Todesstrafe für Hunde?

4. Juli 2000, 19:41

Tiere und Politik: Von behosten Pferden und mörderischen Kläffern

Ja, der Tod des sechsjährigen Volkan ist ein Skandal, grauenvoll, durch nichts zu beschönigen. Und er wäre wahrscheinlich "vermeidbar" gewesen, wie Irene Jancsy meint (STANDARD, 3. 7.). Mit seinem 40 Kilo schweren Pitbull "Zeus" hatte Ibrahim K. jahrelang den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg terrorisiert. Der vielfach vorbestrafte Mann drillte sein Tier zur Mordmaschine, um sich in dem trostlosen Getto-Viertel der Hansestadt "Respekt" zu verschaffen.

Die Polizei wusste von alldem und ließ den Mann dennoch gewähren, bis sich Zeus und ein anderer Hund auf Volkan stürzten und ihn zerfleischten. Genau darin liegt der Skandal. Doch von der Säumigkeit der Behörden redete die deutsche Politik vergangene Woche ebenso wenig wie von Aggression und Kriminalität an Orten wie Wilhelmsburg, der "Bronx des Nordens" (Der Spiegel).

Umso rascher war der wahre Feind ausgemacht: Deutschland ruft nach der Todesstrafe für "Kampfhunde". Praktisch über Nacht verhängte Hamburg ein weitgehendes Verbot mehrerer Rassen. Auf ähnliche Maßnahmen verständigte sich der deutsche Bundestag.

Verräterische Sprache

Wien brauchte nicht einmal einen unmittelbaren Anlass. Der zuständige Verkehrs- und Umweltstadtrat Fritz Svihalek kündigte am Montag an, Wien zur Festung gegen Kampfhunde auszubauen - ab Herbst werde "kein Kampfhund mehr in die Stadt kommen". Wahrscheinlich kann er die betroffenen Rassen nicht einmal korrekt buchstabieren. So fix hat die Politik jedenfalls noch nie reagiert.

Man fragt sich, warum die Debatte um ein Schusswaffenverbot nach Amokläufen noch jedes Mal versandet ist. Und man wünschte sich, die deutsche Öffentlichkeit hätte mit der gleichen Betroffenheit reagiert, als vor wenigen Wochen wieder einmal ein Schwarzafrikaner von Neonazis - ganz ohne Kampfhunde - ermordet wurde.

Drängt sich da nicht der Verdacht auf, dass hier eine Politik, die mit den zweibeinigen Bestien nicht zurande kommt, ihre Handlungsfähigkeit wenigstens gegenüber den Vierbeinern zu demonstrieren versucht?

Ruckzuck werden in der Debatte um die Hundsviecher zivilisatorische Standards außer Kraft gesetzt. Da lassen sich selbst so besonnene Medien wie die FAZ zur Forderung hinreißen, "den Teil der dem Kampfhund-Typ entsprechenden Hundepopulation so schnell wie möglich auszurotten". (Sonderbar, wie schnell Deutschen solche Sätze in den Computer rinnen).

Dass eine Salzburger FPÖ-Politikerin vergangene Woche das Einschläfern aller Pitbulls verlangte, darf einen da nicht mehr wundern. Die Halter von "Kampfhunden" haben, so scheint es, das Recht auf sachliche Argumente verwirkt - wenn nicht überhaupt ihre Rechte. In Deutschland wird schon zur Bespitzelung des Nachbarn aufgerufen, weil der kläffende Köter von nebenan schließlich ein "Kampfhund" sein könnte. Es wird wohl nicht lange dauern, bis bewaffnete Bürgerwehren ausrücken, um das Hundeproblem auf ihre Weise zu lösen.

Es gehe doch bloß um Hunde, könnte man einwenden. Nein: Es geht um Menschen und darum, wie sie ihr Zusammenleben im konfliktträchtigen öffentlichen Raum der Großstädte regeln.

Die Gesellschaft hat das Recht, vor gefährlichen Hunden geschützt zu werden. Andererseits haben auch Hundehalter Rechte. Wer Hunde bestimmter Rassen verbieten, den Besitzern womöglich wegnehmen will, greift in diese Rechte ein. Solche Maßnahmen sind zumindest begründungspflichtig.

Im Unterschied zum Talkshow-Geschäft, das seinen Erfolg emotionaler Betroffenheit verdankt, darf die Politik nicht auf der Grundlage von Mythen agieren. Wer "Kampfhunde" aus dem Verkehr ziehen will, sollte wenigstens klarmachen können, was er unter diesem Begriff eigentlich versteht.

Keine Frage der Gene

Die Wissenschaft hat keine Belege dafür, dass "Gefährlichkeit" von der Rassenzugehörigkeit abhängt. In den Statistiken über Hundebisse sind diese Rassen eher unterrepräsentiert. Aggression von Hunden gegen Menschen liegt nicht in den Genen, sondern ist weitgehend Menschenwerk. Die Ursachen sind vielfältig und komplex. Jeder größere Hund kann einem Menschen - und vor allem einem Kind - schwerste, ja tödliche Verletzungen zufügen. Woher kommt dann der "Kampfhunde"-Mythos?

Der schreckliche Hamburger Fall wirft ein Schlaglicht auf die sozialpsychologischen Wurzeln des Problems. Gerade Menschen aus gesellschaftlichen Randgruppen scheinen die athletischen, furchterregend aussehenden Hunde das Gefühl von Stärke und Macht zu verleihen. In den US-amerikanischen Vorstädten beispielsweise gelten Pitbulls als proletarische Statussymbole. Der tägliche Kampf um Selbstbehauptung wird da in der "Pit" ausgetragen, in der Arena der Hundekämpfe, in der nur die Stärksten und Tapfersten überleben.

Eine unsympathische, widerwärtige Philosophie, gewiss. Machos fühlen sich freilich auch von prestigeträchtigen schnellen Autos angezogen. Sollen wir Sportwägen verbieten, weil bekanntlich viele Menschen durch Raserei ums Leben kommen? Letztlich sind wir bereit, das Risiko zu akzeptieren, weil wir (wenn auch zu Unrecht!) auf die Wirksamkeit von Geschwindigkeitsbegrenzungen vertrauen - und (vermutlich allzu optimistisch) auf Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein der Lenker.

Gegen gefährliche Hundehalter muss wie gegen Alko-Lenker mit schärfsten Mitteln eingeschritten werden. Nötig sind strikte Vorschriften für Hundehaltung- und zucht. Modern wären solche Maßnahmen, wenn sie Strafsanktionen mit positiven Anreizen für die Hundehalter kombinieren. Risiken werden allerdings immer bleiben.

Ein Verbot einzelner Rassen wird bloß dazu führen, dass die marodierenden Skinhead-Banden, die jetzt mit ihren Pitbulls den öffentlichen Raum terrorisieren, ihre Herrenmenschenideologie wieder mit Deutschen Schäferhunden ausleben.

Thomas Vasek ist Ressortleiter für den Bereich Chronik des Nachrichtenmagazins "profil", Besitzer einer Dogo-Argentino-Hündin (eine der inkriminierten Rassen) und Autor des im "Falter"-Verlag erschienenen Buches "Hunde in Wien". Demnächst wird er samt "Kampfhund" nach Hamburg übersiedeln.

Verbieten, einschläfern, ausrotten! - lautet die gängige Empfehlung zur Lösung des "Pitbull-Problems". Hundehalter Thomas Vasek sieht darin einen Versuch, "zivilisatorische Standards außer Kraft zu setzen".
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