Zehn Jahre Mobilfunk: Das Handy hat alle Erwartungen übertroffen

1. Jänner 2007, 12:45
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Businesspläne um den Faktor zehn übertroffen - Den Siegeszug der Mobiltelefonie hätte damals niemand erwartet

Anlässlich von zehn Jahren Telekomliberalisierung in Österreich zogen gestern, Donnerstagabend, Experten aus Wirtschaft und Politik Bilanz. Tenor: Den Siegeszug der Mobiltelefonie hätte damals niemand erwartet und alle - zur damaligen Zeit nicht gerade vorsichtig definierten - Businesspläne seien um den Faktor 10 übertroffen worden, erklärte T-Mobile-Chef Georg Pölzl bei einer Podiumsdiskussion in Wien.

Man habe eine "Informationsgesellschaft" schaffen wollen

Überrascht von der Entwicklung zeigte sich auch der ehemalige EU-Telekom-Kommissar Martin Bangemann, schließlich seien überwiegend binnenmarktpolitische Überlegungen für die damalige Forcierung der Telekommunikationsinfrastruktur maßgeblich gewesen. Man habe eine "Informationsgesellschaft" schaffen wollen, die den Menschen den Alltag erleichtere. Dabei sei man allerdings auch auf erheblichen Widerstand in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten gestoßen, da es immer schwierig sei, "Grundversorgung zu liberalisieren".

Stolz

Siemens-Österreich-Aufsichtsratschef Albert Hochleitner zeigte sich "stolz auf die Pionierleistung", die "sein" Unternehmen in einer bis zu diesem Zeitpunkt noch reinen Festnetz-Ära erbracht habe. Damals zeigte das Festnetzgeschäft nach unten und Hochleitner musste im eigenen Haus viel Überzeugungsarbeit leisten, um in das Geschäft mit der Mobiltelefonie einzusteigen. Nachträglich bedauerte er lediglich die hohen Lizenzkosten für das UMTS-Netz, wo doch die Branche noch immer auf der Suche nach der so genannten "Killerapplikation" ist.

Businesskunden im Visier

Pölzl wiederum betonte, dass T-Mobile, damals noch max.mobil, beim Start der Handytelefonie vor allem die Businesskunden im Visier gehabt habe. Der schnell wachsende Markt sei durch den hohen Preisunterschied zwischen Festnetz und Mobil erst ermöglicht worden, wodurch sich ein starker Wettbewerb eingestellt hätte. Der heimische Mobilfunkmarkt sei durch hohe Eintrittsbarrieren gekennzeichnet, die nur durch den Preis zu überwinden wären.

Ex-Kommissar Bangemann musste eingestehen, dass sich gewisse Wünsche der EU-Kommission in punkto Mobilfunk nicht erfüllt hätten. So habe man sich etwa einen großen europäischen Markt mit großen integrierten Unternehmen erwartet, die Hardware, Dienstleistung und Infrastruktur aus einer Hand anbieten. "Das ist nicht eingetreten", so Bangemann. Auch seien die hohen Erwartungen in UMTS nicht eingetroffen.

"UMTS kommt später und anders, aber es kommt"

Nicht so drastisch wollte das T-Mobile-Chef Pölzl sehen, immerhin sei das wirtschaftliche und technische Potenzial gegeben: "UMTS kommt später und anders, aber es kommt". Für die Zukunft rechnet er mit einem weiteren Preisverfall, der durch neue Dienste aufgefangen werden könnte. Noch ausbaufähig seien E- bzw. M-Commerce-Dienste, die bisher von den Kunden nur zaghaft angenommen würden.

Bild:RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner, Diskussionsleiter ZiB2-Moderator Armin Wolf, Siemens Aufsichtsrat Albert Hochleitner, Meinungsforscherin Sophie Karmasin, der ehem. EU-Kommissar für Binnenmarkt, Martin Bangemann, T-Mobile CEO Georg Pölzl

Investitionen in den Mobilfunkmarkt würden sich weiterhin lohnen - auch wenn die Sättigung in manchen Bereichen schon erreicht sei, bemerkte der Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank (RZB), Walter Rothensteiner. Er, selbst bekennender "Heavy User", sieht das Handy als Teil der Lebensqualität, das den Alltag erleichtere. So könne er zu jedem Zeitpunkt den Bestand seines Weinkellers mobil abrufen, gestand Rothensteiner mit einem Augenzwinkern.

Gegen einmischung

Beim Stichwort Roaming (Auslandstelefonate) sprach sich Bangemann gegen eine zu große politische Einmischung seitens der Wettbewerbshüter aus. "Eine Regelung macht die positiven Effekte des Wettbewerbs zunichte", gab er zu bedenken. Auch seien die Standpunkte von Seiten der Kommission "schwer juristisch zu untermauern". Pölzl verwies seinerseits auf die freiwillige Reduktion der Betreiber, die zu einer "signifikanten Preisreduktion" führen soll.

Auf die Frage, ob das Festnetz noch eine Zukunft hätte, antwortete Hochleitner, dass die reine Sprachtelefonie immer mehr mit dem Handy bewerkstelligt werden wird, Chancen böten die vorhandenen Kupferleitungen hingegen für verschiedene Arten der Datenübertragung. Er selbst wünsche sich ein "National Roaming", d.h. bei einem Telefonat im Inland sollte automatisch der beste Betreiber gewählt werden.

Wunsch

Bangemann wünscht sich für die kommenden Jahre, dass die "Informationsgesellschaft in ihrer Breite verwirklicht" wird. Bereits vor zehn Jahren definierte Applikationen wie Notrufsysteme oder Tele-Medizin sollten nicht nur Gegenstand von Modellversuchen sein, die dann meist nur wenig wirtschaftliche Verwendung fänden.

Eine Prognose für die Zukunft zu treffen sei schwierig, so Pölzl. Allerdings rechnet er mit einem einheitlichen europäischen Preisniveau: "Die Internationalisierung wird Platz greifen". Auch technisch soll sich einiges ändern - Verbesserungen beim Customer Interface, der Spracheingabe und der Ausgabe werden angedacht. Zusätzlichen Aufschwung sollen auch neue Zusatzdienste bringen, genauso wie die Weiterentwicklung der Internetzugänge.(APA)

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  • Georg Pölzl, Vorsitzender der Geschäftsführung T-Mobile Austria

    Georg Pölzl, Vorsitzender der Geschäftsführung T-Mobile Austria

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