Tschernobyl

12. November 2006, 19:01
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Aus Strahlenschutzgründen, sagte Sch., habe man den Sand aus der Sandkiste entfernt. Vor mittlerweile 20 Jahren

Es war gestern. Da sagte Sch., dass er sich jetzt um die Strahlenopfer kümmern müsse. Um die Kinder. Deshalb, so der Kollege von der Bezirkszeitung, müsse er jetzt gehen: Tschernobyl rufe. ER müsse Schaden abwenden. Und als ich ihn dann etwas verdutzt ansah, grinste er breit: Ja, sagte er, ihm sei es zuerst genauso gegangen – denn die Opfer des russischen Reaktors befänden sich hier. In Wien.

Ich glaubte zu verstehen. Schließlich werden ja immer noch und immer wieder Kinder auf Wienurlaub geschickt, die Jahre nach dem GAU vom 26 . April 1986 geboren wurden und dennoch schwerste Missbildungen und Behinderungen aufweisen. Also nickte ich verständnisvoll – und wünschte dem Kollegen einen guten Termin. Und dass er nachher nicht von Albträumen geplagt werden möge – seine Freundin ist gerade schwanger.

Wien, nicht Ukraine

Aber so, klärte mich der Kollege auf, habe er das gar nicht gemeint. Es gehe zwar um Kinder und Tschernobyl – aber nicht um Strahlenopfer aus der Ukraine, sondern um Atomkraftwerksunfallopfer in Wien. Mitten in der Stadt. Und – der Kollege dürfte das große Fragezeichen in meinem Gesicht bemerkt haben – nein, kein Kind sei verstrahlt worden. Weil die Stadt Vorsicht walten lassen habe. Und zwar bis heute.

Dann, endlich, wurde Sch. Konkret: Nach der Reaktorkatastrophe, also vor 20 Jahren, habe die Stadt Wien den Sand etlicher (oder aller?) Sandkisten auf öffentlichen Spielplätzen entfernt. Weil Sand Radioaktivität fast ebenso gut speichere wie Hundekacke.

Entsandet

Und damit, so Sch. Sei er auch schon wirklich beim Thema: Der Spielplatz, um den es gehe, sei eine der raren Grünflächen in der Gegend. Und es sei ein steter Kampf zwischen Hunde- und Kinderhaltern gewesen, wer denn hier das Platzrecht genieße. Als die Sandkiste dann sandlos war, sei die Kinderfrequenz zurückgegangen. Und – natürlich nur ganz zufällig – sei der aus Strahlenschutzgründen entsorgte Sand der Sandkiste seither nicht ersetzt worden. Knapp 20 Jahre lang.

Mehr noch: Weil nie Sandkiste ohne Sand sinnlos sei, sei irgendwann auch die Kiste selbst weg gewesen. Und weil ein Spielplatz ohne Sandkiste ohnehin nicht vollwertig sei, habe danach zuerst die Wartung der übrigen Spielgeräte nachgelassen – und dann, wann genau wisse er noch nicht, sagte Sch., wären Rutsche, Hutschen und Klettergerüst auch – peu a peu – abgebaut und entfernt worden.

Hundeklo

Heute erinnere, sagte Sch., im echten Leben nichts mehr an den Spielplatz: Der Platz sei ein vollwertiges Hundeklo. – aber in Flächenwidmung und Statistik schiene, so habe ihn sein Informant informiert, die kleine Kack-Stätte immer noch als Grünraum mit Spielplatznutzung (oder so ähnlich) auf.

Was mit dem Platz passieren solle, sagte Sch., wisse derzeit niemand. Aber bevor es ganz in Vergessenheit gerate, wem das Terrain einmal gehört habe, wolle er ein bisserl Zeitgeschichtsunterricht geben. Zwar nur in seinem Bezirksblättchen – aber mit einem bisserl Glück würde ja irgendwer in einem großen Medium die Geschichte aufgreifen. Das käme öfter vor – und daran, dass die Kollegen dann in der Regel vergäßen zu erwähnen, wo sie die Anekdote entdeckt hätten, habe er sich eh schon gewöhnt. Das sei eben wie in der Sandkiste – da bediene sich doch auch jedes Kind an den Burgen & Schaufeln der anderen.

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