"Ich bin kein Königinnenmörder" - Alexander Wrabetz im STANDARD-Interview

26. September 2007, 15:33
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Wie der künftige ORF- Boss den ORF "entpolitisieren" will und warum er lieber "liabste Weis'n" statt ernste Opern hört

Alexander Wrabetz wird im Jänner ORF-Boss. Wie der Rote die Schwarze Monika Lindner mithilfe vierer Parteien ausgebremst hat und jetzt den ORF "entpolitisieren" will, und warum er immer lieber "liabste Weis'n" statt ernste Opern hört, eruierte Renate Graber.

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STANDARD: Bei Ihnen hier regnet es gar nicht herein? Sie wollen ja den ORF übersiedeln, weil das Haus so baufällig ist.

Wrabetz: In mein Büro regnet es nicht, aber schauen Sie, da drüben, wo die Arbeiter das Flachdach mit Kies abdichten. Die Büros dort, von Sport und Information, sind undicht. Wir entscheiden 2007, ob wir umziehen oder renovieren.

STANDARD: Sie sind erst ab Jänner Chef des ORF. Unangenehm, so eine Übergangsphase? Nicht König, nicht Diener.

Wrabetz: "Die Dialektik der Übergangsperiode", wie Viktor Pelewin seinen Roman über die Ära Putin nennt, bringt schon ihre Probleme.

STANDARD: Sie vergessen den Untertitel: "Von nirgendwoher nach nirgendwohin".

Wrabetz: Also, meine Zusammenarbeit mit Doktor Lindner ist sehr gut. Das, was 2007 betrifft, entscheide ich relativ allein, was heuer betrifft, machen wir gemeinsam.

STANDARD: Kurze Frage in eigener Sache: Wie lange dürfen Ihre Kinder fernschauen?

Wrabetz: Sie sind 13, 15 und 18, mündige Konsumenten und entscheiden das selbst. Sie schauen aber relativ viel. Als ich ein Kind war, war das Fernsehen mit 20.15 Uhr limitiert, aber ein Couch-Potato wurde sowieso nie aus mir.

STANDARD: Ex-ORF-Kurator, BZÖ-Chef Peter Westenthalers Lieblingssendung damals war "Wer bastelt mit". War es bei Ihnen auch so was Putziges?

Wrabetz: Ich habe den Russisch-Fernsehkurs gemacht, mit Lisa Schüller. Da habe ich Kyrillisch gelernt, was sehr geheimnisvoll gewirkt hat. Eine Freundin und ich, wir haben uns vertrauliche Briefe auf Deutsch, aber in Kyrillisch geschrieben, die konnte niemand in der Schule lesen. Im Russischen selbst bin ich über "Agronom w Gamburge; der Agronom ist in Hamburg" nicht viel hinausgekommen. Hilft im praktischen Leben in Russland zwar nicht wirklich, klingt aber ganz gut.

STANDARD: Sie haben dann Jus studiert, Ihre Karriere in den Achtzigern in der Girozentrale begonnen, mit Leuten wie Michael Lielacher, der später eine Bank gründen und verlieren und in schlimme Turbulenzen geraten sollte. Wo teilen sich denn solche Karrierewege?

Wrabetz: Das war damals toll, die Yuppie-Zeit, der Aufbruch der Wiener Börse, wir waren die jungen Talente der Elitebank Giro. Mit 32 hatten viele meiner Freunde schon ihre eigene Bank, und ich war Generalsekretär der ÖIAG. War auch nicht nichts, aber im Vergleich ... Na ja, das ist dann bei manchen schief gegangen, und dort haben sich die Wege dann geteilt.

STANDARD: Sie behaupten nun, den ORF entpolitisieren zu wollen. Wie wollen Sie das anstellen? Schon Ihre Wahl war ein ausgeklügelter politischer Akt, Sie sind nun roten, grünen, blauen und orangen Stiftungsräten verpflichtet; Lindner war es nur der ÖVP. Sie sagen: "Mehreren kann man nicht zu viel versprechen", ich glaube, damit liegen Sie völlig falsch.

Wrabetz: Der Punkt ist doch der: Es haben mich letztlich alle - oder besser: von allen welche - gewählt, auch ÖVPler. Mein Anspruch ist, den ORF so politikfern wie möglich zu strukturieren. Zu behaupten, der ORF sei auf einmal in einer politikfreien Sphäre, wäre absurd.

STANDARD: Ihr Programmdirektor, Wolfgang Lorenz, wird der ÖVP zugerechnet ...

