Sittliche Gefährdung durch Poesie

4. November 2006, 17:35
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Erinnerungen an so bewegte wie verklemmte Zeiten bei einer katholischen Studentenzeitschrift - Von Heide Pils

Elfriede Jelinek stellte einer jungen Autorin mit einem Gedicht die Weichen für ihre berufliche Laufbahn.


Ich hätte gewarnt sein müssen. Als ich im Jahr 1965 die redaktionelle Verantwortung für die katholische Schüler- und Studentenzeitschrift Aspekte übernommen habe, war mein sehr junger Vorgänger gerade gefeuert worden, weil er ein Gedicht - aus eigener Produktion - veröffentlicht hatte, das die kirchlichen Oberen als "sittlich gefährdend" empfanden: "... in deinem roten Mohnblumenschoß können meine Schiffe nicht fahren ..." . Na ja.

Es war eine spannende Zeit. Wir diskutierten in der Zeitschrift über vorehelichen Sex, Schülermitbestimmung, Zukunft der Kirche, Frauenpriestertum, Zölibat; die Mitarbeiter hießen u.a. Erhard Busek (Politik), Alfred Treiber (Kultur), Alfred Komarek (Glossen); junge Leute namens Wolfgang Kos, Maximilian Gottschlich, Johannes Voggenhuber, Franz Ferdinand Wolf schrieben Leserbriefe oder schickten Gedichte, und ein munterer Jusstudent, der Wolfgang Schüssel hieß, zeichnete Karikaturen. Ich keilte Gefälligkeitsinserate bei katholischen Wirtschaftstreibenden und druckte dafür mehr Seiten, anstatt mit dem Geld das Defizit zu verringern, wofür ich von der Geschäftsführung eine auf den Deckel bekam. Immerhin - die Auflage stieg von 3000 auf stolze 6000 Stück.

In der Doppelnummer vor den Sommerferien gab es jeweils eine Literaturbeilage, die von Alfred Treiber (heute bekanntlich Ö1-Chef) redaktionell betreut wurde. Im Jahr 1967 veröffentlichte Treiber in diesem Supplement zwei Gedichte einer mir völlig unbekannten Autorin namens Elfriede Jelinek. Einer dieser Texte ging so:

das eisenbahnerkind/ das tätowierte/ gräbt im wind/ nach pflaumen/ die zum fressen sind...

siegfrieds grasgrüne perücke/ im odenwald.../ siegfrieds heldentod fährt rolltreppe.../ ein roter schuh der touristin/ im schnee/ mein bruder, der wolf/ hat ihn seiner braut geschenkt/ im schnee/ ein brief vom herrn landru/ das lässt auf ein triebverbrechen schließen.

ändert die fahrpläne/ damit sie nicht/ in eure blindekuhspiele fallen./ gebt armen witwen und waisen/ keine sammelbüchsen!/ denn das blut lässt sich nicht besteigen/ wie die linke schamlippe des großen pan.../

hört auf alle rundfunkteilnehmer!/ denn sie essen den samen des wolfes/ und ihr geheul duftet/ gegen kinokassen...

Zwei Wochen später war ich gefeuert. Begründung: sittliche Gefährdung der jungen Leser, insbesondere der Priesterseminaristen. Der Kündigungsbrief des damaligen Jugendbischofs Dr. Franz Zak war überschrieben mit "Frau Pils!!" Ein "Sehr geehrte" oder Ähnliches war offenbar nicht mehr drin.

Ich stand also gewissermaßen auf der Straße. Aufgefangen hat mich Hubert Gaisbauer, Chef der damals neu gegründeten Ö3-Jugendredaktion. Treiber, Kos, Komarek und Schüssel waren auch schon dort. Damit waren die Weichen gestellt für eine berufliche Laufbahn, die mich später zum Fernsehen und zum Filmemachen geführt hat, dreißig wunderbare Jahre lang. Vielen Dank, Elfriede Jelinek!

P.S.: In der Ö3-Jugendredaktion bin ich Elfriede Jelinek übrigens zum ersten und bislang einzigen Mal begegnet, anlässlich einer Studiodiskussion mit ihr. Im Laufe dieses Gesprächs habe ich an sie eine Frage gestellt, und zwar die dümmste aller nur möglichen Fragen: "Sind Sie glücklich?" Frau Jelinek sah mich erstaunt an und antwortete sehr sanft irgendetwas in der Art, dass "Glück" für sie eigentlich keine Kategorie sei. Ich wurde rot und hab mich entsetzlich geniert. Und das tue ich heute noch immer.

Kritisches Resümee aus heutiger Sicht: 1. Früher einmal war die Katholische Jugend Österreichs ein Forum, eine "Brutstätte" für spannende, widerständige junge Leute, die heute noch in Politik, Kultur, Medien und Gesellschaft präsent, aber mittlerweile alle im Rentenalter sind. Und heute? Wo sind die jungen unangepassten katholischen Intellektuellen? Ich sehe nichts dergleichen.

2. Vor 40 Jahren hat man die gleichen kirchlichen Themen diskutiert wie heute: Frauenpriestertum, Zölibat, Leibfeindlichkeit ...

Hat sich was verändert? Nein. Nicht sehr ermutigend für die heutigen Widerständler von "Wir sind Kirche" oder der Pfarrerinitiative des Helmut Schüller.

3. Die sexuelle Verklemmtheit der Amtskirche ist so arg, dass sie nicht einmal ein Gedicht aushält, in der die "Schamlippe des großen Pan" vorkommt. Man könnte darüber lachen, wenn man nicht wüsste, wie viel Unheil das Verhältnis der katholischen Kirche zur Sexualität angerichtet hat und noch immer anrichtet. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

Zur Person
Heide Pils ist freie Autorin und Ex-Filmemacherin.
  • Wie sich Literatur aufs Leben auswirken kann: Elfriede Jelinek feierte am 20. Oktober ihren 60. Geburtstag.
    foto: standard/matthias cremer
    Wie sich Literatur aufs Leben auswirken kann: Elfriede Jelinek feierte am 20. Oktober ihren 60. Geburtstag.
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