Vorsorge statt Fürsorge

14. November 2006, 01:00
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Auf eines ist Verlass: Die Pensionslücke wird sich weiter vergrößern. Wer auch im Alter sein Auskommen haben will, muss die Vorsorge in die eigene Hand nehmen - und einiges beachten

Beim Abschluss eines Vorsorgeprodukts steht Ihnen kein Wohltäter gegenüber, der sich Ihrer Probleme annimmt, sondern ein Berater, der genau damit sein Geld verdient ? ein kleiner Leitfaden durch den Angebotsdschungel und mögliche Fallen.

Grundsätzlich gibt es eine Menge Möglichkeiten, für die Pension privat vorzusorgen. Christian Prantner, AK Konsumentenpolitik, Experte für Finanzdienstleistungen (Banken, Versicherungen): Je nach Produktkategorie gibt es unterschiedliche Vor- und Nachteile, Laufzeit, Ertragschancen, Sicherheit und Eignung zur Pensionsvorsorge. Wichtig ist, sich vier zentrale Punkte bei der Auswahl vor Augen zu halten:

  • Welches Risiko birgt eine bestimmte Veranlagung - gibt es beispielsweise ein Kurs-, Zinsänderungs-, Inflations-, Währungs-, Markt- oder Konkursrisiko des Unternehmens, in das Geld investiert etc. wird?

  • Welche Erträge wirft die Veranlagung ab - gibt es fixe, variable, laufende oder zu Laufzeitende fällige Erträge?

  • Welche Laufzeit (bzw. Kündbarkeit) hat Produkt?

  • Welche Kosten sind mit Veranlagung verbunden (einmalige bei Vertragsabschluss, laufende Spesen, Spesen bei Kündigung)?
  • Kategorien von Veranlagungsprodukten

    Zudem gibt es einige Kategorien von Veranlagungsprodukten, deren jeweilige Vor- und Nachteile im Zusammenhang mit oben angeführten Punkten bewertet werden sollten:

    - Sparprodukte - Wertpapiere (Anleihen, Aktien und Fonds) - Versicherungsprodukte (z. B. Rentenversicherung, Er- und Ablebensversicherung, Fondspolizze etc.) - Geförderte Produkte (Neue Zukunftsvorsorge) - Sonstige Produkte wie Gewinn- und Genussscheine, Gold - Immobilien: Direktinvestitionen, Fonds oder Vorsorgewohnungen

    Für die Pensionsvorsorge grundsätzlich nicht geeignet sind Optionen und Futures, Produkte also, die z.B. auf zukünftige Preisentwicklung spekulieren (Totalverlust möglich). Auch Beteiligungsmodelle ? wie z.B. als atypisch stiller Gesellschafter, Kommanditist oder Komplementär ? sind nur für erfahrene Anleger geeignet, betont AK-Experte Prantner.

    Aktive Tipps

    1. Falls Sie eine private Altersvorsorge ins Auge fassen, nehmen Sie sich Zeit für diese Entscheidung und überlegen Sie gut. Beachten Sie die jeweils unterschiedlichen Risken der einzelnen Produkte.

    2. Schätzen Sie Ihre persönliche Situation realistisch ein. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie sich Zahlungen für die Altersvorsorge auch in Zukunft ohne größere Probleme leisten können, sollten Sie eher davon Abstand nehmen. Erstellen Sie als ersten Schritt einen Haushaltsplan, um die Situation einzuschätzen.

    3. Ziele festlegen in Punkto Ertrag, Risiko, Laufzeit und Kostencheck. Das heißt: die Auswahl eines Produktes hängt von den persönlichen Vorstellungen über Ertrag (Rendite), Laufzeit und Liquidierbarkeit (Kündbarkeit) ab. Anleger sollte sich diese drei Punkte durch den Kopf gehen lassen ? schon bevor man einen Bank- oder Finanzberater zu Rate zieht. Zu viele Anleger machen sich im Vorfeld zu wenig Gedanken über ihre Ziele bzw. über das ?magische Dreieck? Rendite, Risiko und Liquidität. Für Verbraucher kommt ein vierter wichtiger Punkt hinzu: Welche Kosten fallen an?

    4. Welches Produkt passt zu mir? Welches Risiko nehme ich in Kauf? Vorsorgen ist mit vielen Produkten möglich: Die Palette reicht von Sparbüchern, Lebensversicherungsverträgen (gemischte Lebensversicherungen, Erlebensversicherungen) über Wertpapiersparpläne (z.B. von festverzinslichen Wertpapieren bis Fondssparplänen), bis hin zu fondsgebundenen Lebensversicherungen, Investmentfonds oder Aktien.

