Essen ist Politik

18. Jänner 2007, 15:36
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Slow Food blies in Turin zum Gegenangriff auf die Agrarindustrie. Laotische Reisbauern, tansanische Brauer, sibirische Kaugummi-Macher und 5000 weitere Kleinproduzenten aus aller Welt waren zur Stelle

Mahmud al Sadeq hatte seinen Turban so kunstvoll geschlungen, dass nur seine lebhaften Augen sichtbar waren. Der Klumpen, den er in der Hand knetete, sah auf den ersten Blick wie Gummi aus. Als er mir die Masse unter die Nase hielt, entströmte ihr ein betäubend süßer Duft. "Karun", wiederholte der Libyer mehrmals und bedeutete mir gestenreich, davon zu kosten. Dabei zeigte er auf die Datteln, die er vor sich ausgebreitet hatte. Die schwere Süße der im Mörser gestampften Früchte füllte augenblicklich den Mund. Sie war noch nach Stunden zu schmecken. Die Naturprodukte des Scheichs aus der Oase Ghat kennen kein Verfallsdatum.

Seine Datteln, die malerische Namen wie "allulu" und "emeli" tragen, sind auch nach zehn Jahren genießbar. Damit ist Sadeq ein Idealfall für Terra Madre - jene Phalanx aus 5000 Bauern, Züchtern und Fischern, die letzthin auf Einladung von Slow Food in Turin zusammenkam. Das Slow-Food-Ideal natürlicher, kleinräumiger und gesunder Landwirtschaft verkörpert der Libyer ebenso wie Xlamba Ruoshai. Drei Tage war der tibetische Mönch nach Turin unterwegs, wo er mit würzigem Yak-Käse großes Lob erntete. Mit dem Gewinn aus dem Verkauf des "Ragya yak cheese" betreibt er ein Kloster und zwei Schulen für 800 Kinder.

Solche Kreisläufe sind ganz nach dem Geschmack von Carlo Petrini. Der Slow-Food-Gründer, dem Turins Bürgermeister eine "heilsame Dosis Wahnsinn" bescheinigt, schwor die farbenfrohe Allianz aus Poncho-, Sari-, Kimono- und Kilt-Trägern auf eine gemeinsame Marschrichtung ein: gegen die Kolosse der Agrarindustrie. Um Klein- und Kleinstproduzenten aus 150 Ländern einzufliegen, wurde Lufthansa als Sponsor gewonnen. 500 Dolmetscher für mehr als 50 Sprachen und Dialekte sorgten für die im weltweiten Agrar-Dialog nötige Verständigung. Jene zwischen Terry Lock und Leonard Mtama zum Beispiel - dem professionellen britischen Bierbrauer und dem Tansanier, der Bambusbier herstellt. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil es vor dem Öffnen geschüttelt werden sollte, sondern auch, weil es selbst ungekühlt sehr erfrischend schmeckt.

Lokale Produkte gehören auf regionale Märkte

Vier Tage lang war die Turiner Olympiahalle mit 50 Workshops in eine exotische Duftwolke getaucht - vom Inuit-Tee aus Tundra-Kräutern über getrocknetes Kamelfleisch aus Mauretanien bis zu indischen Mangos in Senföl. Dass viele dieser Produkte europäische Konsumenten nie erreichen werden, findet Petrini positiv: "Lokale Produkte gehören auf regionale Märkte." Seit Jahren stöbert die Slow-Food-Stiftung für Artenvielfalt auf allen Kontinenten nach seltenen Tierrassen und halb vergessenen Nutzpflanzen, um sie in einer "Arche des guten Geschmacks" vor dem Aussterben zu retten. Die proteinreichen Blaualgen aus dem Tschadsee gehören ebenso dazu wie fermentierte Pferdemilch aus den kirgisischen Bergen oder burundisches Bier aus gerösteten Bananen. Das Spektrum reicht von äthiopischer Myrrhe bis zu alten Gemüsesorten wie Erdmandel und Knollenziest. Das Zähneputzen nach der Verkostung ist überflüssig. Denn für die Mundhygiene gibt es kein gesünderes Mittel als den herben Smolgy-Kaugummi aus dem Harz sibirischer Terpentin-Kiefern. (Gerhard Mumelter/Der Standard/Rondo/10/11/2006)

  • Heilsamer Wahnsinn:  Bambusbier aus Tansania schmeckt auch warm gut und sollte vor dem Öffnen kräftig geschüttelt werden. Diese und andere Neuigkeiten aus der Welt des  Ess- und Trinkbaren  konnten auf der Slow-Food-Messe "Terra Madre" in  Turin erfahren werden
    foto: bamboo beer

    Heilsamer Wahnsinn: Bambusbier aus Tansania schmeckt auch warm gut und sollte vor dem Öffnen kräftig geschüttelt werden. Diese und andere Neuigkeiten aus der Welt des Ess- und Trinkbaren konnten auf der Slow-Food-Messe "Terra Madre" in Turin erfahren werden

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