Geistesblitz: Physische Gesamtrechnung

7. November 2006, 19:49
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Helga Weisz errechnet den gesellschaftlichen Stoffwechsel

Fortschreitender Klimawandel, Bodenerosion und Artensterben führen täglich vor Augen, dass der gesellschaftliche Stoffwechsel in Industriegesellschaften auf hohen Touren läuft. Er umfasst die Entnahme von Rohstoffen und Energie aus der Umwelt, die Umwandlung in Gebrauchsgüter, Konsum und Entsorgung. "Für die Aufrechterhaltung einer Gesellschaft ist er so unverzichtbar wie der biologische Stoffwechsel für den Menschen. Wie viel wir pro Kopf verbrauchen, ist aber nicht naturgegeben, sondern historisch hoch variabel", erklärt Helga Weisz, Professorin für sozial-ökologische Nachhaltigkeitsforschung am Institut für Soziale Ökologie am IFF in Wien.

Mittels Material- und Energieflussanalyse beschreibt sie Volkswirtschaften in physischen Einheiten, wie Tonnen und Joule, statt Geld. Weil Weisz "keine Angst vor Zahlen hat", auch nicht, "wenn sie in großen Mengen auftreten", war die Fachfrau in den letzten Jahren für die Erstellung des EU-weiten Materialflussdatensatzes des EUROSTAT verantwortlich und koordiniert die Erstellung eines Methodenhandbuches, das in der OECD verwendet werden soll.

In Stoffwechselprofilen von Ländern sucht sie nach deren "Ursachen und Nachhaltigkeitsproblemen, Fragen der Entkoppelung von Wirtschaftwachstum und Ressourcenverbrauch oder dem Zusammenhang von Globalisierung und Umweltbelastung". Forschungsaufenthalte auch in Thailand schärften ihren Blick, "weil ich erstmals eine nicht-westliche Perspektive auf Umwelt und Nachhaltigkeitsprobleme einnehmen konnte". Langfristig will die Sozialökologin eine "Gesellschaft-Natur-Co-Evolutionstheorie" entwickeln, die es erlaubt, Nachhaltigkeit als Frage der Interaktion zwischen Gesellschaft und Natur zu analysieren.

Ein Irrglaube

Das Interesse an Naturwissenschaft wurde von Vater und älterem Bruder früh geweckt. Sie hatten die Geduld "mit einer faulen Gymnasiastin zu lernen und Diskussionen zu führen". Sie entschloss sich für den neu eingerichteten Studienzweig Mikrobiologie an der Uni Wien in der Hoffnung, "dass die Naturwissenschaften objektive Fakten produzieren". Dies erwies sich für die Studentin als Irrglaube. Als gesellschaftliche Auswirkungen der Gentechnik thematisiert wurden, erhoben Biologen "einen Wahrheitsanspruch, der über ihre Expertise hinausging. Die Heilsversprechen fand ich naiv, verantwortungslos bis opportunistisch".

Also wandte sie sich der Wirtschaft und der Gesellschaft zu und begann am IFF zu "projekteln". Sie fand, was sie vermisst hatte: Reflexion der gesellschaftlichen Kontexte, in denen Forschung und Lehre stattfinden, eine fordernde und freundliche Diskussionskultur, bei gleichzeitiger Wertschätzung logischer Argumente und empirischer Evidenz sowie Interdisziplinarität, deren "große Stärke es ist, alte Fragen neu und aufbauend neue Fragen zu stellen". Weder ihre Tochter noch die Arbeit zu vernachlässigen, erforderte "die Organisation unterschiedlicher Unterstützungsstrukturen". Dennoch dissertierte sie an der Humboldt Universität Berlin in Kulturwissenschaften.

"Neugierde, Risikobereitschaft, Kreativität, Reflexion, Kontaktfreude, Denkdisziplin, Geduld und die Bereitschaft, sich auf vielschichtige Lernprozesse einzulassen", hält Weisz für wichtige Eigenschaften interdisziplinärer Arbeiter. Es hilft, "wenn sich die Leute mögen", entsprechend bezeichnet sie das Team als "nette Leit-Show". Freunde und Familie bewirtet Helga Weisz gern. Mit ihrem Mann verreist sie zum Fischen und Campen nach Kalifornien, zum Ski fahren und Wandern nach Tirol, Kärnten oder ins Friaul. Dauerbrenner ihrer Freizeit sind Lesen, Kino, Theater, Schwimmen, Tanzen. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 8. November 2006)

  • Helga Weisz ist Professorin für sozial-ökologische Nachhaltigkeitsforschung am Institut für Soziale Ökologie am IFF in Wien.
    foto: der standard

    Helga Weisz ist Professorin für sozial-ökologische Nachhaltigkeitsforschung am Institut für Soziale Ökologie am IFF in Wien.

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