    5. Nicht vom Bank- oder Finanzberater drängen lassen oder rasch und insbesondere bei der neuen Zukunftsvorsorge nicht primär wegen einer staatlichen Prämie abschließen. Wie bei jeder Veranlagung gilt es: Ertragsmöglichkeiten (Rendite) genau abchecken, Risiken genau bestimmen und Kündigungsmöglichkeiten erklären lassen. Und: Was kostet die Veranlagung (z.B. bei staatlich geförderten Investmentfonds sind Ausgabe-, Depot- und sonstigen laufenden Spesen interessant.

    Generell gilt: Kein Grund für ein Altersvorsorge-Modell sollte es sein, Steuern zu sparen, einen Steuervorteil zu erzielen oder einen Förderungsbetrag zu erhalten. Dies kann jederzeit geändert werden. Hoher Ertrag bedeutet hohes Risiko.

    Fallen bei der privaten Pensionsvorsorge

    Bei der Auswahl des Produkts lauern auch jede Menge Gefahren, weiß Prantner und erlätert die häufigsten.

    Falle 1: Sich bei tatsächlich existierenden Risiken, Erträgen, Laufzeit bzw. Kündbarkeit und Kosten des ausgewählten Produktes grob zu verschätzen. Deshalb ist eine gute, sorgfältige Beratung vom Finanzberater notwendig.

    Falle 2: Überschätzung der finanziellen Möglichkeiten: Bei Vertragsabschluss erscheinen z.B. 140 Euro monatliches Ansparen für die private Vorsorge kein Problem zu sein. Nach einiger Zeit kann dieser Betrag drückend werden ? insbesondere wenn Einkommensverlust oder zusätzliche finanzielle Belastungen unerwartet hinzukommen. Ein Beispiel: Die Kreditzinsen steigen seit rund einem Jahr wieder beträchtlich - eine laufende Kreditrate kann sich somit ebenfalls kräftig teurer werden.

    Falle 3: Prüfe, wer sich an einen Verwalter bindet... Die oftmals teuerste Falle ist ein betrügerischer Vermögens- oder Finanzberater, der das anvertraute Kapital entweder in die eigene Tasche steckt oder widmungswidrig in den Sand setzt. Daher ist Vorsicht angebracht, wenn ein Berater sich anbietet, das Geld treuhändisch zu übernehmen und Ihr Geld auf ein Konto des Beraters überwiesen werden soll. Tipp: Grundsätzlich darf ein Berater nur dann treuhändisch tätig werden, der auch die Gewerbeberechtigung des Vermögensverwalters besitzt. Wenn Sie sich zu einem Vermögensverwaltungsauftrag entschließen, dann sollten Sie klären, welche vertraglich festgesetzten Verfügungsbefugnisse Ihr Verwalter über Ihr Geld hat. Ein wichtiger Gesprächspunkt ist daher, welche Geschäfte (und bis zu welcher Höhe) der Berater selbständig (ohne Ihre Zustimmung) und welche ausschließlich Ihre ausdrückliche Zustimmung verlangen. (Unbedingt im Vermögensverwaltungsvertrag festhalten!). Das nützt gegen betrügerische Absichten leider nichts. Im Zweifelsfall: Kein Geld überlassen.

    Falle 4: "40 Prozent Gewinn garantiert und ohne Risiko!" Versprechungen über "Superrenditen", die angeblich "ohne Risiko" sind. Faktum ist: Eine Superrendite von 40 Prozent ohne Risiko gibt es nicht. Die Ankündigungen dieser Art sind daher nicht nur falsch, sondern oftmals Lockvogelangebote von betrügerischen Initiatoren. Tipp: Vorsicht vor allzu aufgeblasenen Zeitungsannoncen mit überschwänglichen Versprechen.

    Falle 5: Manche Produkte werden von Beratern als "bombensicher" oder mit "Nullrisiko" beschrieben - leider immer wieder auch Risikogeschäfte wie Beteiligungen, Aktienkauf oder Termingeschäfte, bei denen das eingesetzte Geld weg sein kann. Tipp: Am besten ist es, die Aussagen des Finanzberaters schwarz auf weiß zu dokumentieren, um im Zweifels- oder Streitfall ein Beweismittel in der Hand zu halten. Denn auch für einen Berater gilt, dass er für seinen Rat einzustehen und für verursachte Schäden zu haften hat.

    Falle 6: Vorschnell unterschreiben, obwohl man wenig oder nichts verstanden hat. Finanzprodukte sind oft kompliziert, und bisweilen ist die Sprache davon noch komplizierter als das Produkt selbst. Niemand steht gerne als Unwissender da. Denn och gilt: Nicht abschließen um zu zeigen, dass man alles verstanden hat. Tipp: Nachfragen, hinterfragen, nicht unterschreiben, wenn wichtige Fragen offen sind.

