Triumph nach 30 Jahren für Milan Kundera

16. November 2006, 19:00
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22 Jahre nach Erstveröffentlichung im französischen Exil erschien "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" endlich in Tschechien, der Heimat des Autors

Prag - Später Triumph eines Ungeliebten: Rund 30 Jahre nach dem Gang ins französische Exil feiert Schriftsteller Milan Kundera in seiner tschechischen Heimat ein furioses Comeback. Sein Welterfolg "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", der 22 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Paris erst vor wenigen Tagen offiziell auch in Prag erschien, schoss sofort an die Spitze der Verkaufsliste. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren sei vergriffen, teilte der Atlantis-Verlag in Brünn mit. Das Interesse ist erstaunlich, denn das Verhältnis des heute 77-Jährigen zu seiner Heimat gilt seit der Flucht aus der kommunistischen CSSR als hoffnungslos zerrüttet.

Nachrichtenmagazin 'Tyden': "Endlich gefüllte Lücke"

Jetzt aber ziert ein Foto des "verlorenen Sohns" den aktuellen Titel des Nachrichtenmagazins "Tyden", das die Veröffentlichung von Kunderas bekanntestem Buch als "endlich gefüllte Lücke" feiert: "Heißen wir den Roman willkommen, der jetzt definitiv ein Teil der tschechischen Literatur geworden ist." Die angesehene Zeitung "Lidove noviny" wählte "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" zum "Buch des Monats". Und das auflagenstärkste Blatt "Mlada fronta Dnes" prophezeite: "Die Herausgabe wird viele Mythen über Kundera klären." Aber nicht nur die linke Zeitung "Pravo" erinnerte gleichzeitig an die weiter schlechte Beziehung des Autors zu seinem Geburtsland.

Grund ist ein legendäres "Essay-Duell" mit dem Autorenkollegen und späteren Präsidenten Vaclav Havel. 1968 hatte Kundera, damals noch Mitglied der Kommunistischen Partei, in dem Text "Tschechisches Los" geschrieben, sein Land werde aus der Niederschlagung der Reformbewegung "Prager Frühling" gestärkt vorgehen. Havel wies dies 1969 in einer Replik zurück: Kunderas "kitschige Vorstellung" der Tschechen als "intelligente Nation, die ständig zwischen die Mühlsteine mächtiger Nachbarn gerate", sei eine "demagogische Selbsttäuschung". Kundera reagierte verletzt mit einem Artikel, in dem er Havel als "notorischen Nörgler mit Scheuklappen" beschimpfte.

Sechs Jahre später, 1975, folgte er einem Ruf der Universität in Rennes, 1978 zog Kundera nach Paris. Hier entstand 1982 "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Das 1984 veröffentlichte Buch schildert eine Liebe vor dem Hintergrund der Niederschlagung des "Prager Frühlings". Zusätzliche Popularität erlangte die Geschichte 1987 durch den gleichnamigen Film von US-Regisseur Philip Kaufman mit Daniel Day-Lewis und Juliette Binoche. Das Buch, das als einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts gilt, war bisher auf Tschechisch nur 1985 von Sixty-Eight Publishers, einem kanadischen Exilverlag, in kleiner Auflage veröffentlicht worden.

Danach untersagte Kundera jegliche Neuausgabe auch vieler anderer Werke in seiner Muttersprache, da er "keine Zeit zum Redigieren des Textes" habe. Tatsächlich empfindet der Autor große Antipathie gegen den tschechischen Kulturbetrieb. Wie tief diese Abneigung ist, verdeutlichen geradezu kafkaeske Anekdoten: Bei Besuchen seiner Geburtsstadt Brünn (Brno) soll Kundera sich unter falschem Namen in Hotels einmieten und Bekannte dort zu geradezu konspirativen Treffen empfangen. Und die anonyme Endfassung einer illegalen Übersetzung seines Buches "Die Identität" auf einer tschechischen Internetseite soll von Kundera stammen, dem die Vorversionen nicht gefallen hätten.

Dass viele Tschechen mit dem Autor, der stets als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt wird, wenig anfangen können, bewies jüngst eine Umfrage nach dem "Größten Tschechen aller Zeiten": Weit hinter Tennisspielerin Martina Navratilova und Schlagersänger Karel Gott landete Kundera auf dem 85. Platz. Übrigens hat der Streit mit Havel auch eine Pointe parat. Wie der Ex-Präsident in seinem aktuellen Buch "Bitte kurz fassen" berichtet, wurde er einmal in undeutlichem Englisch von einem Fan angesprochen. "Ich verstand ihn nicht, aber ich sagte "Ja" und gab ihm ein Autogramm", schreibt Havel. Erst später sei ihm klar geworden, dass die Frage gelautet habe: "Sie sind Kundera, oder?" (APA/dpa)

Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" ist auch Band 1 der Süddeutschen Bibliothek
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    Milan Kundera

  • "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" in seiner tschechischen Erstauflage.
    foto: verlag

    "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" in seiner tschechischen Erstauflage.

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