Schuppenkur im Brettlwald

14. März 2007, 13:00
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Wer in der Liftschlange auffällt, der könnte auf Brettern des kleinen Kultlabels Indigo stehen

Im Zentrum des hohen, weiß gestrichenen Raums steht ein braunes Snowboard. Das Brett wurde auf ein Stativ geschraubt, sieht mit dem Bambus-Furnier und Edelstahl-Inlay gar nicht aus wie ein Sportgerät, sondern eher wie ein Ziergewächs oder eine Ming-Vase. Ein Deko-Element eben. Der prominente Platz, den das Modell "Bamboo" in den Räumen der Münchner Firma Indigo einnimmt, ist wahrscheinlich kein Zufall, war es doch die Idee, ein Snowboard aus Bambusholz zu bauen, mit dem der Erfolg vor sieben Jahren so richtig begann. Der Firmensitz von Indigo liegt in einem Hinterhof im Münchner Stadtteil Neuhausen. Der Raum wirkt wie ein Concept-Store kurz vor der Eröffnung. Die Kollektion – Snowboard, Ski, Helme, Brillen und Reisetaschen – liegt noch halb verpackt in Kartons. In einer Glasvase stecken ein paar Bambuszweige, an der Wand schlängeln sich knallgrüne Plastikschlangen über afrikanischen Schnitzereien aus Ebenholz.

Das "Bamboo" ist so etwas wie eine Verkörperung der Firmenphilosophie: Natur, Technik, Luxus. Thorsten Schwabe und Gregor Baer haben Indigo im Jahr 1988 gegründet. Mit einer Auflage im niedrigen vierstelligen Bereich stellt Indigo natürlich keine Konkurrenz für Marktriesen wie Völkl oder Atomic dar. "Wir produzieren nicht für die breite Masse", meint Schwabe. Indigo ist eine Mischung aus Independent-Kulturbetrieb und exklusivem Designer-Label und stellt ein Produkt für eine spezielle Zielgruppe her. Zum Beispiel den Indigo-Ski "Boa", einen "TwinTip All Mountain Ski", dessen knallgrüner 3-D-Schuppen-Look ein ähnlich markantes Design darstellt wie die Ziernähte von LV oder Gucci. Es sieht nicht so aus, aber, wie Thorsten Schwabe sagt: "Bei uns kommt das Design, die optische Gestaltung der Oberfläche zuletzt. Wenn man in der Liftschlange auffällt, muss man auch was leisten können."

Das Geschäft läuft gut. An der Wand stehen griffbereit Sektkühler und Gläser. Seit drei Jahren entwickeln die Münchner zusammen mit Willy Bogner die Ski-Hardware für die Sport-Lifestyle-Marke "Bogner". Neben dem Ski aus Bambus-Holz, den es in drei verschiedenen Längen für drei verschiedene Einsatzbereiche gibt, haben sie 2006 auch das Modell "Chrome" designt, in dessen spiegelnder Oberfläche man am Sessellift überprüfen kann, ob die Frisur auch sitzt. "Bogner passt gut zu uns", meint Gregor Baer – Bogner, der medienkompetente Bergfex und ehemalige Ski-Weltcup-Fahrer, der mit seinen "Fire and Ice"-Filmen die Freeride-Kultur erst einer größeren Schicht bekannt gemacht hat und dessen Vater im deutschen Olympia-Ski-Team 1936 stand. "Wahrscheinlich", meint Baer, "sah der Ski von Bogner senior so ähnlich aus wie unser Holzski. Man hat früher viel mit Bambus gearbeitet." Zum Beispiel wurden Skistecken aus diesem Holz gefertigt. "Bei uns steckt unter dem Retro-Look moderne Technik", sagt Baer. Unter der Holzverkleidung der Skistöcke ist etwa ein Karbonstab versteckt.

"Sind die Dinger auch schön?"

Skisport ist ein Hochtechnologie-Markt. Jedes Jahr investiert die Industrie viel Geld in Forschung über Verbundstoffe oder elektronische Ski-Management-Systeme. "Aber niemand stellt die Frage: Sind die Dinger auch schön?", meint Baer. Noch immer dominieren in den Skisport-Abteilungen der Kaufhäuser "diese Vier-Farben-Graffitis". Thorsten Schwabe vergleicht seine Skier gerne mit Autos. "Auch auf dem Automobilmarkt wurde das Design als Distinktionsmerkmal erst bedeutsam, als sich die Motorentechnik der Firmen auf hohem Niveau annäherte." Schwabe will den Porsche, Aston Martin oder Bugatti der Berge bauen. Aber neben Indigo bedienen immer mehr Firmen das Hochpreis-Segment des Skimarkts. Die Marke Volant, auf der schon James Bond die Hänge des Kaukasus herunter-, nun ja, carvte, erlebt zurzeit ebenso ein Revival wie Lacroix. Und die legendären Yacht-Bauer der Firma Wally haben nun auch Carving- und Freeriding-Planken im Angebot. Auffallend ist, dass die Luxus-Marken nicht mit Spezialeffekten protzen, sondern eher auf schlichtes, zeitloses Design setzen. Neben dem natürlichen Look der Holzoberflächen arbeitet man zunehmend auch mit dem Metallic-Look, mit gebürstetem Edelstahl oder Chrom.

