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. 19,90/240 Seiten. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2006.
    buchcover: rowohlt/reinbek

    Imre Kertész:
    "Dossier K. Eine Ermittlung."
    Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm.
    19,90/240 Seiten.
    Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2006.

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