Fitnesscenter der Emotionen: Neues Opernhaus Kopenhagen

16. November 2006, 17:04
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Das Geschenk eines reichen Reeders, seit fast zwei Jahren aktiv, hat sich sehr schnell als ernst zu nehmender Ort des Musiktheaters etabliert

Verantwortlich dafür ist auch Intendant Kasper Bech Holten


Auch im Paradies ist Stress möglich - Kasper Bech Holten wird das gerne bestätigen. Darf er zwar seit etwa zwei Jahren ein neues Opernhaus mit Kunst füllen, was in Zeiten schrumpfender Budgets und gefährdeter Häuser paradiesisch anmutet, doch stellt dies eine Pionierarbeit mit Aussicht auf ein paar womöglich unlösbare Problemchen dar. Wobei ja nicht zu vergessen ist, dass der 33-jährige Intendant neben dem Aufbau des neuen Hauses auch das weiterhin zu tun hatte, was er vorher getan hat - nämlich auch das alte Königliche Theater von 1874 zu leiten.

Mittlerweile nennt Holden sich selbst allerdings einen entspannten Mann - "wir haben jetzt endlich Boden unter den Füßen, es läuft gut, wir mussten keine einzige Vorstellung absagen. Nur einmal gab es statt einer szenischen eine konzertante Aufführung. Und wir kommen auf eine Auslastung von 95 Prozent. Ich glaube, wir sind das führende Opernhaus in Skandinavien."

Es mag Zufall sein, dass das neue Haus - mit seinem riesigen flachen, das Haus "streckenden" Dach erinnert es etwas an das Luzerner Konzertarsenal - gerade in Dänemark, dem Land von Hans Christian Andersen, Wirklichkeit wurde. Die Genese allerdings mutet doch fast wie ein Märchen an. Es fängt damit an, dass der reichste Mann Dänemarks, der Reeder Arnold Maersk McKinney zur Regierung ging und anbot, der Stadt ein architektonisches Geschenk zu machen, das er sich 335 Millionen Euro kosten lassen sollte. Diskussionen gab es natürlich, der edle Spender wollte sich ja bei der Erschaffung seines Geschenks nicht stören lassen. Es gab keine Ausschreibung, Architekt wurde Henning Larsen. Allerdings fühlte sich auch der von den Wünschen des Auftraggebers (Blattgold an der Decke des Zuschauerraumes) erdrückt.

Er habe mit der Oper ein "Geschenk gemacht und keinen Geschenkgutschein" übergeben, teilte der reiche Mann seinen Kritikern mit und bestand darauf, das Haus der Königin, Margarethe II., gleichsam direkt vor die Nase zu bauen - also gegenüber von Schloss Amalienborg -, ohne eine Königsloge in den 1500 Personen fassenden Raum unterzubringen. Ja, und angeblich soll er auch über Steuerrückflüsse an die 70 Prozent der investierten Summe wieder zurückbekommen haben. Arien von gestern. Das Haus ist akzeptiert, die Akustik ist gut. Und repertoiremäßig ist Vielfalt angesagt, auch anspruchsvolle Regie. Etwa durch Peter Konwitschny, dessen Elektra zur ersten Produktion des Hauses wurde.

Natürlich, es gibt auch Alltag: Holten kommt um Kooperationen und um Diskussionen, warum Oper eigentlich wichtig ist, nicht herum.

"Ich sage dann immer: Oper ist für mich eine Art Fitnesscenter der Gefühle. Sie stärkt Liebes- und Eifersuchtsmuskeln, bringt uns in Kontakt mit Emotion. 'Warum braucht es fünf Minuten, um Liebe zu bekunden?', fragt man mich - auch: 'Warum dauert es sieben Minuten, um zu sterben?' Ich finde das eigentlich ziemlich kurz. Wir denken doch mindestens 50, 60 Jahre lang daran, dass wir sterben müssen. Wir brauchen oft zwei Jahre, um jemandem zu sagen: 'Ich liebe dich.' Zudem: Oper ist nicht Realismus, man kommt nicht hin, nur um intelligenter zu werden. Toll, wenn auch das passiert. Aber man kommt eigentlich, um mehr in Kontakt mit Emotionen zu kommen."

170.000 Überzeugte pro Jahr braucht Holten, um finanziell gut dazustehen. Er schafft das mit 150 Aufführungen; damit kommen jene 15 Prozent Eigendeckung zustande, zu denen sich sieben Prozent Sponsorengelder hinzugesellen. Der Rest ist Subvention. Immerhin: Die Preise sind mit bis zu 90 Euro moderat, und sie werden für ein Semi-Stagione-System ausgegeben, das vom Ensembleprinzip getragen wird.

"Wir setzen vor allem auf skandinavische Sänger, die zum Teil in der ganzen Welt singen, aber bei uns dann doch 15 Vorstellungen machen und auch sozial abgesichert sind. Nichts gegen Stars. Es soll hier aber so spannend sein für sie, dass sie wegen der Bedingungen und der Qualität kommen." Verlockende Gagen kann Holten nicht zahlen. 7000 Euro pro Abend ist das Maximum. Bei Dirigenten ein bisschen mehr. "Aber nur bei wenigen." Bei Michael Schonwandt stellen sie die Fragen nicht. Er ist Musikchef des Hauses. Er leitet - wie man bei der neuesten Produktion, Maskarade von Carl Nielsen, hören konnte - einen sehr soliden Klangkörper, der bei der diesem heiteren Stück über Spießertum und dessen festliche Überwindung jedoch wenig von der übermütigen Haltung umsetzen konnte. In der Regie von Holten kämpfen ja ausgelassene Figuren um die Verwirklichung ihrer Träume.

Holden gelingen skurrile Bilder, in denen die Folgen durchzechter Nächte pointenreich ausgebreitet, Lebensträume als spießige Idyllen entlarvt werden. Und Artisten mit wahnwitzigen Kunststücken frappieren. Das ist präzise gearbeitet, gesanglich tadellos umgesetzt und sucht tatsächlich ohne Umschweife den direkten Kontakt - auch zu den Lachmuskeln.

In Kopenhagen dankt man dann "uniform", man klatscht in Achteln. Wer noch euphorischer ist, legt über die Achtel Triolen. Der weniger Begeisterte setzt auf ruhigere Vierteltriolen. Interessant. Aber nicht der einzige Grund, das neue Haus zu besuchen. (Ljubisa Tosic aus Kopenhagen / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2006)

  • Wenn beim Fest die Gefühlsmasken fallen: "Maskarade" in der Version von Kasper Bech Holten.
    foto: royal danish teatre

    Wenn beim Fest die Gefühlsmasken fallen: "Maskarade" in der Version von Kasper Bech Holten.

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