Grenzwertiges im "Land of the Free"

16. November 2006, 18:26
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"Americans" in der Kunsthalle Wien: Ausdrucksstarke Fotos, in fragwürdige Ansprüche eingebettet

Wien - "Die Leute halten Fotografien immer noch für die Wahrheit, aber meine Fotos sind so was wie die Dokumentation meiner Fantasien", sagt Ryan McGinley, Jahrgang 1977. Sein urteilsfreier Blick auf die eigene Generation in der Subkultur der Lower East Side steht ganz am Ende der, von Peter Weiermair chronologisch erzählten, Ausstellung Americans. Meisterwerke amerikanischer Fotografie vom 1940 bis heute.

McGinleys Hinweis, dass man nicht sicher sein kann, Wirklichkeit oder Fantasie, einen genialen Augenblick oder aber Inszenierungen vor sich zu haben, wirkt wie die sprichwörtliche "Moral von der Geschicht". Und man beginnt sich zu fragen, wie es wäre, die Episoden aus dem fernen Amerika andersherum zu erzählen - von hinten nach vorne ... - Denn "Vorne" ist alles ganz anders: "Guten Tag, ich bin Ihr Dokumentarist", grüßen die Fotografien von Robert Frank, Helen Levitt, Lee Friedlander, Bruce Davidson, Gordon Parks und Burk Uzzle dort artig. "Mit meiner Leica bin ich für Sie in Harlem, der New Yorker East Side, in Santa Fe oder Nashville unterwegs: Unbestechlich ist mein Blick."

Denn den Unbestechlichen darf man alles glauben. Den Verdacht, dass es im "Land of the Free" Grenzen gibt, an deren Rändern es sich weniger bequem lebt, hatte man ja schon lange. So werden aus dem 28.000 Aufnahmen des America-Bildkompendiums Robert Franks ausgerechnet jene gezeigt, die die Klischees von einsamen Menschen in Bars und menschenleeren Tankstellen am Weg nach Mexiko zwar vortrefflich, aber zum zigsten Mal erbrechen.

Oder man wählt eine Aufnahme, die das Land, das im Nahen Osten unbeirrbar nach Beweisen für Atomwaffen sucht, als jenes zeigt, das die Atomtests in der Wüste Nevadas auf hübschen Postkarten verewigte. Falsch sind keineswegs die Fotos, schief ist nur der Anspruch, in den sie eingewickelt werden: Zeithistorische Bilder im Kontext des allgegenwärtigen Amerika-Bashings: Kunsthallen-Direktor Gerald Matt stellt die Frage "Ist etwas faul im Lande Amerika?", die mit einem "Universum der Brüche und Risse" beantwortet wird. Aber in ein kaleidoskopartiges Bild der USA kann es nur ein paar weitere Splitter einfügen.

Dort, wo die Ausstellung weniger dokumentarisch wird, verzieht sich auch die Moralinsäure: Bei Diane Arbus, Richard Avedon, Rosalind Solomon oder Peter Hujar. Besonders gelungen sind aber jene nahezu distanzlosen jüngsten Positionen von McGinley und Ed Templeton.

Letzterer bildet die kalifornische Skaterszene ab, deren aktiver Teil er auch heute noch ist. In den zu einem fantastischen Mosaik amerikanischer Unzulänglichkeiten installierten Fotos postiert er neben einem die Beine selbstbewusst breit machenden Teenager Dürers Adam & Eva. Kommentar: "Die Wiege der Zivilisation floss aus Evas Vagina ..." (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2006)

Bis 4. Februar 2006
  • Die Natur als Ort, an dem man sich verliert und ein Gefühl von Freiheit und Erlösung findet: "Tim (Falling)", 2003, von Ryan McGinley.
    foto: mcginley/ team gallery, n.y.

    Die Natur als Ort, an dem man sich verliert und ein Gefühl von Freiheit und Erlösung findet: "Tim (Falling)", 2003, von Ryan McGinley.

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