Eros, Malerei und Marx

5. November 2006, 09:00
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Dem Schriftsteller und Kunstritiker John Berger zum 80. Geburtstag am 5. November: Mit dem sensationellen Roman G. ist er 1972 berühmt geworden

Vielleicht haben wir es John Berger übel genommen, dass er nicht nach unseren Regeln spielen will. Mit einem sensationellen Roman, G., ist er 1972 berühmt geworden, und seine kunsthistorische Polemik Ways of Seeing formte das Kunstverständnis ganzer Generationen von Studenten. In einer Welt, die ein endloses Verlangen nach Gurus hat, war er ideal platziert. Da zog Berger aus London weg, in ein französisches Dorf. Er wollte und will nicht berühmt sein, gibt keine Interviews, will keine Macht, begeht unbegehbare Pfade, ist noch immer Marxist. So ist ein großer Autor relativ unbekannt geblieben.

Sein ganzes Werk ist eine Revolte gegen die Grenzen des Möglichen, gegen alle Grenzen, Berger ein Hartschädel auf der Suche nach der Erlösung der Welt im Geiste der sinnlichen Exaktheit, ein gefallener Platoniker. In einem seiner jüngsten Erzählwerke This is Where We Meet reist er nach Genf, um das Grab von Jorge Luis Borges zu besuchen, eine Hommage an eine verwandte Seele. Kurz vor dem Gang auf den Friedhof findet er sich tagsüber im städtischen Opernhaus und wird Zeuge davon, wie sich ein Vogel auf die leere Bühne verirrt:

"Für einige Minuten kreiste er im dunklen Raum. Dann, verwirrt, saß er auf einem Drahtseil. Wir sahen, daß es ein Star war. Er flog zu den Scheinwerfern hin, in dem Glauben es seien Fluchtwege, um ins Sonnenlicht zu gelangen. Er hatte die Tür, durch die er hereingekommen war, vergessen oder konnte sie nicht wiederfinden.

Er flog zwischen den hängenden Kulissen von Meer, Berg, spanischem Wirtshaus, deutschem Wald, Königspalast, Bauernhochzeit. Und während es flog schrie es Tschiiir! Tschiiir! immer schriller, als ihm immer klarer deutlich wurde, daß er gefangen war.

Für gefangene Vögel ist es wichtig, daß alles dunkel wird, bis auf ihren Fluchtweg. Das passierte nicht und der Star raste gegen Wände, Vorhänge, und Leinwand. Tschiiir! Tschiiir! Tschiiir!

Ein alter Opern-Aberglaube besagt: Wenn auf der Bühne ein Vogel getötet wird, dann brennt bald danach das Haus."

Der 1926 in London geborene John Berger hat sein ganzes Leben lang versucht, Ausgänge zu zeigen; aus der englischen Klassengesellschaft zuerst und dann aus dem Kapitalismus und seiner Ästhetik von Besitz und Herrschaft, aus der Konsumwelt, den vorgefassten Meinungen. Er glaubt fest daran, dass draußen die Sonne scheint, wenn auch jeder seine eigene Tür finden muss, denn letztendlich misstraut er auch seinem eigenen "master narrative". "Was ich mit Wahrheit meine, ist eine Frage der Präzision der Worte, ihrer Sequenz, davon, auf welche Weise die Räume zwischen ihnen den Leser ermutigen, der beschriebenen Erfahrung so nahe wie möglich zu kommen", sagte er in einem seiner seltenen Interviews.

Berger begann seine Karriere als Maler und malt immer noch. "Wenn du zeichnest", erklärt er, "wenn du etwas Lebendiges zeichnest, dann zeichnest du die Spuren dessen, was gerade vor dem Moment, wo du es angesehen hast, passiert ist. Ich meine, die Spuren davon, wie es körperlich es selbst geworden ist." Der Wahrheit kann man überhaupt nur auf die Spur kommen, auf die Schliche vielleicht.

Um Spuren nachzuzeichnen und Beziehungen zu finden, hat Berger ein Leben lang experimentiert. Künstlerisch lebt er gefährlich, weil er nie die Grenze zieht zwischen der Form und ihrer Kritik, Prosa und Dichtung, Roman und Essay. Er will sie gar nicht ziehen und scheitert deswegen auch manchmal. Auch darin ist er faszinierend. Wie seinem Wahlverwandten W. G. Sebald geht es ihm vor allem um Präzision (the pleasure of precision), und wie bei Sebald muss sein Wille zur Wahrnehmung von den Worten verraten werden, derer er sich bedient.

"Kunst ist eine Provokation, über das Rätsel und die Suche nach dem Sinn des Lebens zu sprechen", sagte Berger einmal. "Das kann man tun, indem man eine Geschichte erzählt oder über ein Fresko von Giotto schreibt oder studiert, wie eine Schnecke eine Mauer hinaufkriecht." Der Theoretiker Berger weiß, dass keine Theorie wirklich den Kern der Sache treffen kann. Der Künstler Berger konzentriert sich darauf, was im Spannungsfeld der Linien entsteht. Die Wahrheit ist nicht in der Abstraktion, sondern in den dynamischen Beziehungen einzelner Elemente. Beziehungen aber stiftet der flatterhafte Bub mit Pfeil und Bogen: Eros besitzt die letzte Wahrheit.

