Lemonheads: Auf der Suche nach dem guten Gefühl

16. November 2006, 16:51
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Die wiederbelebte US-amerikanische Band gastierte in Wien: Nett, aber bescheiden

Wien - Ende der 1980er, als der US-Hardcore etwas gelöster wurde, etablierte sich eine Haltung, die der frühere Ö3-Musicbox-Redakteur Werner Geier damals als "mit gutem Gefühl hingeschissen" treffend umschrieb. Diese neue Lockerheit sollte die heute als Prä-Grunge ausgewiesene Musik nicht nur bald in den Mainstream führen, sie sorgte auch dafür, dass solche Konzerte nicht mehr reine Burschenmilchpartys waren, bei denen sich Jungs auf der Bühne von den Jungs im Saal ihr Tun bestätigen ließen - und umgekehrt. Plötzlich kamen auch Mädchen zu Konzerten. Etwa zu jenen von den Lemon-heads.

Die US-Band aus Boston, die die liebliche Version des grimmig nach vorn tobenden Rock von Dinosaur Jr. spielten, hatte zudem mit Evan Dando einen Frontmann, der auch als Unterhosenmodel keine schlechte Figur gemacht hätte. Diesen Umstand und den Magnetismus, den dieser auf die Damenwelt ausübte, nutzte der langhaarige Beau in den Jahren 1986 bis 1996 reichlich und bis an den Rand der Selbstzerstörung. Dann zog er die Notbremse und löste seine Band auf - um heuer und nach einem sehr guten Soloalbum 2003 - wieder mit den Lemonheads aufzutauchen.

Die Uhr zurück

Mit dem titellosen neuen Album (Vagrant/Universal) tourt Dando aktuell durch die Welt und gastierte am Montag im vollen Wiener Flex. Dando, der einst begnadete Ohrwürmer wie Into Your Arms, It's A Shame About Ray, My Drug Buddy oder It's All True verfasst hatte, trat mit Gitarre, Bass und Schlagzeug an und drehte die Uhr bereits mit dem ersten Song zurück auf, sagen wir, 1993.

Während sich damals ein mit seiner neuen, weltumfassenden Popularität hadernder Kurt Cobain in die Selbstzerfleischung mit dem bekannt tragischen Ausgang flüchtete, schoss Dando kurze, pointierte Popsongs mit ordentlichem Druck aus der Hüfte.

Diese Kunst beherrscht er heute, 39-jährig, immer noch wie im Schlaf - und genau das sollte im Verlauf des Konzerts auch ein wenig problematisch werden. Denn die schlafwandlerische Sicherheit, mit der er zu Werke schritt, überführte Dando leider früh in eine wenige Höhepunkte bietende Routineshow, die, neben ein paar alten Hits, nur mit den neuen, besser entflammbaren Stücken überzeugte.

Etwa mit Become The Enemy, dem ziemlich lässigen Pittsburgh oder mit No Back-bone, in dem sein Gitarrenspiel endlich auch einmal grimmiger ausfiel. Hier siegte die Emphase über die Routine, die, sei sie noch so menschenfreundlich und vor Nettigkeit erblühend, doch beträchtliche Fadesse erzeugte - trotz der zur Schau gestellten guten Laune seiner beiden Mitstreiter. Seinen größten Hit, eine Punkversion von Simon & Garfunkels Mrs. Robinson sparte er ganz aus, stattdessen gab es im länglichen, solo und akustisch gehaltenen Zugabenteil neben reichlich Lagerfeuerdämmrigkeit noch eine verhatschte Version von No Fun, aus dem Hause The Stooges.

Auch wenn Evan Dando im Vergleich zu heute öden Stadionrock spielenden Gutmenschen wie Pearl Jam der hundertmal sympathischere Grunge-Überlebende ist, etwas mehr Pfeffer in der Suppe wäre kein Schaden gewesen. Toll, aber schade. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2006)

  • Evan Dando, Chef der Lemonheads, bei der Imagepflege im Flex.
    foto: christian fischer

    Evan Dando, Chef der Lemonheads, bei der Imagepflege im Flex.

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