"Man muss schon aufpassen, dass das Design nicht nur zur Mode wird", sagt Schwabe. "Wir machen Skier für Hardcore-Fahrer, die sich auch einmal eine Wächte runterstürzen wollen." Schwabe, studierter Architekt, und der Ingenieur Baer haben schon während ihrer Schulzeit begonnen, ihre eigenen Sportgeräte zu bauen. "Die Kompetenz mussten wir uns erst erarbeiten", erzählt Schwabe, der eine Meisterprüfung im Drechsler-Handwerk abgelegt hat, inklusive Sondergenehmigung für Ski- und Schlittenbau. Immerhin: "Wir kommen beide aus der technischen Richtung, wir wissen, wie ein Spannungs-Dehnungs-Diagramm aussieht."

"Einen Top-Ski zu bauen ist nicht schwer"

In den 1980er-Jahren war Indigo noch eine reine Snowboard-Marke, was vielleicht auch das avancierte Design der Marke erklärt. Schließlich ist die Skateboard- und Surfer-Szene eine visuell geprägte Kultur, in der sich die "Rider" mit dem so genannten Deck-Design ausdrücken wollen. "Wir haben Anfang der 80er-Jahre einmal einen Snowboarder in einem Video gesehen", erinnert sich Baer, "und wollten das unbedingt nachmachen." Leider gab es Snowboards damals nicht in den Schaufenstern und Regalen des europäischen Sporthandels zu kaufen. "Wir haben ein bisschen gebastelt", sagt Schwabe, "haben aus Skiern die Kanten rausgebrochen und daraus ein Brett gebaut. Aber die Teile haben meist nur eine Abfahrt lang gehalten." Es war ein weiter Weg. Heute werden die Indigo-Produkte in 30 Länder verkauft. In den USA, Japan und Skandinavien, eben überall dort, wie Schwabe sagt, "wo es Geld und Schnee gibt".

Der 35-Jährige vergleicht die Firma gerne mit einem kleinen Formel-1-Team. Die sieben Mitarbeiter müssen keinen Massenmarkt bedienen, sondern können mit großem Budget und Zeitaufwand versuchen, "ein optimiertes Produkt, eine Rennmaschine herzustellen". "Einen Top-Ski zu bauen ist nicht schwer", sagt Schwabe, "wenn man es sich leistet, die besten Materialien zu verarbeiten." Indigo verwendet Klebstoffe, Laufflächen und Holzkerne aus Esche und Bambus, die sonst nur im Weltcup-Zirkus eingesetzt werden, und fertigt die Ski und Boards in einer kleinen Ski-Werkstatt in Deutschland. Die Ski für den Breitensport-Markt werden in Serienproduktion hergestellt, mit geringen Gewinnmargen und Kosten-Kalkulationen im Mini-Cent-Bereich. "Da ist dieses Material nicht zu bezahlen", sagt Schwabe und klingt nun beinahe mitleidig, wenn er von den Vorzügen des triaxial gewebten Karbons spricht, dessen Steifigkeit die Laufruhe stark verbessert habe. "Tolles Material", sagt er, "leider nur schwer zu bekommen." Die Firma Airbus kauft alles für den Mega-Jet 380 auf.

Indigo ist ein Exot im Wintersport. Beinahe wirkt es so, als würden sich Schwabe und Baer genauso inszenieren. Das Bambus-Holz und Schlangen-Muster passt ja eigentlich besser in die Tropen als zum ewigen Winter der Berge. Die Design-Themen sind laut Baer eine Hommage an das Naturerlebnis Skifahren, nicht nur ein Marketing-Trick, "wir wollen wirklich mit Ruhe und Zeit etwas Außergewöhnliches schaffen". Nachhaltigkeit ist ein großes Thema bei Indigo. "Der Ski soll zehn Jahre halten", sagt Baer. Die Fastfood-Kultur, in der man sein Ausrüstungs-Set-up kontinuierlich der Mode anpassen muss, passt für ihn nicht in die Berge. Durch natürliche Materialien wie Edelstahl oder Holz entwickelt man laut Baer eine "persönliche Beziehung zum Gerät". Wenn man das Bambus-Board regelmäßig einölt, bekommt es "eine richtig schöne Patina". Wie ein gut gepflegter Lederschuh oder ein historisches Möbelstück sieht das Sportgerät dann aus. Man könnte das Brett sogar als Dekorationsobjekt in die Wohnung stellen. (Tobias Moorstedt/Der Standard/Rondo/10/11/2006)

  • Die Inhaber von "Indigo", Thorsten Schwabe (re.) und Gregor Baer mit den Boards "Bamboo" und "Avant- garde"
    foto: indigo

    Die Inhaber von "Indigo", Thorsten Schwabe (re.) und Gregor Baer mit den Boards "Bamboo" und "Avant- garde"

  • Helme, Bindungen, Brillen, Taschen, Werkzeugsets: Indigo bedient alle Stücke im gestylten Skizirkus. Im Vordergrund stehen dabei freilich die Bretter: Carving,  Allmountain, Bigmountain, Snowboards, Nordic, in den Designs "Phyton", "Boa", "Brown"
    foto: indigo

    Helme, Bindungen, Brillen, Taschen, Werkzeugsets: Indigo bedient alle Stücke im gestylten Skizirkus. Im Vordergrund stehen dabei freilich die Bretter: Carving, Allmountain, Bigmountain, Snowboards, Nordic, in den Designs "Phyton", "Boa", "Brown"

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