Inbegriff einer Epoche: Retrospektive Louise Brooks im Metro Kino

6. November 2006, 02:58
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Am 14. November wäre die eigenwillige Stummfilmactrice, Inbegriff der "Roaring Twenties", 100 Jahre alt geworden

Wien - Selbst wer noch nie einen Film mit ihr gesehen hat, kennt sie wahrscheinlich: Louise Brooks, einst Stummfilmactrice, später eine Ikone. Fotografisch für alle Zeiten konserviert als junge Frau mit markantem pechschwarzen Bubikopf, großen, dunkel umrahmten Augen unter Mascara-schweren Lidern - und je nachdem mit geheimnisvoll verführerischem, leicht spöttischem oder fest entschlossenem Gesichtsausdruck.

Das Erscheinungsbild gilt als Inbegriff einer Epoche - der "Roaring Twenties" - und umreißt zugleich einen Frauentyp, den damals nicht allein Brooks verkörperte: eine moderne Verführerin, weniger berechnend als vielmehr impulsiv, sexuell freizügig, sprunghaft, exzentrisch in ihrem Gebaren. Projektionsfläche für Männerfantasien, aber ebenso auch mit unwägbaren Potenzialen ausgestattet. Quer durch die Jahrzehnte finden sich Anverwandlungen auf der Kinoleinwand: Cyd Charisse in Singin' In The Rain, Anna Karina in Vivre sa vie, Melanie Griffith in Something Wild oder Catherine Zeta-Jones in Chicago.

Dabei überdauerte die Filmkarriere der Louise Brooks die Stummfilmära kaum. 1922 war sie, Jahrgang 1906, aus einer Kleinstadt in Kansas nach New York gekommen, um eine Ausbildung zur Tänzerin zu absolvieren. Drei Jahre später, zum Ziegfeld-Girl avanciert, stand sie erstmals vor der Kamera. Zunächst drehte sie an der Ostküste, bevor sie 1927 nach Hollywood ging, wo sie unter anderem auch mit Howard Hawks (A Girl in Every Port) oder William A. Wellman (Beggars of Life) arbeitete.

Brooks war eigensinnig, freigeistig, nicht bereit, sich Produzenten oder Studioverträgen so ohne Weiteres zu unterwerfen. Auch ihr nachmalig größter Erfolg, die Verkörperung der unbändigen Lulu in G. W. Pabsts Die Büchse der Pandora (1929), verdankte sich unter anderem dem Umstand, dass die Schauspielerin mit Beginn der Tonfilmära nicht auf eine Vertragsänderung zu ihren Ungunsten eingehen wollte. Stattdessen reiste sie nach Europa. Ende der 30er-Jahre drehte sie schließlich in den USA ihren letzten Film (Overland Stage Raiders).

1955 zierte ihr Porträt den Eingangsbereich der Ausstellung 60 Ans du Cinéma in der Cinématheque Française. Brooks selbst war zu diesem Zeitpunkt in Vergessenheit geraten. Henri Langlois, der Cinématheque-Chef, hielt an seiner Wertschätzung ihrer Arbeit fest. Er spürte sie in den USA auf, und 1958 reiste sie anlässlich einer Retrospektive selbst nach Paris und wurde dort von einer neuen Generation entdeckt und gefeiert.

Zweite Karriere

In weiterer Folge begann eine späte zweite Karriere: Brooks wurde am George Eastman House mit filmhistorischen Recherchen betraut. Sie begann zu schreiben (1982 erschien die Textsammlung Lulu in Hollywood). Und so hatte Brooks zwar keine Kontrolle über ihr Bild, das weithin zirkulierte, aber immerhin die Möglichkeit, ihre Sicht auf die und ihren Beitrag zur Filmgeschichte selbst zu verfassen.

Am 14. November wäre Brooks, die auf dem Umweg über Europa zum Weltstar wurde, 100 Jahre alt geworden. Dem Filmarchiv Austria ist dies Anlass für eine kleine Retrospektive, bei der nicht zuletzt ihre Arbeit als Schauspielerin wieder zu entdecken ist. Und für eine reich illustrierte filmwissenschaftliche Publikation, die den Mythos der Rebellin, Ikone, Legende profunde hinterfragt. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2006)

Filmmuseum Austria: Wien, Metro Kino, bis 22. November
Link: www.filmarchiv.at
  • Eine moderne Verführerin, weniger berechnend als vielmehr impulsiv, freizügig und exzentrisch: Louise Brooks als Lulu in "Die Büchse der Pandora" von G. W. Pabst.
    foto: filmarchiv

    Eine moderne Verführerin, weniger berechnend als vielmehr impulsiv, freizügig und exzentrisch: Louise Brooks als Lulu in "Die Büchse der Pandora" von G. W. Pabst.

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