Wrabetz: Weder Lorenz noch Informationschef Elmar Oberhauser sind wirklich jemandem zuordenbar. Sie sind bekannt dafür, dass sie einen breiten Rücken haben. So richtig zuordenbar bin nur ich. Trotzdem halte ich mich für unabhängig:_Ich bin nur per Zweidrittelmehrheit absetzbar, brauche nichts von der Politik, bin also in einer ganz komfortablen Situation.

STANDARD: Ein Medienunternehmen ist doch nur so unabhängig und parteifern, so unabhängig, parteifern und auch mutig seine Mitarbeiter sind.

Wrabetz: Ja.

STANDARD: Wie mutig sind die ORF-Mitarbeiter? Sie hatten fast fünf Jahre Zeit, sich etwa gegen Durchgriffe des ÖVP-nahen Chefredakteurs Werner Mück zu wehren. Der Mut kam spät, nur mit Unterstützungserklärungen von außen und zufälligerweise erst kurz vor Ihrer Wahl, nach einer Rede von ZiB-2-Moderator und Interviewer Armin Wolf. Er ist ob seiner Bekanntheit so gut wie unantastbar, für jede ORF-Führung.

Wrabetz: Da muss man zwischen Mut und Loyalität unterscheiden. Es gab ja interne Diskussionen, nicht alles davon war für die Öffentlichkeit wahrnehmbar oder überhaupt interessant. Die vorige Führung hat in den ersten Jahren auch immer wieder reagiert, erst in den letzten beiden Jahren hat sich einiges aufgestaut, ist das Fass übergelaufen. Es gab zwar Probleme bei der Information, aber immerhin hat Frau Doktor Lindner Armin_Wolf zum ZiB-2-Moderator gemacht, und viele haben wichtige Funktionen bekommen, Leute, die Herrn Mück nicht nahe standen. Das war ja auch ein Teil meiner Funktion in den vergangenen fünf Jahren: ausgleichend zu wirken.

STANDARD: Genau dafür sind Sie berüchtigt: Sie gelten als konfliktscheu, ein Netter ohne Ecken und Kanten, ohne Feinde. Sie haben nun zwar Ihre Vorgängerin abmontiert, behaupten aber immer noch, es passe "kein Löschblatt" zwischen Sie und Lindner. Haben Sie jetzt schon Feinde?

Wrabetz: Feinde? Nein. Es gibt wahrscheinlich genug Leute, die mich umbringen wollen, aber das sind ja keine Feinde.

STANDARD: Sondern?

Wrabetz: Das ist ein rationaler Vorgang (lacht). Ich rede von Leuten, die mich halt hier nicht sitzen haben wollen, die mir das berufliche Leben schwer machen werden.

STANDARD: Sie waren der einzige des alten Teams, der 2001 überlebt hat, in Lindners Team blieb. So anpassungsfähig?

Wrabetz: 2001 ging es um die Existenz des ORF: neues ORF-Gesetz, Konjunkturkrise. Da war es ganz pragmatisch, mich zu behalten, zumal ich ein gutes Arbeitsverhältnis mit Doktor Lindner hatte. Letztlich hat sie sich sicher auch gedacht, dass es austarierend wirkt, wenn man wenigstens einen im Team hat, der eine Gesprächsbasis zu den anderen hat, und zu den Mitarbeitern.

STANDARD: Trotzdem würden Sie heute in einem Drama über den ORF die Rolle des Königinnenmörders spielen, der hinter der Bühne auf seinen Auftritt wartet ...

Wrabetz: Wartet!

STANDARD: Sie sagen ja selbst, dass Sie seit Ihrem Eintritt in den ORF 1998 den Chefsessel anvisiert hatten.

Wrabetz: Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Nummer eins werden will. Das war auch Doktor Lindner klar, sie hat halt nur gemeint, noch nicht jetzt. Es gab ja zunächst auch andere Gegenkandidaten, zum Schluss blieb dann nur ich übrig.

STANDARD: Königinnenmörder?

Wrabetz: Ich bin eben kein Königinnenmörder! Ich glaube, das sieht Frau Doktor Lindner auch so. Im ORF ist es eben anders als in Aktiengesellschaften: Hier gibt es Management-Jobs auf Zeit, jeder weiß, dass die auch von politischen Konstellationen abhängen. Ich bin eine Ausnahme, weil ich schon meine dritte Amtsperiode beginne. Ich bin das längst-dienende Mitglied der Geschäftsführung. Leider nicht mehr das jüngste. Dafür habe ich den tollsten Job überhaupt.