Beziehungen, platonisch und sexuell, sind für Bergers Werk zentral. Sein Roman G., der 1972 den Booker Prize gewann, ist eine lange Meditation über sexuelle Liebe, über Eros und über das Ausgeliefertsein. Heute scheint er sehr in der theoretischen Welt der Siebzigerjahre befangen - kein Roman gewinnt wirklich durch seitenlange Analysen des phallozentrischen Besitzdenkens oder durch Brocken nacherzählter Geschichte, und auch die experimentelle Form kann das erotische Erleben nicht in Worten festhalten.

Und doch muss man den Mut eines jungen Schriftstellers bewundern, sich ausgerechnet diesem unmöglichsten aller Themen zu stellen: In den von christlicher Sinnenfeindschaft vergifteten europäischen Sprachen kann man kaum (und eigentlich nur metaphorisch) über sexuelle Sinnlichkeit schreiben - es bleibt kaum etwas übrig zwischen Zote und Anatomielehrbuch, nichts, was dem Erleben nahe kommt. Berger akzeptierte, dass es eine zentrale Realität gab, die fast unbeschreibbar war, und machte sich gerade deswegen auf, sie mit Buchstaben zu fixieren, wie man einen Schmetterling mit Nadeln fixiert. Er scheiterte daran (glaube ich), aber man braucht so einen Mut, wenn man jemals etwas Großes erreichen will. Jeder drachenbezwingende Ritter läuft Gefahr, für Gaffer wie Don Quichote auszusehen.

Trotz oder gerade wegen dieses Mutes hat Berger kluge Bewunderer. Die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy gehört dazu, wie auch die kanadischen Romanciers Michael Ondaatje und Anne Michaels; alles sehr feine, sehr persönliche Stimmen. Berger arbeitet auch regelmäßig mit Simon McBurneys wunderbarem Théâtre de Complicité in London zusammen, einer experimentellen, erstaunlich kreativen Theatergruppe, die übrigens, glaube ich, zwar auf allen Kontinenten, aber noch nie in Wien aufgetreten ist. Ein Jammer für Wien, den unbekannten Kontinent. (Edler Kulturschaffender, der du dies liest: Auf zur Tat!)

Die Erlösung, die Berger sucht, fasst er noch immer in die Begriffe des dialektischen Materialismus. Seine marxistische Kunstkritik revolutionierte um 1970 die Kunstwelt - heute scheint diese Analyse bourgeoiser Herrschaftsstrukturen in der Malerei und sexistischer Mechanismen in der Werbung ermüdet, eine Platitüde. Nur darf dabei nicht vergessen werden, dass es vor fast vierzig Jahren keine Platitüde war, sondern ein Skandal.

Bergers weiser, exakter Blick auf die unerlösten Möglichkeiten der Welt macht ihn zu einem Zeugen, der Wege weisen kann. Unter dem Marxismus scheint eine Art säkularer Messianismus durch: "Normalerweise ist das Leben jeder malerischen oder schriftstellerischen, jeder kreativen Tätigkeit diametral entgegengesetzt. Das Leben ist eine totale, andauernde Verschwörung gegen die Kreativität. Wir wissen das und müssen immer damit kämpfen, aber es gibt auch Momente, in denen das Leben, das alltägliche Leben, kommt und hilft. Du weißt nie, wann es passiert, aber es ist wunderbar, denn du machst nur, was du immer machst, du gehst einkaufen oder bringst jemanden zum Zug, und plötzlich spricht etwas zu dir und eine Idee entsteht, ein Bild, eine Farbe, eine ganze Sequenz."

Die Erlösung ist nie weit entfernt, man muss sie nur zu erkennen wissen. Die Suche mag sinnlos scheinen, aber sie kommt aus einem uralten Bedürfnis, ist Notwendigkeit und Ahnenverehrung zugleich, wie Berger in einem Dialog mit seiner lang verstorbenen Mutter deutlich macht:

Schreib' einfach auf, was du findest, sagte sie./ Ich werde niemals wissen, was ich gefunden habe./ Nein, das wirst du niemals wissen./

Man braucht Mut, um zu schreiben, sagte ich./

Der Mut wird kommen. Schreib' auf, was du findest, und sei so höflich, uns zu bemerken./

Ihr seid nicht mehr da!/ Darum die Höflichkeit, John!

Die Geschichte wäre nicht von John Berger, würde die Mutter nicht aus dem Jenseits zu ihm sprechen: Er trifft sie auf einer Parkbank in Lissabon, wo sie nach ihrem Tod unerklärlicherweise wohnt, gestrandet zwischen ihrem alten Leben und einer ungewissen, neuen Welt. (Philipp Blom/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

Biografie
Kurbio John Berger beim Hanser Verlag

Zur Person
Philipp Blom
1971 in Hamburg geboren, hat in Wien und Oxford studiert und in London als Journalist gearbeitet. Heute lebt er als Autor und Essayist in Paris.

Zuletzt erschien von ihm in Hans Magnus Enzensbergers "Anderer Bibliothek" im Eichborn Verlag der Band Das vernünftige Ungeheuer über die französischen Enzyklopädisten.
  • Artikelbild
    buchcover: fischer (tb) frankfurt
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