Plakatwandheld ist ein Terrier-Hundserl - ein Kampagntscherl prägt das Stadtbild
Was wäre die Sprache der Bundeshauptstadt ohne die bagatellisierende Kraft seiner Endsilbe "erl"! Ohne das Vierterl (zu schmächtig für Alkohol). Ohne das Zigaretterl (zu zart für Ni- kotin). Ohne das Sekun- derl (zu kurz für eine Verzögerung). Ohne das Pantscherl (zu harmlos für eine Affäre).
Mit "erl" diplomiert sich der Wiener seine Leichtmütigkeit. Mit "erl" weicht er Unannehmlichkeiten aus und federt Grobheiten ab. Dank "erl" lassen sich die härtesten Brocken des Alltags auf die leichte Schulter nehmen, von wo sie einem bequem den Buckel runterrutschen können.
Als hätte die städtische Verniedlichungsfähigkeit noch eines letzten Beweises bedurft, läuft seit einigen Wochen ein Stadtbild prägendes Kampagntscherl mit tausenden Zetterln und Pickerln. Plakatwandheld ist ein Terrier-Hundserl mit großem Kopferl und kleinen Fußerl. Im Goscherl hält es ein Taferl mit der Botschaft: "Nimm ein Sackerl für mein Gackerl." (MA-Werbetexter hätte man werden sollen.)
Jedenfalls lässt sich anhand der Kampagne recht eindrucksvoll nachvollziehen, warum Hundebesitzer in Wien nicht auf die Idee kommen, den Dreck wirklich wegzuräumen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 4/5.11.2006)