STANDARD: Wie stellt man sich Wrabetz-Fernsehen vor? Die ZiB 1 nicht mehr durchgeschaltet, mehr News-Häppchen, mehr heimische Produktionen und jetzt auch wieder Fußball?

Wrabetz: Details verrate ich Ihnen nicht. Wir wollen einen Reformschub im Programm, der von den Zuschauern wahrgenommen und erlebt wird.

STANDARD: Das wollte noch jeder ORF-Chef.

Wrabetz: Es ist ja auch nicht so, dass sich in den letzten Jahren beim Programm gar nichts verändert hätte. Aber die Zuschauer und Gebührenzahler haben den ORF zu wenig als Unternehmen in Bewegung empfunden, nicht registriert, dass er sich für sie anstrengt.

STANDARD: Apropos Gebühren: Werden sie erhöht?

Wrabetz: 2007 sicher nicht.

STANDARD: Sie wollen Gerd Bachers Qualitäts- mit Gerhard Zeilers Quotenanspruch kombinieren. Wie soll das Kunststück funktionieren?

Wrabetz: Ich brauche die richtigen Leute in den richtigen Strukturen, die das richtige Programm machen.

STANDARD: Eben.

Wrabetz: Schauen Sie, auf den ORF kommen extreme Aufgaben zu, weil sich unsere Gesellschaft radikal verändert: Migration, Altersstruktur, Globalisierung. Die Politik tut sich immer schwerer, Inhalte zu vermitteln. Der ORF muss der soziale Kitt sein, die Bühne, auf der diese Prozesse ablaufen.

STANDARD: Klingt nicht nach Quote. "Mundl" und "Kottan" sind für Sie "österreichisches Kulturgut des 20. Jahrhunderts". Wie wollen Sie an die Erfolge anschließen?

Wrabetz: Indem wir Risiken eingehen. Was uns fehlt, sind ein gut gemachtes TV-Bürgerforum, eine österreichische, pointiert urbane Serie.

STANDARD: Sie sind ja begeisterter Wiener. Warum?

Wrabetz: Schauen Sie aus dem Fenster. Und wo gibt es das schon: in zehn Minuten in der besten Oper der Welt, in zehn Minuten im Grünen, beim Heurigen und bei gutem Wein. Nur ein bisserl wenig junge Leute leben in Wien.

STANDARD: Wenn nicht mal Sie mehr der Jüngste im ORF-Chefteam sind ... Mit Migranten könnte man die Alterspyramide vor dem Umkippen retten.

Wrabetz: Wenn man sie richtig integriert schon - und da spielen Medien eine wichtige Rolle. Wir müssen die Leute reinziehen, der ORF könnte das etwa mit türkischer Untertitelung von Sendungen machen.

STANDARD: "Musikantenstadl" auf Türkisch?

Wrabetz: Nein, aber untertitelte Nachrichten zum Beispiel. Und apropos "Stadl": Merken Sie's nicht, schauen Sie nicht immer öfter volkstümliche Sendungen wie "Mei liabste Weis'"? Na ja, vielleicht eine Alterserscheinung bei mir.

STANDARD: Bei mir ist es in letzter Zeit eher "Sex in the City".

Wrabetz: Ach so. Das mit der Musik ginge übrigens auch in die Gegenrichtung: Wir könnten auch kroatische oder türkische Musik in unsere Musiksendungen einfließen lassen.

STANDARD: Bisher waren Sie eher Opernfan, genau wie Ihr zentraler Chefredakteur Walter Seledec, FPÖ. Bleibt er?

Wrabetz: Ja.

STANDARD: Und Chefredakteur Mück? Wird TW-1-Chef?

Wrabetz: Ich will das mit dem Löschblatt nicht mehr strapazieren, aber: Wir beide haben eine gute Gesprächsbasis. Mück wäre ein guter Chef für TW 1, aus dem ich gern einen Info-Spartenkanal entwickeln würde.

STANDARD: Bitte sagen Sie mir nur einen Menschen, mit dem Sie nicht reden können.

Wrabetz: Sorry. Wissen Sie, das Schwierige sind jetzt nicht die Feinde für mich, sondern die Freunde: Ich muss viele Personalentscheidungen treffen, das heißt: Ich entscheide mich für einen und gegen viele. Das ist schwer.

STANDARD: Schlussfrage: Worum geht's im Leben?

Wrabetz: Pffff. (DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.11.2006)

  • Ab 2007 Chef des ORF: Alexander Wrabetz
    foto: standard/hendrich

    Ab 2007 Chef des ORF: Alexander Wrabetz

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