Sieben Milliarden Euro gegen Blackout

19. November 2006, 17:59
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Der teilweise Stromaus­fall vom Samstag sei ein Vorgeschmack dessen, was in Zukunft öfters passieren könnte, sagen Experten und fordern den Ausbau der Leitungen

Wien - Am Tag zwei nach dem Beinahe-Totalausfall der Stromversorgung, der Samstagabend weite Teile Europas in Dunkelheit versetzt hat, ist am Montag der Ruf nach verstärkten Investitionen in das Leitungsnetz laut geworden. Interessenvertretungen von der Arbeiterkammer bis zur Industriellenvereinigung waren sich einig mit Institutionen wie der Internationalen Energieagentur und der EU-Kommission, dass mehr Geld in das Netz gesteckt gehört und dass eine stärkere energiepolitische Zusammenarbeit auf EU-Ebene notwendig ist. Nur so könne die Gefahr weiterer Blackouts gebannt werden.

"Will man die größten Schwachstellen im Leitungsnetz entschärfen, kostet das zumindest sechs bis sieben Milliarden Euro", sagte der Chef der Verbund-Netzgesellschaft Austrian Power Grid (APG), Heinz Kaupa, dem Standard. "Gefährliche Regionen" seien neben dem Länderdreieck Deutschland, Niederlande, Belgien das Grenzgebiet Frankreich/Spanien, Ungarn und Österreich. "Wir sind an der Grenze unserer Möglichkeiten angelangt. Anfang Dezember nehmen wir drei Phasenschieber à zehn Millionen Euro in Betrieb, mit denen wir uns noch etwas Luft verschaffen, dann ist es aus", sagte Kaupa. Abhilfe könne nur die Schließung des Starkstromrings (380 kV) in der Steiermark und im Bereich Oberösterreich-Salzburg schaffen.

Auch Günther Brauner, Vorstand des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der TU Wien, plädiert für die Schließung des 380-kV-Rings. Der Ausbau wird seit Jahren von einer Bürgerinitiative verhindert, sie verlangt, dass Teile der Leitung unter die Erde verlegt werden, was der Bauherr Verbund strikt ablehnt. Brauner stellt im Standard-Gespräch gleichzeitig klar: "Auch wenn wir den Ring haben, können wir damit Europa nicht retten." Österreich könne sich im Bedarfsfall dann aber leichter abkoppeln und die Stromversorgung im Inland aufrecht erhalten. Europa brauche dringend einen Masterplan für Energie und sollte daran gehen, grenzüberschreitende Trassen für Strom, Gas und Verkehr freizuhalten. Brauner: "Ein paar wenige Korridore genügen, um die Stromversorgung in den nächsten 50 Jahren zu sichern."

Auch für den Konzernsprecher der Energie Steiermark AG, Urs Harnig, steht außer Zweifel, dass die umstrittene 380-kV-Leitung "eine der wesentlichsten Faktoren für die Netzsicherheit darstellt".

Einer der vehementen Leitungsgegner, der steirische Grün-Politiker Peter Hagenauer, sieht die "Versuche der Energieindustrie", den Netzausfall - der auch die Steiermark stark betroffen hat - mit der fehlenden 380-kV-Leitung in Verbindung zu bringen, als "nicht logisch". Die Störung sei nicht von der Steiermark, sondern von Nordeuropa ausgegangen und sei europaweit von Region zu Region gezogen. Hagenauer: "Wir haben nicht Strom sondern die Störung importiert. Es handelt sich um ein europaweites Phänomen, dass mit der 380er kV-Leitung nichts zu tun hat."

Und Hagenauer weiter: "Wenn sich etwa Italien billigen Strom aus Osteuropa holt, ist klar, dass dann auf der Strecke in den Süden die Drähte glühen." Die Alternative liege wohl in einer Dezentralisierung der E-Wirtschaft. (Günther Strobl, Walter Müller, DER STANDARD, rint-Ausgabe, 7.11.2006)

  • Die Stromleitungen sind stark überlastet.

    Die Stromleitungen sind stark überlastet.

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