Unbequemer Rat auf höchstem Niveau

Redaktion
21. November 2006, 21:27
  • Frederick Mayer
    foto: standard/cremer

    Frederick Mayer

Über den Kreativitätsforscher, Pädagogen und Pazifisten Frederick Mayer

Vor einigen Tagen las man in den Zeitungen folgende Meldungen: In den USA hat die Kommentatorin Adriana Huffington George W. Bush, wohl wegen der Resultate seines Krieges gegen den Terror, einen "Ritter von der traurigen Gestalt" genannt. In Österreich machte der Pflegeforscher Erwin Böhm mit seiner harten Kritik an der Pflege in Österreichs Altenheimen (und dem drastisch formulierten Vergleich, der Pflegezuschuss sei "moderne Euthanasie") Schlagzeilen.

Was haben diese beiden Meldungen mit Frederick Mayer zu tun, der im heurigen Juni 85-jährig in Wien verstorben ist? Viel: Denn der lange Zeit in den USA lebende Pazifist hat sich zum einen zeitlebens gegen Gewalt und Krieg engagiert, zum anderen wegweisend über die Probleme des Alterns in der modernen Gesellschaft geschrieben. Die Kritik von Frederick Mayer an Bush und Konsorten ist zwar weniger amüsant als die von Michael Moore, aber dafür gründlicher und vernichtender. Und seine Gedanken zum würdevollen Umgang mit alten Menschen sind radikaler und stellen für die Politik eine weit größere Herausforderung dar als die Konzepte und die Kritik von Böhm.

Mayer, der als Kreativitätsexperte und Erziehungswissenschafter weltweit Anerkennung fand, propagiert nichts weniger als die Erziehung von Menschen, die ihren unbedingten Wert auch abseits der herrschenden materialistischen und martialischen Verwertungslogiken erkennen. Er entwickelte das Konzept der schöpferischen Erweiterung, eine Gegenstrategie zu jenen Mechanismen der Einengung, die schon im Kindesalter greifen. Anstelle konventioneller Erziehung schlug er ein dynamisches, auf Dialog und Ermutigung basierendes Modell vor, welches neben sozialen Werten das schöpferische Potenzial und die Interessen eines Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Gegen Quantifizierungsmaximierung wendet er sich auch in der Wissenschaft. In der Psychologie setzt er eher auf tiefere Einsicht durch Literatur: "In gewisser Weise lernen wir von Dostojewski mehr als von Freud, und wir gewinnen größere Einsichten von Camus als von Skinner." Mit anderen Worten: Mayer steht so weit außerhalb des Mainstreams der Moderne wie Franz von Assisi seinerzeit außerhalb der Kirche. Und auch das Leben dieses radikalen Querdenkers ist so interessant und relevant wie seine Ansichten.

Frederick Mayer, 1921 in Frankfurt geboren, wächst als Sohn eines Bankdirektors in gutbürgerlichem Milieu auf. 1936 kommt der erste entscheidende Bruch: Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, geht er - getrennt von seiner Familie, die sich erst im letzten Augenblick retten kann - mittellos in die USA. Die folgenden Jahre in einem Waisenhaus prägen sein Leben. Er erlebt Hunger, den Sadismus älterer Jugendlicher und einen Angst fördernden Schulunterricht. Trost bieten ihm allein die Bücher der Bibliothek.

Glücklicherweise erkennt eine Rhetoriklehrerin sein Talent, und dank eines Stipendiums kann Mayer, dem man zuvor eine Zukunft als Straßenkehrer prophezeit hatte, ein Studium absolvieren. Er schließt es summa cum laude ab. Gelehrter im Elfenbeinturm wird er trotzdem nicht: Vor der akademischen Karriere arbeitet er zunächst in einem Ferienlager für kriminelle Jugendliche. Und lernt dabei, wie wichtig neben Büchern praktische Bewährungen und Erfahrungen sind.

Von 1944 bis 1966 lehrt Mayer als Professor für Philosophie, Pädagogik und Humanwissenschaften an kalifornischen Universitäten. Er arbeitet zudem als Vizedirektor einer Stiftung, die Menschen in schweren Lebenskrisen unterstützt, und als Berater für einen Thinktank.

---> Publikationen

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Empfehlenswerte Werke:

Frederick Mayer, "Der lange Weg zum Miteinander". Sachbuch € 19,90/126 Seiten. Böhlau, Wien 2006.

Frederick Mayer, "Wege zu einem bedeutungsvollen Alter". Sachbuch € 19,90/ 152 Seiten. Böhlau, Wien 2006.

Frederick Mayer, "Tiefer fühlen und sensibler werden - Die kreative Entfaltung". Sachbuch € 19,90/ 194 Seiten. Böhlau, Wien 2006.

Weitere Publikationen (Auswahl):

"Erwartung und Erneuerung". € 23,80/136 Seiten. Böhlau, Wien.

"Güte als Lebensweise". € 19,90/112 Seiten. Böhlau, Wien.

"Vergeudung oder Verwirklichung. Können wir kreativer sein?" € 23,80/248 Seiten. Böhlau, Wien 1993.

"Vernunft, Glaube und Menschlichkeit". € 23,80/152 Seiten. Böhlau, Wien 2004.

"Lebensziele". € 18,00/161 Seiten. Löcker, Wien 1999.

"Eine neue Bildung für eine neue Gesellschaft". € 18,00/210 Seiten. Löcker 2001.

"Sehnsucht nach Harmonie." € 18,00/135 Seiten. Löcker, Wien 2001.
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2 Postings

Spontanes Verhalten
Vernachlässigt
Kalte Vernunft triumphiert.

Der schöpferische Mensch
Ignoriert sein Alter.
Seine Sehnsucht
Bestimmt sein Leben.

Liebevolle Institutionen
Zu selten vorhanden
Entfremdung unvermeidbar.

Kein Schwerpunkt
Für Beschränkungen
Wille zur Überwindung kultivieren.

für alte menschen:

Das Alter
Für viele eine Wüste
Für andere ein Gipfelerlebnis.

Der ältere Mensch
Braucht Anerkennung
Wirkt wie ein Jungbrunnen.

Keine Zukunft
Ohne tiefgreifende Reformen
Und Güte als Lebensinhalt.

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Hoffnungen
Nicht aufgeben
Leuchttürme der Seele.

Meditation
Andere Sichtweise
Zeit ohne Bedeutung.

Ein erfolgreiches Leben
Verlangt Perspektive
Freiwillige Einschränkungen als Fundament.

entommen aus "Güte als Lebensweise", 2006

"We become creative when we realize the infinite possibilities within us and when we understand that our function is not merely to exist but to contribute to life, to improve it, and to make it more meaningful to others." - Frederick Mayer

"What we need are more healers" - Jonas Salk
"The true test of the school, is the character that emerges from is. - Frederick Mayer
"Nothing so educates as a shock." - Will Durant

werkliste auf:

http://en.wikipedia.org/wiki/Fred... rick_Mayer

Der schöpferische Mensch
Braucht Provokationen
Eine endlose Pilgerfahrt.

Helle Augen
In einer dunklen Welt.
Immer wieder eine Ermutigung.

Der engagierte Mensch
Bestimmt durch Verbundenheit
Bleibt ein Suchender.

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