Selbstverhöre und Mitwisser im Stift: Literaturwettbewerb Floriana

13. November 2006, 12:53
posten

Von "Literatur und Verbrechen" handelten die Texte beim kleinen, feinen Wettbewerb in St. Florian: Der Siegerbeitrag von Richard Obermayr überstrahlte die Konkurrenz

St. Florian - "Es darf nur einen Mitwisser geben, mich", heißt es in Werner Koflers Konkurrenz. In diesem mit Versatzstücken des Krimis spielenden Roman führte der Kärntner Autor 1984 die literarische Beschäftigung mit dem Thema Verbrechen in lichte Höhen. Allerdings vergaß sein Protagonist in seinem Furor: Schon der Text ist ein gefährlicher Mitwisser, vom Leser ganz zu schweigen.

Ähnliches trug sich vergangenes Wochenende beim Wettlesen um den Literaturpreis Floriana im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian zu. Der Rahmen des schmucken Gartensaals, in dem neun Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz um Preise lasen, erwies sich als trügerische Idylle: Im Herzen der meisten vorgestellten Texte lauerte Finsternis.

Auch oder gerade weil es hier, wie bei Kofler, allenfalls vordergründig um Morde und andere Straftaten ging. Das vom rührigen Organisationsteam Klaus und Charlotte Liedl ausgegebene Motto "Literatur und Verbrechen" nützten viele Teilnehmer, um einen tiefen Blick ins Innere ihrer Figuren zu werfen. Verbrechen finden schließlich immer zuerst im Kopf statt. Manche tun es nur dort.

So gestaltete sich der von einer raren Sprachmacht zeugende Siegertext des Oberösterreichers Richard Obermayr als Selbstverhör eines Pistolenschützen, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gar kein Verbrechen begangen hat. Auch wenn der in der Tradition der Moderne zu verankernde Text bewusst nie ganz klar wurde, ließ sich irgendwann erahnen: Hier erfindet jemand ein großes Ereignis, um dadurch sein ereignisloses Dasein vor sich selbst zu legitimieren.

Der in Literaturzirkeln seit Jahren als ganz Großer von morgen beraunte Obermayr ließ diesen groben Handlungsverlauf in seinem virtuos gearbeiteten Text freilich nur zwischendurch aufblitzen. "Es gab keinerlei Reihenfolge, kein Nacheinander von Ereignissen", heißt es darin einmal. Man konnte in dieser Hinsicht ein stilles, wenngleich nicht minder abgründiges Äquivalent zu den Filmen David Lynchs erkennen. Oder auch eine melancholische Textmaschine, die sich nicht entscheiden will oder kann, ob sie um sich selbst kreisen oder Sinn generieren soll.

Im Zentrum des noch unpublizierten Textes steht das Problem der Erinnerung. Immer wieder blitzen grandiose Bilder auf, etwa wenn die der Figur verloren gegangene Vergangenheit eines Tages in Gestalt eines Hundes wieder auftaucht. Dadurch wird ein Selbstverhör angeregt, das wenig zutage bringt und nur umso verstörender ausfällt. Vielleicht darf der Leser darin auch eine Parallele zum eigenen, folgenlos dahinfließenden Leben erkennen, mit dem man sich lieber nicht eingehend beschäftigt.

Obermayrs Beitrag überragte mit seinem Sprach- und Reflexionsniveau die Konkurrenz. Aber auch das restliche Teilnehmerfeld, in dem sich auch der Bachmann-Preis-Träger 2005, Thomas Lang, Michael Stavaric oder Lydia Mischkulnig befanden, präsentierte teils qualitativ Hochwertiges.

Adam, Eva und Lilith

Die aus Kärnten stammende Mischkulnig etwa verwirrte auf anregende Weise mit einem Text aus der Sicht einer psychotischen Frau, die - von ihrem Mann verlassen - zur Stalkerin wird. Zusätzlich aufgeladen wurde der Text durch seine Bezüge zur Geschichte von Adam, Eva und Lilith. Obwohl sich Jürg Amann, der als Sieger der letzten Floriana 2004 in der Jury saß, zunächst Sorgen um die Autorin machte, ergab das den dritten Platz. Die mitzufavorisierenden Stavaric und Lang gingen hingegen leer aus. Der Ausschnitt aus dem Roman Stillborn, den Ersterer las, war Teilen der nebst Amann aus Peter Huemer, Erika Pluhar, Ingeborg Sperl und Anton Thuswaldner zusammengesetzten Jury zu trostlos und düster. Langs Text wiederum wurde weniger auf seine literarische Qualität abgeklopft als auf die Frage, wie stark er sich aus den Wirtschaftsverbrechen von Franz Josef Strauß' Sohn Max speist (ziemlich). (Sebastian Fasthuber/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2006)

>>>Unsichtbarer Sieger: Richard Obermayr Unsichtbarer Sieger

Richard Obermayr gewann in St. Florian

Die Gesetze des Marktes wollen, dass man als Autor mindestens alle zwei, drei Jahre ein Buch zu veröffentlichen hat. Sonst existiert man nicht. Der 36-jährige Richard Obermayr ist so ein Unsichtbarer.

Dennoch zählt er zu den bemerkenswertesten jüngeren Belletristen dieser Tage. Und das mit nur einer einzigen Buchveröffentlichung: 1998 erschien bei Residenz der Roman Der gefälschte Himmel, der sich mit seiner bildmächtigen Sprache auch zu einem beachtlichen Verkaufserfolg entwickelte. Seitdem: Schweigen. Bis zum Abschluss des Romanprojekts, an dem er seit acht Jahren arbeitet. (fasth/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2006)

  • Das barocke
Augustiner-
Chorherren-
Stift St. Florian –
hier die
Stiftsbibliothek –
gab in
diesem Jahr
den Rahmen
ab für die
siebte Folge
der ambitionierten
"Floriana".
    foto: oö.werbung/eos-witzany

    Das barocke Augustiner- Chorherren- Stift St. Florian – hier die Stiftsbibliothek – gab in diesem Jahr den Rahmen ab für die siebte Folge der ambitionierten "Floriana".

  • Richard Obermayr gewann den Wettbewerb "Floriana"
    foto: floriana

    Richard Obermayr gewann den Wettbewerb "Floriana"

Share if you care.