    Falle 7: Wenn der Steuervorteil plötzlich wegfällt. "Steuern sparen" und "Steuervorteil" sind Schlüsselwörter, die immer wieder als Anreiz für eine Geldanlage in Aussicht gestellt werden. Anlageprodukte, deren Rendite hauptsächlich auf dem "Steuervorteil" basieren, können zur Falle werden: Die Steuergesetzgebung ändert sich laufend, Steuervorteile können also rasch wegfallen. Beispiele sind dafür Verlustbeteiligungsmodelle, die oftmals als steuerrechtliche ?Liebhaberei? eingestuft werden. Tipp: Die Rendite darf nicht ausschlaggebend auf einem Steuervorteil basieren.

    Falle 8: Schnelle Geschäfte am Telefon. Telefonwerbung ist nach dem österreichischen Wertpapieraufsichtsgesetz (WAG) grundsätzlich verboten. Das Strickmuster von eloquenten Damen und Herren am Telefon ist sehr einfach: Man möge rasch einen Geldbetrag überweisen, weil man habe bereits tolle Chancen verpasst. Wenn man dies tut, dann gibt es einen Gewinn, der zwar nicht ausbezahlt, aber telephonisch (oder per Fax) avisiert wird - nun solle man doch rasch reagieren und eine größere Summe überweisen... Tut man das, dann ist das Geld oftmals verloren, die Firma telephonisch nicht mehr erreichbar etc. Auch Drohungen gegenüber dem Anleger sind üblich. Totalverluste sind im Kontakt mit Telefonwerbern keine Seltenheit. Vorsicht: Betrügerische Absichten sind bei diesen Geschäften an der Tagesordnung. Tipp: Nicht auf Telefonverkauf einlassen. Und: E-Mails ("Nigeria-Briefe") am besten ungelesen löschen und nicht antworten.

    Falle 9: Kosten-Fallen lauern fast überall, aber insbesondere die vorzeitige Auflösung einer Veranlagung kann unerwartet teuer werden. Einige Beispiele: Bei gebunden Sparbüchern gibt es Vorschusszinsen (1 Promille pro Monat der nicht eingehaltenen Bindungsdauer) bei vorzeitiger Auflösung des Sparbuches, bei Bausparverträgen kostet die vorzeitige Auflösung den Verwaltungskostenbeitrag, die Rückverrechnung der staatlichen Prämie sowie "Strafzinsen" und bei Lebensversicherungsverträgen ist die vorzeitige fast immer ein beträchtliches Verlustgeschäft ? denn die Rückkaufswerte liegen normalerweise erheblich unter der Summe der einbezahlten Prämien.

    Aber auch einmalig verrechneten Spesen bei Vertragsabschluss sind nicht außer Acht zu lassen: Bei Investmentfonds fallen Ausgabespesen an, bei sonstigen Wertpapieren (wie Anleihen, Aktien etc.) Kauf- und Verkaufsspesen. Tipp: Lassen Sie sich vor Vertragsabschluss alle Spesen auflisten, die einmalig, laufend oder zu Vertragende anfallen können. Auch die Kosten der Kündigung ansprechen.

    Falle 10: Vertragskündigung ? "Lösen Sie auf, denn der Vertrag ist schlecht..." Unseriöse Berater empfehlen, bestehende Verträge aufzulösen, weil die angeblich "ungünstig" seien und sie "bessere Verträge" anzubieten hätten. Eine beliebte Produktkategorie sind Lebensversicherungsverträge, was für den Konsumenten besonders teuer kommen kann. Denn zur ersten Hälfte der Vertragslaufzeit beschert die Kündigung im besten Fall gerade die Rückerstattung der einbezahlten Prämien, oftmals liegen die Rückkaufswerte deutlich darunter. Tipp: Hinterfragen Sie jede Empfehlung eines Beraters, bestehende Verträge aufzulösen.

    Falle 11: Kreditfinanzierte Veranlagung, die zum Fiasko werden. Die Konstruktionen klingen meist toll, aber in der Praxis sind kreditfinanzierte Veranlagungsprodukte mitunter ein finanzielles Fiasko: Das passiert dann, wenn z.B. das kreditfinanzierte Wertpapier erheblich an Wert verliert und bzw. oder die in Aussicht gestellten Erträge nicht erwirtschaftet. Auch "Produktpakete", die darauf aufbauen, dass beispielsweise die Ausschüttungen aus einem Fonds die Prämienzahlungen für eine Lebensversicherung "besorgen" sollen, können ordentlich schief gehen. Denn: Wer bezahlt die Prämien, wenn es keine Ausschüttungen gibt oder sich das Anlageprodukt nicht wie geplant entwickelt?

    • Für einen finanzell abgesicherten Herbst des Lebens sollten keine überhasteten Entscheidungen getroffen werden.
      foto: sigrid schamall

      Für einen finanzell abgesicherten Herbst des Lebens sollten keine überhasteten Entscheidungen getroffen werden.

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