Kommentar der anderen: Klimaschutz, made in USA

8. November 2006, 16:07
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Dass die USA zu den Hauptverursachern der Schadstoffemissionen zählen, liegt nicht nur an der Ignoranz ihres Präsidenten - von Kenneth Rogoff

Als Amerikaner bin ich erschüttert, beschämt und peinlich berührt über das mangelnde Führungsverhalten meines Landes im Umgang mit der globalen Erwärmung. Die wissenschaftlichen Belege für die davon ausgehenden Gefahren verdichten sich mit jedem Tag, wie zuletzt durch den maßgebenden Stern-Report aus England dokumentiert wurde. Trotz der Tatsache jedoch, dass etwa 25 Prozent aller vom Menschen verursachten weltweiten Kohlenstoffemissionen auf die USA entfallen, zeigen die Amerikaner kaum Bereitschaft oder Neigung, ihren wahnwitzigen Energieverbrauch einzuschränken.

In der ersten Amtszeit von George W. Bush weigerte sich die Regierung vermutlich zu Recht, das so genannte "Kiotoprotokoll" zu unterzeichnen - wenn auch aus den falschen Gründen. So geht das Kiotoprotokoll, von anderen Problemen einmal abgesehen, bei der Umverteilung von Kohlenstoffemissionsrechten an die Entwicklungsländer nicht weit genug. Aber warum können die USA sich nicht überwinden, die Steuern auf Benzin und andere Quellen von Kohlenstoffemissionen, wie etwa Kohlekraftwerke, anzuheben? Es ist ja nicht so, als ob die US-Regierung mit ihrem trotz des Konjunkturaufschwungs enormen Defizit das Geld nicht brauchen könnte.

Viele Leute scheinen zu den-ken, dass die Bush-Regierung das Problem ist. Was soll man auch erwarten, wenn man einem Ölmann aus Texas und sei-ne Kumpanen die Verantwortung überträgt - Naturschutz? Leider machen wir es uns mit dieser Ausrede zu leicht.

Der Widerstand der US-Bürger gegen eine Zügelung des Energieverbrauchs zugunsten der globalen Umwelt sitzt sehr viel tiefer. Man denke etwa an den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore, dessen Dokumentarfilm über die globale Erwärmung "Eine unbequeme Wahrheit" allgemein gefeiert wird. Die Belege für die globale Erwärmung sind deutlich weniger überschaubar, als Gores Film es nahe legt, aber das Grundproblem ist real.

Leider jedoch war Gore in seiner Zeit als Politiker als Bannerträger gegen die globale Erwärmung nicht besonders erfolgreich. Man kann die Clinton-Gore-Administration der 1990er-Jahre nicht für irgendwelche mutigen Schritte loben, die auf eine drastische Verringerung der Kohlenstoffemissionen abgezielt hätten. Und das ist kein Wunder: Die amerikanische Öffentlichkeit widersetzt sich leidenschaftlich allen Versuchen, Kompromisse bei ihrem Energie vergeudenden, benzinverschwenderischen Lebensstil zu machen.

Das Problem ist: Es sind dabei nicht allein die Politiker, denen es an Führungsverhalten mangelt. Die ehrwürdigen Editorial-Scheiber der New York Times etwa hatten eine Energiesteuer lange Zeit abgelehnt und sich erst vor Kurzem endlich dafür ausgesprochen. Wie viele "Liberale" waren auch die Herausgeber der New York Times besorgt, dass höhere Energiesteuern die Armen unverhältnismäßig belasten würden.

Zur Arbeit schwimmen

Das typische Argument in diesem Zusammenhang lautet: "Was ist mit dem armen Kerl, der eine Benzinschleuder aus den 80er-Jahren fährt und keine andere Möglichkeit hat, zur Arbeit zu kommen?" Das ist eine berechtigte Frage, aber wenn der Meeresspiegel ansteigt, so wie es der Stern-Report vorhersagt, werden viele unserer Nachkommen eines Tags zur Arbeit schwimmen dürfen. Die Notwendigkeit von Korrektiven zur Linderung der Ungleichheit ist keine Entschuldigung dafür, in Bezug auf die globale Erwärmung untätig zu bleiben.

Die Änderung in der Haltung der New York Times kündigt leider keinen Umschwung bei der Einstellung der amerikanischen Wähler an. Erwähnen Sie die Idee einer Energiesteuer gegenüber potenziellen Kandidaten bei den US-Präsidentschaftswahlen in 2008, und er wird erblassen ...

Solange die Amerikaner nicht begreifen und anfangen, die weltweiten globalen Umweltprobleme zu lösen, die sie mehr als alle Übrigen verursacht haben, wird es schwierig sein, die ernsthafte Unterstützung der übrigen Welt zu gewinnen. Die Entwicklungsländer fragen sich, warum sie die globale Erwärmung beachten sollten, wenn die reichen Länder nicht bereit sind, ihre eigenen Emissionen drastisch zu senken. Warum sollten die armen Länder sich darüber Gedanken machen, wie die Entwaldung zur globalen Erwärmung beiträgt, solange die reichen Länder so verschwenderisch sind?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Kohlenstoffemissionen unabhängig vom Ort ihres weltweiten Entstehens in etwa dieselbe Auswirkung auf die globale Erwärmung haben. Aus diesem Grund befürworten auch zahlreiche Ökonomen eine einheitliche ("harmonisierte") globale Steuer, die Kohlenstoffemissionen überall auf der Welt und unabhängig von der Quelle, aus der sie herrühren - gleich ob Kohle, Öl oder Gas oder Verbraucher oder Unternehmen - in gleicher Weise besteuern würde.

Eine derartige Steuer wäre der flexibelste und marktfreundlichste Ansatz und hätte die geringsten Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Das von den Europäern favorisierte und vom Kiotoprotokoll festgelegte Quotensystem dagegen dürfte zu erheblich größeren Ineffizienzen und Kosten führen. Aus diesem Grund ist der britische Stern-Report vermutlich viel zu optimistisch, wenn er davon ausgeht, dass ein aus verschiedenen Quellen schöpfender Ansatz zur Verringerung der Kohlenstoffemissionen die Welt lediglich ein Prozent ihrer Einnahmen kosten wird. Trotzdem hat der Stern-Report Recht, wenn er argumentiert, dass die potenziellen Risiken anhaltender Untätigkeit sehr viel größer sind.

Man kann nur hoffen, dass Amerika seinen Kurs bald ändert, bevor wir alle gezwungen sind, im Badeanzug zur Arbeit zu gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8. November 2006)

Zur Person
Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF.
aus dem Englischen von Jan Neumann
  • Gängiges Karikaturistenmotiv. Die Realität ist leider ein wenig komplizierter...
    der standard

    Gängiges Karikaturistenmotiv. Die Realität ist leider ein wenig komplizierter...

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